Bei dem Automobilzulieferer Schaeffler kommen Restrukturierungen in kurzen Abständen. Kaum hat das Unternehmen die im November 2024 beschlossenen Strukturmaßnahmen abgeschlossen und sind 1.800 Altersteilzeitverträge frisch unterzeichnet, kündigt der Vorstand die nächste Maßnahme als „Ergebnisverbesserungsprogramm“ an.
Es soll nach Unternehmensangaben Überkapazitäten abbauen, Entwicklungskapazitäten anpassen, Personalkosten senken und die Organisation vereinfachen. Ab 2030 erwartet das Unternehmen daraus jährlich rund 300 Millionen Euro an Ergebnisverbesserung. Die Einmalkosten beziffert Schaeffler mit etwa 480 Millionen Euro, der größte Teil davon soll noch 2026 als Restrukturierungsrückstellung verbucht werden.
Gehaltsverzicht: 10 Prozent weniger für den Vorstand
Vorstandschef Klaus Rosenfeld nannte in der F.A.Z. den „Solidaritätsbeitrag“, einen temporären Gehaltsverzicht über alle Hierarchieebenen hinweg, als „das wichtigste Element des Programms – auch im Vergleich zu vorangegangenen Programmen“. In Deutschland seien die Personalkosten pro Kopf fast zweieinhalbmal so hoch wie an anderen europäischen Standorten. Außerdem habe die Organisation zu viele Führungsebenen.
Was der Solidaritätsbeitrag konkret bedeutet, ist noch weitgehend offen. Laut der Mitteilung des Unternehmens ist der Gehaltsverzicht „noch im Detail auszuarbeiten“ und „mit den relevanten Gremien abzustimmen“. Er soll die Personalkosten pro Kopf senken und so „den notwendigen Stellenabbau und die damit verbundenen Einmalaufwendungen reduzieren“. In den Jahren 2027 und 2028 soll er die Gewinn- und Verlustrechnung unmittelbar entlasten. Ohne den Beitrag, so das Unternehmen, wäre der Stellenabbau „nochmals größer ausgefallen“.
Eine Zahl nannte Rosenfeld bereits: Der Vorstand verzichte auf 10 Prozent seines Gehalts, die Führungskräfte in etwas geringerem Umfang. Der Gehaltsverzicht des Vorstands sei für die kommenden zwei Jahre vorgesehen, wie eine Schaeffler-Sprecherin gegenüber unserer Redaktion äußerte. Ob und wie hoch der Beitrag für Tarifbeschäftigte ausfallen soll und auf welcher rechtlichen Grundlage er umgesetzt wird, ist bislang nicht bekannt. Ein Schaeffler-Sprecher sagte auf Anfrage von Ippen Media, dass er in Deutschland derzeit ausschließlich außertariflich Beschäftigte betreffen solle. Gegenüber unserer Redaktion äußert eine Schaeffler-Sprecherin am heutigen Mittwoch allerdings: „Die Beiträge des Managements, der außertariflichen und tariflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden noch definiert und verhandelt.”
Solidaritätsbeitrag klingt besser als Gehaltsverzicht
Dass Schaeffler bei den angestrebten Sparmaßnahmen öffentlich primär von einem „Solidaritätsbeitrag” spricht, ist kommunikativ ein geschickter Schachzug. Es handele sich nach den bisher vorliegenden Informationen um einen klassischen Gehaltsverzicht, ordnet Claus Vormann, Professor für Human Resources Management an der Fachhochschule Dortmund, die Maßnahme ein.
„Das Wording als ‚Solidaritätsbeitrag‘ ist sicherlich deutlich positiver als die Bezeichnung als ‚Gehaltsverzicht‘.“ Verzicht sei immer negativ konnotiert. „Wir wissen seit den Studien von Kahneman und Tversky, dass es schwerer wiegt, etwas zu verlieren, als etwas gleichwertiges zu gewinnen. Der Begriff ‚Solidarität‘ hingegen ist positiv behaftet und ‚Beitrag‘ suggeriert Handlungsmacht, ich kann etwas beitragen. Das Label ist also in jedem Fall gut gewählt.“ Ob es als positives Signal auch bei den Beschäftigten verfängt, hänge aber von der konkreten Ausgestaltung ab, erläuterte Vormann.
Es gebe verschiedenen Beispiele in der deutschen Wirtschaftsgeschichte, in denen die Beschäftigten sich auf einen Gehaltsverzicht eingelassen hätten, etwa bei der Einführung der Vier-Tage-Woche mit Gehaltsverzicht bei VW in den 1990er-Jahren. In manchen Fällen – etwa bei Karstadt – hätten Krise und Insolvenz jedoch auch durch mehrfache Gehaltsverzichte der Belegschaft nicht abgewendet werden können. Wichtig, so Vormann, seien „Zukunftsprognosen und Maßnahmen, die über das reine Sparen hinaus gehen“.
Das Wording als ‚Solidaritätsbeitrag‘ ist sicherlich deutlich positiver als die Bezeichnung als ‚Gehaltsverzicht‘.
Claus Vormann, Professor für Human Resources Management an der Fachhochschule Dortmund
Schaeffler: Der Vorstand als Vorbild?
Im Hinblick auf den Beitrag der Vorstandsmitglieder zu dem Sparpaket hat der Wirtschaftswissenschaftler Vormann klare Vorstellungen, wie dieser ausgestaltet sein sollte, um die Vorbildfunktion der Führungsetage plausibel zu machen. „Nach den öffentlich einsehbaren Informationen besteht die Vorstandsvergütung bei Schaeffler – je nach Position – zu 35 bis 45 Prozent aus festen und zu 55 bis 65 Prozent aus variablen Bestandteilen. Die festen Bestandteile umfassen Fixum, Altersversorgung und Nebenleistungen wie Dienstwagen, die variablen teilen sich ungefähr hälftig in kurz- beziehungsweise langfristige Bausteine auf.“ Das sei ein übliches Vergütungssystem für Vorstände von Unternehmen dieser Größenordnung.
Für die Glaubwürdigkeit sei es wichtig, „wie sich der Gehaltsverzicht der Vorstände auf die Bestandteile verteilt. Hier schaue ich insbesondere auf die Long Term Incentives. Diese überwiegend aktienbasierte Komponente hat das Ziel, die nachhaltige Entwicklung des Unternehmenswertes zu fördern und die Interessen der Vorstände mit denen der Aktionäre zu verknüpfen”, erläutert Vormann. „Je nach konkreter Ausgestaltung der Vergütungskürzung könnte ein Effekt eintreten, bei dem mögliche Kürzungen im Fixum durch eine bessere Zielerreichung im langfristigen Bereich wieder kompensiert würden, weil sie eben einen sehr positiven Einfluss auf die Kursentwicklung haben.”
Die anderen Beschäftigtengruppen von Schaeffler hätten eine solche Möglichkeit möglicherweise nicht, analysiert Vormann. Sein Rat: „Wenn der Vorstand seiner Vorbildfunktion gerecht werden möchte, sollte der Belegschaft sehr genau kommuniziert werden, welche Vergütungskomponenten vom ‘Solidaritätsbeitrag’ betroffen sind.”
Autoindustrie in Europa schrumpft
Rosenfeld begründet den neuen Einschnitt mit einer dauerhaften Verschiebung des Marktes. „Unser Ergebnisverbesserungsprogramm ist die Antwort auf den strukturellen Rückgang der Autoindustrie in Europa“. Auslöser sei der beschleunigte Absatzeinbruch bei Verbrennerfahrzeugen, während die Elektromobilität nur schleppend hochlaufe. Wie stark der Markt geschrumpft ist, machte Rosenfeld an einer Zahl fest: 2019 wurden in Europa noch 22,6 Millionen Autos produziert, 2026 sind es nur noch 15,3 Millionen. Wenn das Volumen in den kommenden Jahren auch nur annähernd stabil bleibe, wäre er laut F.A.Z. „schon äußerst zufrieden“.
Stellenabbau an 16 Standorten
Schaeffler kündigte neben dem Solidaritätsprogramm auch den Abbau von 3.460 Stellen an, rund 2.660 davon entfallen auf Deutschland und rund 800 auf das übrige Europa. Etwa die Hälfte betrifft die Produktion, 30 Prozent Forschung und Entwicklung und 20 Prozent weitere Funktionsbereiche. Bezogen auf die deutsche Stammbelegschaft von 31.957 Beschäftigten (Stand 30. September 2026) fallen damit bis 2028 rund 9 Prozent der Stellen weg. Rechnet man die Altprogramme und die geschlossenen Altersteilzeitverträge hinzu, sind es nach Unternehmensangaben rund 18 Prozent.
Geschlossen werden sollen das Werk Dortmund mit 430 Beschäftigten und der Standort Morbach mit 160 Mitarbeitenden. Beide gehören zur Sparte Powertrain & Chassis und fertigen Komponenten für Verbrennungsmotoren. Die Aktivitäten in Berlin mit etwa 270 Beschäftigten sollen eingestellt werden, der Standort Schwalbach wird aufgegeben. Ein Großteil der dortigen rund 385 Beschäftigten soll nach Frankfurt wechseln. Den Werkzeugbau in Höchstadt will Schaeffler einstellen. Im Sondermaschinenbau in Erlangen und Schweinfurt sowie in Herzogenaurach, Bühl, Nürnberg und Regensburg sind Anpassungen geplant. Im Ausland betrifft der Abbau Haguenau und Toulouse in Frankreich sowie Skalica und Kysuce in der Slowakei. Der belgische Standort Herstal mit rund 15 Beschäftigten wird geschlossen.
Offene Fragen für HR
Für HR-Verantwortliche wirft das Modell grundsätzliche Fragen auf. Ein Verzicht, der als „freiwillig“ bezeichnet wird, aber ausdrücklich mit dem Umfang des Stellenabbaus verknüpft ist, steht unter erheblichem Erklärungsdruck. Wie frei ist die Entscheidung, wenn im Nachbarwerk Stellen wegfallen? Was passiert mit Beschäftigten, die nicht mitmachen? Hinzu kommt das Arbeitsrecht. Bei tarifgebundenen Beschäftigten ist ein Verzicht auf tarifliche Ansprüche nach dem Tarifvertragsgesetz grundsätzlich nur in einem von den Tarifparteien gebilligten Vergleich zulässig. Ohne die IG Metall dürfte sich der Verzicht für diese Gruppe deshalb kaum rechtssicher umsetzen lassen. Auch der Betriebsrat hat bei Fragen der Entgeltgestaltung mitzureden.
Ebenso offen ist die Frage nach der Gegenleistung. Beschäftigungs- und Standortzusagen, Besserungsklauseln oder eine Nachzahlung bei besserer Geschäftslage sind in solchen Fällen gängige Verhandlungsmasse. Dazu äußert sich die Pressemitteilung nicht. Grundlage der Umsetzung soll die 2018 geschlossene Zukunftsvereinbarung sein, die strukturellen Maßnahmen sind überwiegend für 2027 und 2028 vorgesehen. Personalvorständin Astrid Fontaine betont: „Als Familienunternehmen ist es uns besonders wichtig, dass wir die notwendigen Maßnahmen im engen Dialog mit den Arbeitnehmervertretungen sozialverträglich umsetzen.“
Kritik von Gewerkschaft und Betriebsrat
Die Arbeitnehmerseite reagierte sehr kritisch auf die neue Schaeffler-Initiative. Thomas Höhn, Unternehmensbeauftragter der IG Metall für Schaeffler, sagte, dass das Unternehmen zwar ein detailliertes Abbaukonzept für Deutschland und zugleich eine globale Wachstumsstrategie für den Konzern präsentiert habe. „Was fehlt, ist die Verbindung zwischen beidem: eine konkrete Antwort darauf, welche Produkte und Technologien künftig in Deutschland entwickelt und gefertigt werden, wo investiert wird und wie viel Beschäftigung Schaeffler hier bis 2030 sichern will. Genau diese Perspektive muss jetzt auf den Tisch. Erst dann kann überhaupt über Stellenabbau oder andere Maßnahmen gesprochen werden.“
Zusammen mit dem Konzernbetriebsrat fordert die Gewerkschaft ein „belastbares industrielles Zukunftskonzept, das konkrete Investitionen sowie die künftige Ansiedlung von Produkten, Technologien und Wertschöpfung an den deutschen Schaeffler-Standorten aufzeigt.“
Verzicht mitten in der Tarifrunde
Der Zeitpunkt der Ankündigung verschärft die Lage. In der Metall- und Elektroindustrie laufen derzeit die Tarifverhandlungen. Nach Darstellung der IG Metall boten die Arbeitgeber in der zweiten Verhandlungsrunde Ende Oktober lediglich 1,3 Prozent mehr Geld, und das erst ab Juli 2028 bei einer Laufzeit bis Ende 2028. Die Gewerkschaft rechnet vor, dass die Entgelte damit im Jahresschnitt nur um 0,6 Prozent stiegen. Bei einer Inflation von bis zu 3 Prozent bedeute das ein deutliches reales Minus. Zusagen zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten hätten die Arbeitgeber im Gegenzug nicht machen wollen.
Neue Geschäftsfelder als Hoffnungsträger
Das Unternehmen setzt dem Abbau in seinem klassischen Geschäftsfeld Automotive seine Strategie als „Motion Technology Company“ entgegen. Zumindest ein Teil der wegfallenden Stellen soll durch neue Arbeitsplätze in Wachstumsfeldern ausgeglichen werden. Produktionsvorstand Jochen Schröder nennt vor allem humanoide Robotik und Verteidigung. Dort könne Schaeffler auf Know-how aus dem Kerngeschäft zurückgreifen. Rosenfeld kündigte an, „so weit wie möglich rückläufige Aktivitäten durch neues Geschäft zu ersetzen“.
Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel wurde am 3. November 2026 veröffentlicht und zuletzt am 4. November 2026 aktualisiert.
Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

