Reverse Recruiting Event: So war die Pitch Club Developer Edition

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Dienstags Freibier, freitags die Partyreihe „gönn! Dir“: Der Studierendenclub Roonburg ist in Köln bekannt – allerdings eher weniger als Location für Businessevents. Doch an diesem Donnerstag findet zwischen Ziegelgewölbe und Backsteinwänden genau das statt: die insgesamt 147. Ausgabe des „Pitch Clubs“ in der „Developer Edition“. Was das ist, erklärt der Veranstalter Stefan Maas so: „14 Unternehmen, 60-80 vorselektierte Entwickler, 6 Minuten Zeit für jedes Unternehmen alles bei einem Pitch zu geben. Nach den Pitches geht es in 1-on-1 Gespräche.“ 

ITler und ITlerinnen sind bekanntermaßen rares Gut auf dem Arbeitsmarkt. Aktuell sagen nur noch 8 Prozent der Unternehmen, dass das Angebot an IT-Fachkräften ausreichend ist, wie zuletzt wieder eine jährliche Bitkom-Studie zeigte. Wer mit den herkömmlichen Recruitingkanälen nicht mehr fündig wird, sucht und versucht neue Wege. Einer davon: Reverse Recruiting. Nicht die Arbeitskraft bewirbt sich beim Unternehmen, sondern andersherum. Häufig per Mail, Social Media und Telefon. Oder aber bei Events wie in der Kölner Roonburg.

Zum 147. Mal: Auf die Plätze, fertig, pitch!

Foto: Personalwirtschaft

Entstanden ist die Reihe dabei aus dem ursprünglichen „Pitch Club“, bei dem seit knapp zehn Jahren Start-ups vor Investoren und Investorinnen pitchen. Insgesamt wurden nach eigenen Angaben weit mehr als 44 Millionen Euro vermittelt. 2017 wurde dann die „Developer Edition“ als Weiterentwicklung gelauncht – ebenfalls bundesweit in wechselnden Städten. Die Teilnahme für die Fachkräfte ist dabei frei, finanziert wird das Event von den pitchenden Unternehmen. Die schiere Menge von etwas zeugt längst nicht automatisch von Erfolg oder Qualität. Doch vermutlich würde es die 147. Ausgabe des Pitch Clubs nicht geben, wenn sich nicht genügend Unternehmen dafür interessieren würden oder nichts dabei rumkommen würde.

Im Kölner Burgkeller herrscht bei der Veranstaltung eine gemütliche Atmosphäre, die sich aber doch vom üblichen Bild in dem Club unterscheidet. Eine kleine Bühne und Stuhlreihen ersetzen die sonst wild tanzende Menge. Rechts von der Pitch-Area hat jedes Unternehmen in den verwinkelten Gängen einen Stehtisch und Roll-ups zur Verfügung. Dadurch hat das Ganze auch etwas von Jobmesse. Recruitingtrend trifft also auf Altbewährtes.

Der erste Pitch – und erste Erkenntnisse 

Den Start an diesem Nachmittag macht das Softwarenentwicklungsunternehmen Valantic aus München. Eine HR-Managerin und ein ITler erzählen von den Vorzügen des Unternehmens. Sie berichten von einer Fluktuationsrate von gerade mal 8 Prozent und durchschnittlich 14 Jahren Betriebszugehörigkeit heraus. Auch eine Academy für die berufliche Weiterbildung erwähnen sie. Der Softwareentwickler erklärt, wie seine Arbeit aussieht und sagt, dass er nirgends arbeiten würde, wo es nicht auch einen Kühlschrank voller Bier gibt – ein Scherz, vermutlich. Die sechs Minuten, die die beiden zur Verfügung haben, sind schnell vorbei.  

Weiter geht es mit Fragen, die während des Pitches über einen QR-Code eingereicht werden konnten. Thema Nummer eins dabei: Remote Work. Die Frage wird vorgelesen, gefolgt von einem Kichern aus dem Publikum. So manche Recruiter und Recruiterinnen fänden es vermutlich nicht so berauschend, wenn die erste Frage des Bewerbers die nach Homeoffice ist. Für die anwesenden Techies ist es wohl mit das Wichtigste, wie sich auch im weiteren Verlauf des Nachmittags und Abends zeigen wird: Erwähnt es ein Unternehmen nicht schon von sich aus in dem Pitch, taucht diese Frage fast immer im anschließenden Q-&-A-Teil auf. Valantic jedenfalls kann hier punkten: Homeoffice ist möglich. Weitere Fragen beziehen sich auf das Technische. Darauf, was ein „Mutation Test“ ist, und danach, welche Software eingesetzt und welche Programmierumgebungen genutzt werden. Letztere Frage fällt allerdings nur bei späteren Pitches, noch nicht bei Valantic. Schließlich war hier ein Tech Stack, also eine Auflistung der eingesetzten Software und Programmierumgebungen, Teil der Präsentation. Das Unternehmen wusste als Wiederholungstäter nämlich, worauf es ankommt. Zum dritten Mal sei man dabei, erklärt die Personalerin später begeistert. Schließlich habe man schon drei Stellen mithilfe des Events besetzen können. 

Glaubt man Veranstalter Stefan Maas, ist das ein guter Schnitt. Mit etwa eine Einstellung pro Teilnahme könnten die Unternehmen rechnen – abhängig natürlich von der Qualität des Pitches und der Attraktivität des Unternehmens. Es können also auch deutlich mehr sein: DB Systel gibt gegenüber den Veranstaltern beispielsweise an, zehn Einstellungen nach zwei Teilnahmen an der Pitch Club Developer Edition erzielt zu haben. Um die Zahl der Matchings zu gewährleisten und zu erhöhen, fragen Maas und seine Kolleginnen und Kollegen unter anderem vorab, welche Vakanzen es konkret bei den Unternehmen gibt und welche Kompetenzen die Teilnehmenden mitbringen. Die Kundenunternehmen jedenfalls scheinen zufrieden: Nur eins der 14 in Köln pitchenden Unternehmen ist zum ersten Mal dabei. 

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Nach den Pitches geht die Veranstaltung in ein lockeres Get-together in informeller Afterwork-Atmosphäre über. Nicht jedes Unternehmen hatte eine Person aus der Personalabteilung in dem Pitch oder überhaupt vor Ort. An den Ständen der Unternehmen geht es vor allem um Gespräche von „Techie“ zu „Techie“. „Das ist letztlich auch das Hauptargument für die anwesenden Jobkandidaten, da authentische und tiefgreifende Gespräche direkt mit der Fachabteilung, gegebenenfalls sogar mit der zukünftigen Chefin stattfinden“, erzählt Veranstalter Stefan Maas.

Alles zum Thema

Beim Reverse Recruiting ist es nicht mehr das Talent, das sich beim Unternehmen bewirbt, sondern das Unternehmen, welches geeignete Fachkräfte proaktiv von sich als Arbeitgeber und der ausgeschriebenen Stelle zu überzeugen versucht. Das Umdrehen der Rollen wird im gesamten Bewerbungsprozess berücksichtigt.

Wer sind die Teilnehmenden? 

Das Publikum macht einen recht heterogenen Eindruck. Klar, es sind deutlich mehr Männer da, aber eben nicht nur. Die Altersspanne erstreckt sich schätzungsweise von Anfang 20 bis Mitte 40. Maas ergänzt die Eckdaten der Teilnehmenden anhand der Statistik der vergangenen Events: 

  • 60 Prozent Berufserfahrene mit mindestens zwei Jahren Berufserfahrung, der Rest noch im Studium oder Berufseinsteiger mit weniger als zwei Jahren Berufserfahrung 
  • das Durchschnittsalter beläuft sich auf knapp über 30 
  • 95 Prozent der Kandidatinnen haben einen Studienabschluss oder befinden sich in den letzten zwei Semestern 
  • 66 Prozent beherrschen die Programmiersprache Java, 37 Prozent C# / .Net und 17 Prozent Android (nur ein Auszug zu den Programmiersprachen)

Noch etwa sechs Events der Pitch Club Developer Edition und die Veranstalter knacken die 10.000er-Marke an Teilnehmenden. Zeit für eine Finance, HR oder Marketing Edition? Denkbar sei das, sagt Maas, man teste immer neue Zielgruppen: „Schließlich nimmt der Fachkräftemangel in fast allen Bereichen kontinuierlich Jahr für Jahr zu.“

Info

Gesine Wagner betreut als Chefin vom Dienst Online die digitalen Kanäle der Personalwirtschaft und ist als Redakteurin hauptverantwortlich für die Themen Arbeitsrecht, Politik und Regulatorik. Sie ist weiterhin Ansprechpartnerin für alles, was mit HR-Start-ups zu tun hat. Zudem verantwortet sie das CHRO Panel.