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Pandemie: Fachkräftegewinnung sorgt für weniger Kopfschmerzen

Die aktuellen Umfrageergebnisse der Langzeitstudie Talent Klima Index (TKI). (Grafik: Klaus Stulle)
Die aktuellen Umfrageergebnisse der Langzeitstudie Talent Klima Index (TKI). (Grafik: Klaus Stulle)

HR, Führungskräfte und CEOs zeigen sich seit Ausbruch der Corona-Pandemie zuversichtlich, was die Gewinnung und das Halten von Fachkräften angeht. Dies geht aus den aktuellen Umfrageergebnissen der Langzeitstudie Talent Klima Index (TKI) hervor, die von der Hochschule Fresenius und dem Beratungsunternehmen Profil M halbjährlich durchgeführt wird. Die neusten Ergebnisse beziehen sich auf das zweite Halbjahr 2020.

Von 173 Befragten aus dem Bereich HR, Geschäftsführung und Vorstand gaben mehr als die Hälfte an, dass sie die Verfügbarkeit von Fach- und Führungskräften derzeit als “eher gut” bewerten. Dies trifft sowohl auf das Vorhandensein von externen sowie internen Talenten zu. Hier hat sich vor allem der Eindruck auf die externe Lage positiv verändert, so die Studienverfasser. “Wir konnten eine klare negative Korrelation zwischen der wirtschaftlichen Situation und dem Fachkräftemangel nachweisen”, sagt Professor Klaus Stulle von der Hochschule Fresenius. “Je schlechter es der Wirtschaft geht, als desto wahrscheinlicher empfinden es HR-Verantwortliche, Fachkräfte zu finden.” Dies gründe wahrscheinlich auf dem Glauben, dass entweder Talente von anderen Unternehmen entlassen oder wegen Insolvenz et cetera ihren Job verlieren oder nicht mehr so viele Organisationen nach Fachkräften suchen, da sie es sich finanziell derzeit nicht leisten können.

Kurzzeiteffekt

Auch für die nahe Zukunft rechnen die Befragten mit positiven Aussichten beim Bestreben um Fachkräfte. Anja Beenen von Projekt M geht allerdings davon aus, dass sich nach der Corona-Krise dies wieder ändern wird – und zwar ebenso schnell wie jetzt in Richtung Entspannung. “Dass wir zu wenige Fachkräfte haben, ändert sich auch durch die Krise nicht. Es ist demografisch begründet und wird nach dem Ende der Pandemie wieder sichtbar und spürbar werden”, sagt Beenen. “Die Digitalisierung wird das nicht wettmachen – zumindest rein quantitativ und im Durchschnitt über Branchen und Jobs.”

Obwohl das Thema Verfügbarkeit von Fachkräften bei den Befragten momentan tendenziell eher für Entspannung sorgt, gab eine große Mehrheit von ihnen an, dass das Talent Management derzeit in ihrem Betrieb eine der Prioritäten ist. Erstmals seit Studienbeginn sind sich hier Führungskräfte und Vorstände mit der Personalabteilung einig: 81 Prozent der Befragten gaben an, dass Talent Management zukünftig einen noch höheren Stellenwert im Top Management haben wird, bei den Personalern prognostizieren dies 83 Prozent. “Das ist überraschend”, sagt Beenen. “Wir hätten damit gerechnet, dass das Commitment durch die Corona-Krise abnimmt. Offensichtlich ist die Bedeutung nachhaltigen Talent Managements mittlerweile in der Wahrnehmung der Führungskräfte verankert.”

In Krisenzeiten wird Sicherheit für alle Generationen wichtiger

An die Krise angepasst haben sich allerdings die Bedürfnisse der Arbeitnehmer. Arbeitssicherheit ist über alle Generationen hinweg wichtiger geworden. Zuvor hatte nur die Generation der Baby-Boomer viel Wert auf Arbeitssicherheit gelegt. “Wir haben eine Verschiebung hin zu einem konservativen, sicherheitsorientierten Bewerberverhalten festgestellt”, sagt Stulle. “Trotz der Krise ist die Bedeutung einer guten Work-Life-Balance weiterhin ungebrochen.” Mit dem erhöhten Sicherheitsbedürfnis könne man auch die durchschnittlich bessere Bewertung des Arbeitgebers in Verbindung bringen. “Derzeit kommt es darauf an, dass man einen Arbeitsplatz hat und dieser möglichst sicher ist”, sagt Stulle. “Dinge, die sich vorher als Trend gezeigt haben, wie etwa Purpose sind beim Personalmanagement weniger wichtig.” Doch Beenen ist davon überzeugt, dass das erhöhte Sicherheitsbedürfnis den sich vor der Corona-Pandemie angebahnten Trend zu fluiden Netzwerken nicht aufhalten wird. Es seien lediglich zwei verschiedene Tendenzen, die sich derzeit zeigten. “In vielen Organisationen wird es einen eher überschaubaren Kern an festen Mitarbeitenden geben und die restlichen Arbeitskräfte werden je nach Projekt zeitweise aus Netzwerken hinzugeholt mit denen die Unternehmen kontinuierlich im Austausch sind.”

Die Recruiting-Strategien der HR-Verantwortlichen haben sich im vergangenen Halbjahr nur gering verändert. Allerdings sei ein vermehrter Fokus auf Relationship-Management zu erkennen. Bestehende Kontakte würden verstärkt aktiv genutzt, Programme wie “Mitarbeiter werben Mitarbeiter” als effektiver angesehen. Auch die sozialen Medien spielen weiterhin eine starke Rolle im Recruiting-Prozess. “Hier sind die Menschen auch zu Pandemiezeiten unterwegs”, sagt Stulle. Messen, um mit neuen Talenten in Kontakt zu kommen, habe es schließlich seit Ausbruch der Pandemie wenige gegeben. Mittel wie Stellenanzeigen werden dennoch laut den Angaben der Befragten am häufigsten beim Recruiting genutzt.

Zur aktuell laufenden TKI-Umfrage gelangen Sie hier.

Ist Redakteurin der Personalwirtschaft. Ihre inhaltlichen Schwerpunkte sind die Themen Diversity, Gleichberechtigung und Work-Life-Balance.