Aktuelle Ausgabe

Newsletter

Abonnieren

Durchhalten und Anlauf nehmen

Eine Person hält ein Schild mit der Aufschrift Personaldienstleister
Foto: © contrastwerkstatt – stock.adobe.com

Die Zeitarbeitsbranche ist derzeit doppelt gebeutelt. Zum einen ist sie besonders von der Corona-Krise betroffen, zum anderen wird sie wieder verstärkt an den Pranger gestellt. Für die acht Player am Round Table ist das aber kein Grund zur Verzweiflung. Sie diskutierten nicht nur über die Corona-Krise, sondern vor allem auch über zukunftsweisende Entwicklungen in der Branche.

+++ Lesen Sie die wichtigsten Zitate der Branchenexperten › in dieser Bilderstrecke +++

Natürlich, die Pandemie war und ist ein Schlag ins Kontor: Die Zahl der Zeitarbeiter nahm nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit binnen eines Jahres um 120 000 ab. Die Anbieter berichten von einer Schockstarre, die mittlerweile aber längst einem rationaleren Blick auf die Situation gewichen ist. In der Mehrzahl der Fälle ist die Beziehung zwischen  Kundenunternehmen und Anbieter sogar vertrauensvoller geworden, weil ein erhöhter Beratungsbedarf besteht. Langsam, aber sicher scheint es nun wieder aufwärts zu gehen.

Zumindest, wenn der Branche nicht zusätzliche Knüppel zwischen die Beine geworfen werden. Zwar gibt es viel Anerkennung für die schnellen Reaktionen der Politik, beispielsweise beim Kurzarbeitergeld. Das Modell funktioniert, auch wenn es nicht jegliche Unbill vermeiden kann. Im Vergleich zu früheren Krisen haben die Kunden zudem differenzierter auf die aufgetretenen Probleme reagiert, berichten die Anbieter. So seien oftmals eben nicht zuerst die Zeitarbeiter freigestellt worden, um die Stammbelegschaft zu schützen. Vielmehr wurden individuelle Lösungen gesucht. Mehr noch: Wenn die Wirtschaft wieder anläuft, stehen die Chancen gut, dass noch mehr Zeitarbeit in Anspruch genommen wird, bis sich die Unternehmen wieder in sicherem Fahrwasser befinden.

Ärger über Schnellschüsse

Einigkeit herrscht bei den Anbietern am Round Table jedoch darüber, dass das Verbot von Werkverträgen und Zeitarbeit in der Fleischindustrie über das Ziel hinausschießt. Nicht nur, dass es am Kern des Problems vorbeigehe. Die aufgeregte mediale Diskussion darüber habe zudem dazu beigetragen, das Ansehen der gesamten Branche zu beschädigen.

Denn manch fragwürdige Vertragskonstrukte bei den Schlachtern und Verarbeitern waren bereits lange bekannt. Genau hingeschaut haben aber offenbar weder Zoll noch Politik. Nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies soll nun in einem Anflug von Aktionismus jegliche Zeitarbeit in der Fleischindustrie verboten werden. Das sei nicht nur unfair und ungerecht, sondern habe auch weitreichendere Folgen. Denn wer sich in der Branche nicht gut auskennt – und das ist wohl die Mehrheit der Bürger –, bei dem bleiben solche Skandale in Verbindung mit dem Begriff Zeitarbeit hängen. Ideen, wie man hier gegensteuern kann, gibt es bereits. Eine ist, mehr Werbung für das Positive zu machen, etwa für die Leistungen der Zeitarbeitsunternehmen und ihre Mitarbeiter. Manch systemrelevante Branche war in der Krise nämlich sehr auf diese angewiesen.

Digitalisierung wird bleiben

In ein oder zwei Jahren spielt Corona vielleicht nur noch eine untergeordnete Rolle – wer weiß? Megatrends wie die Digitalisierung aber werden alle Akteure noch länger beschäftigen. Sie ist ein Grund, warum die Fachexperten relativ optimistisch in die Zukunft schauen. Web-Konferenzen sind zwar nicht immer der Königsweg, sparen aber Zeit, die verstärkt in Kundenkontakte investiert werden kann. Auch die digitale Zeichnung von Verträgen beschleunigt Prozesse. Die Systeme sind vor allem dort stark, wo sie repetitive und administrative Aufgaben übernehmen können. Wie weit es darüber hinausgehen sollte, ist umstritten. Einige Teilnehmer betonen den Wert des Persönlichen, der im gesamten Personalbereich logischerweise eine besonders große Rolle spielt. Andere sehen dagegen in digitalen Vermittlungsportalen eine sinnvolle Option für die Zukunft.

Muster ohne viel Mehrwert

Ob Personalpartnerschaften eine ebensolche Option sein können? Auch dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Ausgangspunkt der Diskussion war das Experiment von McDonald’s und Aldi in der Corona-Krise: Mitarbeiter des Schnellrestaurants wurden befristet bei dem Discounter eingestellt und halfen dort bei der Warenverräumung. Dass es bisher aber kaum Nachahmer gegeben hat, hat den Fachexperten zufolge Gründe. Besser wäre es nämlich, Zeitarbeitsanbieter mit ins Boot zu holen: Sie kennen die Stolperfallen und haben das Know-how und die Expertise, solche Modelle langfristig zum Fliegen zu bringen.

Der abschließende Blick in die Zukunft fällt, allen Widrigkeiten zum Trotz, recht positiv aus. Vom laufenden Jahr verspricht man sich zwar nicht mehr sehr viel. Eine Rückkehr auf das Vor-Krisen-Niveau in der zweiten Jahreshälfte 2021 sei aber realistisch, wenn es keinen außerordentlichen Rückschlag mehr gibt. Ausgenommen sind Branchen wie die Automobilindustrie, die bereits vor Ausbruch der Pandemie Schwierigkeiten hatte. Derweil wird auch das Thema Fortbildung und Qualifizierung noch stärker in den Fokus genommen. Der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften wird weiter zunehmen – und spätestens jetzt ist eine gute Gelegenheit, sich darum zu kümmern.

+++ Die Langfassung dieses Round Tables ist in unserem Sonderheft Zeitarbeit erschienen. Das Heft können Sie › hier runterladen.


Dieser Beitrag ist Teil des Themen-Specials „Zeitarbeit“. Mehr
interessante Beiträge zu diesem Thema finden Sie auf der entsprechenden
› Übersichtsseite

David Schahinian arbeitet als freier Journalist und schreibt regelmäßig arbeitsrechtliche Urteilsbesprechungen, Interviews und Fachbeiträge für die Personalwirtschaft.