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Inflation und Kriegsfolgen lassen Tariflöhne schrumpfen

2022 werden für knapp elf Millionen Beschäftigte hierzulande Tariferhöhungen wirksam, die bereits im letzten Jahr oder früher in Tarifverträgen mit mehrjähriger Laufzeit festgelegt wurden. Die Tariferhöhung für diese Beschäftigten liegt gegenüber 2021 im Schnitt lediglich bei 2,5 Prozent. Zum Zeitpunkt der Vereinbarung dieser Abschlüsse war die erwartete Inflationsrate deutlich geringer als sie sich entwickelt hat. Bei den Tarifabschlüssen, die im ersten Halbjahr 2022 vereinbart wurden, versuchte man nachzuziehen – zumal die Inflationsrate im Zuge der Folgen des Ukraine-Kriegs weiter drastisch gestiegen ist – und legte Gehaltszuwächse von durchschnittlich 4,5 Prozent fest. Von diesen Tarifabschlüssen sind bislang etwas mehr als drei Millionen Beschäftige betroffen.

Reallöhne sinken um 3,6 Prozent

Insgesamt müssen die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen aber den Gürtel enger schnallen. Die Tariflöhne der vor 2022 abgeschlossenen und bisher in diesem Jahr vereinbarten Verträge steigen zusammen nominal um durchschnittlich 2,9 Prozent. Unter Berücksichtigung der aktuellen Inflationsrate sinken sie jedoch gegenüber dem letzten Jahr real um 3,6 Prozent. Zum Vergleich: Der zuletzt verzeichnete größte Rückgang lag 2011 bei minus 0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das sind Ergebnisse der aktuellen Halbjahresbilanz, die das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung kürzlich veröffentlicht hat.

„Nachdem die Tariflöhne in den 2010er Jahren real relativ deutlich zugenommen haben, drohen 2022 für viele Beschäftigte im zweiten Jahr in Folge Reallohnverluste“,

sagt der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Prof. Dr. Thorsten Schulten.

Im zweiten Halbjahr 2022 wird die diesjährige Tarifrunde durch mehrere bislang verschobene sowie neue Tarifverhandlungen – etwa in der Metall- und Elektroindustrie – komplettiert, die die Tarifbilanz noch verschieben könnten, so das WSI. Allerdings habe es in den letzten Jahrzehnten kaum eine Tarifrunde gegeben, die unter vergleichbar schwierigen Rahmenbedingungen stattgefunden habe, so Schulten.

„Angesichts der vollkommen ungewissen Entwicklung des Ukraine-Krieges und seiner wirtschaftlichen Folgen ist die Tarifpolitik allein in vielen Branchen überfordert, die Kaufkraftverluste der Beschäftigten auszugleichen. Hier sind zusätzliche Entlastungsmaßnahmen durch den Staat notwendig“, mahnt der WSI-Experte, der vor diesem Hintergrund die Maßhalteappelle der Gewerkschaften kritisiert; die vielbeschworene Lohn-Preis-Spirale sei eine Fata Morgana. Er sieht die Gefahr, dass Reallohnverluste die private Nachfrage weiter schwächen und damit die wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich beschädigen.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.