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Was bedeutet Disziplin?

In der vermeintlichen Laisser-faire-Kultur der nachrückenden Generation Y und des agilen Managements hat Disziplin keinen Platz mehr, könnte man vermuten. Dabei ist sie ein wichtiges Fundament für Zielerreichung, Zuverlässigkeit und Vertrauen. Wie das auch heute noch zusammengehen kann, zeigt unser Beitrag von Dr. Ingo Markgraf und Michael Sauer.

Das Hohelied auf die Disziplin wird viele freuen, die schon lange die zunehmende Disziplinlosigkeit bemängeln – meistens die der anderen. Disziplin ist vielfach im Sinne eines preußischen Gehorsams verankert. Das ist nicht gemeint. Blinder Gehorsam ist die zerstörerische Form der Disziplin, denn sie führt zu der Gedankenlosigkeit, die zu innerer Kündigung und Fehlern führt. Disziplin ist hier im Sinne einer gemeinsamen Zielerreichung gemeint. Disziplin ist Teil einer Kultur, die Zuverlässigkeit, Vertrauen und das gemeinsame Ziel in den Fokus allen Handelns stellt. Disziplin ist das Gegenteil von Führen durch Befehl.

Diese widersprüchlich anmutende Behauptung lässt sich gerade anhand des Beispiels der militärischen Führung gut erläutern. In einer Tornado-Fliegerstaffel gibt es das Gebot der unbedingten Disziplin, denn sonst sterben Menschen. Ein typischer Einsatz mit einem Tornado erfordert den Überflug eines vorgegebenen Ziels, unter der Einhaltung komplexer politischer Vorgaben, zu einer vorher festgelegten Zeit, mit mehrstündigem Anflug und einer maximalen Abweichung von +/- 5 Sekunden, und das nicht selten in einem multinationalen Verbund.
Vor diesem Hintergrund ist Zeit eine extrem limitierte Ressource, die sinnvoll eingesetzt werden muss, um schnell die angestrebten Ziele zu erreichen. Hier ist schnell plausibel, dass Disziplin gefordert ist. Wenn das Briefing um 9.00 Uhr beginnt, geht um 9.00 Uhr die Tür zu. Wer nicht da ist, bleibt draußen. Die Prozesse zwischen allen Beteiligten werden peinlich genau eingehalten. Wenn sich der Pilot nicht auf seinen Techniker verlassen kann, ist sein Leben in Gefahr. Der Funkverkehr hält sich an genaue Regeln.
 
Wozu führt diese Erkenntnis, dass sich alle an die Regeln halten müssen: zu absolutem Vertrauen, zu hundertprozentiger Achtsamkeit und zu der totalen Fokussierung auf die Erreichung der Ziele! Disziplin heißt, ich kann mich auf meinen Nachbarn verlassen, wir funktionieren als Gruppe, es bleibt niemand zurück und es gibt kein zurückbehaltenes Herrschaftswissen. Der wichtigste Punkt ist jedoch, dass Fehler nicht als die Schuld des Einzelnen angesehen werden, sondern als die Verantwortung des gesamten Systems.

Die Organisationspsychologen Weick und Sutcliffe haben nach den Prinzipien gesucht, die Hochsicherheitsorganisationen widerstandsfähig gegen Krisen machen. Einer der wesentlichen Punkte ist genau dieser Umgang mit Fehlern. Sie fanden geradezu eine Besessenheit nach Fehlern, um die Achtsamkeit zu stärken. Wichtig ist jedoch die Haltung gegenüber den Fehlern. Sie dienen nicht zur Sanktionierung der Schuldigen, sondern zur Verbesserung der Prozesse. Standards und Prozesse für herausfordernde Situationen erarbeitet man eben nicht erst, wenn diese eintreten. Zeitmanagement, Meetingkultur und Kommunikationsstandards müssen insbesondere von Vorgesetzten jeden Tag (vor)gelebt werden, damit sie in kritischen Phasen nicht erst durch “trial and error” erlernt werden, sondern ein natürlicher Teil der Organisation geworden sind.

Wer muss der Disziplinierteste sein? Der Chef!

Die Wirklichkeit in Unternehmen darf gerne damit abgeglichen werden. Wie pünktlich und gut vorbereitet beginnen Termine, wer hat im Meeting zuerst das Handy in der Hand, wie oft wird das “E-Mail cc” als persönliche Absicherung eingesetzt, wer hat mehr die eigene Profilierung gegenüber den Kollegen im Auge als das gemeinsame Ziel? Wem würden Sie Ihr Leben anvertrauen? Disziplin bedeutet die Einhaltung der selbst gesetzten Regeln, nicht der Gehorsam willkürlicher Tageslaunen. Und wer muss der Disziplinierteste von allen sein? Der Chef! Zu spät kommen, Unterlagen nicht gelesen, Termine kurzfristig absagen, Maßregelungen und Wutausbrüche tarnen sich als Fleiß, Führungsstärke und Geschäftigkeit.

Doch dieses Verhalten lässt sich überwinden. Durch regelmäßiges Üben und Leben einer Zusammenarbeit, die gegenseitiges Verständnis fördert, Kommunikation verbessert, Vertrauen aufbaut und auf Herrschaftswissen und Machtgehabe verzichtet.
 
In der Militärfliegerei ist die Anwendung von Leitsätzen mit höchster Disziplin das oberste Gebot für alle Beteiligten, ob sie in Cockpits sitzen, Flugzeuge instand setzen, oder als Fluglotsen den Flugverkehr überwachen. Denn nur die disziplinierte Einhaltung von Regeln, Prozessen und Verfahren schafft das Fundament für Sicherheit, Vertrauen, Lernen und Mission Accomplishment.

Welche grundlegenden Regeln halten Flieger ein?

  • Jeder ist pünktlich – immer!
  • Jeder liefert seine Leistung zu 100 Prozent ab. Abweichungen werden ohne Aufforderung gemeldet, das heißt ein Teamspirit, der sich zu 100 Prozent auf das Ziel fokussiert, gleichzeitig aber niemanden zurücklässt
  • offene, lösungsfokussierte Kommunikation und Koordination
  • Jeder Fehler wird zwischen allen Beteiligten analysiert. Es gibt keine individuelle Schuld, es gilt die Verantwortung aller.
  • Regeln gelten für alle gleich. Regelbrüche des Vorgesetzten führen zum Kollaps des Systems.

Was verbindet Menschen, die in einem so dynamischen und lebensgefährlichen Umfeld diszipliniert ihre Aufgaben erfüllen? Sie eint eine Kultur, die auf dem Fundament gemeinsam gelebter moralischer Werte und Vorstellungen, Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein gebaut ist. Außerdem eint sie der Gedanke, dass auch in schwierigen Situationen niemand zurück gelassen wird. Die Werte von Ehre, Integrität, Mitgefühl und bedingungsloser Professionalität sind kein leeres Leitbild an der Wand eines Meetingraums, sondern von allen akzeptiert und ehrlich im Bewusstsein verankert.

Was können Unternehmen von der Tornado-Staffel lernen?

  • Akzeptieren Sie keine schlechte Führung mehr – vor allem nicht bei sich selbst!
  • Halten Sie sich an die eigenen Regeln! Wenn es der Chef nicht macht, macht es niemand.
  • Schaffen Sie keine Worthülsen-Leitbilder. Wenn Sie Werte ausrufen, achten Sie darauf, dass alle diese kennen und sich daran halten.
  • Im Flieger rettet Kultur Leben, im Unternehmen ist sie Basis für Erfolg.

Die Autoren:

Dr. Ingo Markgraf ist Professor für Wirtschaftspsychologie und Marketing an der Hochschule Macromedia in Köln. Er begleitet als Berater und Coach Unternehmen in Veränderungsprozessen und bei der Kultur- und Personalentwicklung.

Oberstleutnant a.D. Michael Sauer, MBA arbeitet als freiberuflicher Berater, Trainer und Interim Manager. Er hat sich auf die Begleitung und Moderation von Veränderungsprozessen spezialisiert.