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Ausbildungs-Recruiting: So gewinnen Unternehmen wie Edeka ihre Azubis

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Wie lassen sich Jugendliche für eine Ausbildung gewinnen? Besonders dann, wenn es eben nicht um die „üblichen“ Top-Ten-Ausbildungsberufe geht, die junge Menschen aus ihrem Umfeld kennen. Mit noch mehr Informationen auf noch mehr Kanälen ist es nicht getan: Tatsächlich „leiden“ junge Menschen weniger an fehlenden Informationen über die zahlreichen Ausbildungsmöglichkeiten, die es gibt. Ein Problem ist vielmehr die überbordende Fülle an Informationskanälen, durch die sie sich überfordert fühlen, wie Studien zeigen.

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Eltern als Influencer

Ein Ansatz, um im Dschungel der Informationen einen Pfad zu den Jugendlichen zu bahnen, ist der Umweg über die Eltern. Die Bundesagentur für Arbeit bietet im März Verbänden und bundesweit aktiven Unternehmen mit der zehntägigen Veranstaltungsreihe der digitalen Elternabende eine Plattform dazu. „Eltern sind die wichtigsten Ratgeber und ‚Influencer‘ bei der Berufswahl ihrer Kinder, oft noch vor Schule und Internet“, erläutert BA-Sprecherin Susanne Schnieber. „Sie prägen durch Vorbildfunktion, Wertevermittlung und emotionale Unterstützung den Prozess maßgeblich.

Als ‚Berufswahl-Coaches‘ helfen sie, Orientierung zu schaffen, Stärken zu erkennen und Praktika zu finden.“ Es sei wichtig, Eltern bestmöglich zu befähigen, sich einen aktuellen Überblick über Ausbildungs-, und Studienwege zu verschaffen, so die BA-Expertin. Die digitalen Elternabende kommen offenbar an: In den vergangenen Jahren wurden bereits knapp 15.000 Haushalte erreicht. 

Veraltete Vorstellungen korrigieren   

Nicht nur bei den Jugendlichen ist der Informationsbedarf über Ausbildungsmöglichkeiten groß, auch bei den Erwachsenen fehlt es mitunter an realistischen Vorstellungen. Aurelia Stein, Referentin Bildung beim Gesamtmetall-Verband, kennt die BA-Veranstaltung bereits aus früheren Jahren. Ihre Einschätzung: Für Gesamtmetall sei es wichtig, Eltern und Jugendlichen nicht nur Fakten zu Ausbildungsplätzen zu liefern, sondern ein differenziertes Bild der Branche zu vermitteln.

Es gehe darum, Vorurteile über die Industrie aufzulösen und aktuelle Karriere- und Zukunftschancen in den Fokus zu rücken. Viele Familien hätten noch veraltete Bilder von Berufsbildern in der Metall- und Elektroindustrie, die nicht den realen, stark technologie- und digital geprägten Arbeitswelten entsprächen. „Die Elternabende helfen dem Verband, diese Perspektive zu verändern und langfristige Entwicklungschancen, etwa im Kontext von Digitalisierung, Energiewende und Klimaschutz, zu vermitteln“, so Stein.

Multiplikatoren ansprechen

In die gleiche Kerbe schlägt die Bildungsexpertin des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH), Dr. Kirsten Kielbassa-Schnepp: „Bei den digitalen Elternabenden lassen sich häufig veraltete Vorstellungen korrigieren, Klischees auflösen und ein realistisches Bild des Handwerks vermitteln, das zeigt, wie modern, innovativ und digital viele Berufe in diesem Bereich tatsächlich sind.“

Bereits zum dritten Mal ist der ZDH bei der Veranstaltung dabei. Die Erfahrungen bisher sind rundum gut – und offenbar kommt das Format auch nicht nur bei der Kernzielgruppe an: „Neben Eltern und Jugendlichen konnten bisher auch Berufsberaterinnen und Berufsberater der Bundesagentur für Arbeit als Multiplikatoren, Gymnasien sowie deutsche Auslandsschulen erreicht werden“, so Kielbassa-Schnepp.

Azubi-Mangel bei Edeka

Gerade diese „beratenden Zielgruppen“ hat auch der Handelsriese Edeka, der ebenfalls bei der BA-Veranstaltung teilnimmt, bei Kampagnen zum Azubi-Marketing im Blick, heißt es von dem Unternehmen. Der Bedarf bei dem genossenschaftlich organisierten Verbund ist riesig: Nach Angaben des Unternehmens werden im gesamten Edeka-Verbund mehr als 50 verschiedene Ausbildungsberufe sowie duale Studiengänge angeboten, von den klassischen Verkaufs- und Handelsberufen über Logistik, Verwaltung und IT bis hin zu Berufen in der Produktion, beispielsweise im Fleischer-, Bäcker- oder Konditorhandwerk.

Obwohl allein im vergangenen Jahr im Edeka-Verbund inklusive Netto Marken-Discount über 9.000 neue Auszubildende eingestellt worden seien, habe man nicht alle Ausbildungsplätze besetzen können – entweder weil keine ausreichenden beziehungsweise passenden Talente gefunden wurden oder weil junge Menschen teils falsche Vorstellungen von einzelnen Ausbildungsberufen haben.

Branchenvielfalt vorstellen

Der Bundesarbeitgeberverband Chemie e. V. (BAVC) nutzt die digitalen Elternabende ebenfalls, um die Branchenvielfalt und die unterschiedlichen Ausbildungsmöglichkeiten sichtbar zu machen. Christopher Knieling, Programmleiter im Nachwuchsmarketing, ist es wichtig, praxisnahe Einblicke zu vermitteln. Man wolle Eltern Werkzeuge an die Hand geben, mit denen sie gemeinsam mit ihren Kindern Orientierung finden – etwa über digitale Tools wie den Ausbildungsfinder, der dabei hilft, Interessen und Stärken zu erkennen und passende Ausbildungswege zu entdecken.

Konkrete Fragen

Neben „großen Themen“ geht es bei den Elternabenden oft um ganz praktische Aspekte, erklärt BA-Sprecherin Schnieber: „Die meisten Fragen drehen sich um Einstiegsmöglichkeiten, Praktika und Übernahmechancen, Aufstiegsmöglichkeiten, Benefits, und Auslandserfahrungen oder Bewerbungswege.“ Dazu kämen die Begleitung vor und während der Ausbildung sowie Fragen nach regionalen Ausbildungsausschreibungen. Auch der „Purpose“ der Berufe spiele häufig eine Rolle.

Direkter Kontakt für Unternehmen

Im Gesundheitswesen sind die digitalen Elternabende ein wichtiger Baustein der Ausbildungsakquise, sagt Svenja Dörfler, Leiterin Education & Global Talents bei den Helios Kliniken. Das Format ermögliche es, die Vielfalt der klinischen Ausbildung darzustellen. Im Krankenhauskontext sei es wichtig zu zeigen, dass Ausbildungschancen weit über klassische Pflege- und ärztliche Laufbahnen hinausgehen – etwa in medizinisch-technischen Berufen, in der Verwaltung oder in technischen Bereichen.

„Gerade im Krankenhaus denken viele zunächst nur an Pflege – aber wir stellen darüber hinaus viele andere Gesundheits- und technische Ausbildungswege vor“, erläutert Dörfler.  In der Folge der digitalen Elternabende erhalte Helios regelmäßig Praktikumsanfragen, dies zeige, dass Familien nicht nur zuhören, sondern aktiv Anschlussfragen stellen und sich konkrete Schritte überlegen.

Niedrigschwelliger Zugang

Aus Sicht der BA bereichern die digitalen Elternabende die Berufsorientierungslandschaft, schon weil sie niedrigschwellig zu nutzen sind – Familien können mit geringem Aufwand und ohne Anmelde- oder Registrierungshürden teilnehmen. Angesichts der Vielzahl an Ausbildungsberufen und dualen Studienmöglichkeiten sei eine frühe und praxisnahe Auseinandersetzung mit beruflichen Optionen für viele Familien hilfreich, um die „richtige Entscheidung zu treffen“.

Info

Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Forschung & Lehre sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.