Homeoffice: Der Tankrabatt, den nur Arbeitgeber vergeben können – ein Kommentar 

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Manchmal schreibt man etwas, das man am liebsten sofort wieder vergessen würde. Nicht weil es schlecht war, sondern weil man hofft, die Realität erledigt das Problem schneller als der Lesende den Text vergisst. Die Spritpreise würden ab März 2026 fallen, der Nahostkonflikt würde sich entspannen, und irgendwann würde dieser Kommentar still und würdevoll im Archiv verschwinden. 

Stattdessen: Diesel, 2,46 Euro. Neuer Allzeithöchststand, Mitte September 2026. Benzin derzeit 2,29 Euro – und das ist schon die Entspannungsphase.  Ich habe in den vergangenen Wochen viel über Demut gelernt. 

Der Staat macht was. Wieder. 

Die Politik hat auf ihre Art reagiert: Ab 1. Oktober gilt der zweite Tankrabatt dieses Jahres: 17 Cent weniger pro Liter, befristet bis Silvester, 2,5 Milliarden Euro Gesamtkosten. Bereits beim ersten Anlauf im Frühjahr 2026 landete ein erheblicher Teil des Nachlasses nicht an der Zapfsäule, sondern in den Margen der Mineralölkonzerne. Wirtschaftsweise Veronika Grimm nannte das Ergebnis deshalb „zynisch“; ihre Kollegin Monika Schnitzer hält dem „Gießkannenprinzip“ gezielte Direktzahlungen an einkommensschwache Haushalte entgegen. Ob man mit 2,5 Milliarden Euro nicht mehr hätte ausrichten können? Darüber streiten Ökonomen und Ökonominnen gerade öffentlich. 

Der Blick auf die Preistafeln an den Tankstellen treibt Pendlern und Pendlerinnen jedenfalls wieder Tränen in die Augen. Die Frage, ob Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, die im Homeoffice arbeiten, dieser Tage besonders viel Geld sparen, kann klar beantwortet werden: ja. 

Die Frage, ob hohe Kraftstoffkosten die Beschäftigten berechtigen, im Homeoffice zu arbeiten, beantwortet der Gesetzgeber indes auch klar: nein. Wie Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zur Arbeit kommen, fällt in die persönliche Risikosphäre der Beschäftigten – nicht in die betriebliche Verantwortung. Wer das anders sieht, verwechselt Wunsch mit Wirklichkeit. 

Hohe Spritpreise belasten Arbeitnehmer: Das können Arbeitgeber tun 

Aber: Was macht ein kluger Arbeitgeber mit dieser Situation? Die naheliegende Antwort wäre: nichts. Rechtslage klären, Thema abhaken, weitermachen. Dieses Vorgehen ist rechtlich korrekt. Es ist aber auch strategisch kurzsichtig. 

Denn hinter der Forderung nach Homeoffice steckt selten eine juristische Argumentation. Es steckt ein Signal dahinter: Ich möchte als Mitarbeitender in meiner Situation gesehen werden. Es ist also ein emotionales Bedürfnis, ein Gefühl, womöglich sogar eine finanzielle Notlage. Und dieses Gefühl unbeantwortet zu lassen, kann kosten. Nicht einmalig, sondern täglich. In Form einer womöglich sinkenden Leistungsbereitschaft. 

Spritpreise können eine Chance für Mitarbeiterbindung sein 

Was also tun? Full remote für alle? Die Antwort muss keine dauerhafte Strukturentscheidung sein. Sie kann – und sollte – eine zeitlich begrenzte, klar kommunizierte Geste sein. Ein befristetes Mehr an Flexibilität beim Arbeitsort, das zwei Botschaften gleichzeitig signalisiert: Wir sehen euren Druck. Und wir reagieren darauf – ohne dabei unsere Erwartungen an eure Leistung aufzugeben. 

Das ist kein Einknicken vor einem Anspruch, den es rechtlich nicht gibt. Es ist gute Führung. 

Der aktuelle Hays HR-Report 2026 belegt das mit Zahlen. Nach Ansicht der Befragten fördern Führungskräfte Leistung vor allem durch Wertschätzung und Anerkennung (41 Prozent), Eigenverantwortung (38 Prozent) sowie klare Zielvorgaben (37 Prozent). Auch eine Vertrauensbasis (36 Prozent) wird als wichtig angesehen. Eine temporäre Homeoffice-Regelung ist, richtig kommuniziert, genau das: ein Akt der Wertschätzung. Einer, der in den Köpfen der Mitarbeitenden bleibt – lange nachdem die Spritpreise wieder gefallen sind. 

Spritpreislage als Einladung – auch im zweiten Anlauf 

Kein Arbeitnehmer und keine Arbeitnehmerin haben ein Recht auf Homeoffice, jedenfalls nicht von Gesetzes wegen. Das bleibt wahr. 

Damit Menschen gute Leistungen erbringen, bedarf es passender Rahmenbedingungen auf unterschiedlichen Ebenen. Das fängt an beim gesellschaftlichen Umfeld über geeignete Konditionen in der Organisation und reicht bis hin zur wertschätzenden Beziehung mit der direkten Führungskraft. 

Die Spritpreislage ist eine von der Realität gelieferte Einladung, genau das zu demonstrieren. Sie gilt noch. 

(Hinweis der Redaktion: In einer ersten Version wurde dieser Kommentar bereits im März 2026 veröffentlicht.)

Rebecca Scheibel

Rebecca Scheibel ist Redaktionsleiterin Online und verantwortlich für die digitalen Kanäle der Personalwirtschaft.