Frage an die HR-Werkstatt: Wie lassen sich Menschen mit Hörverlust besser in das Unternehmen einbinden?
Es antwortet: Niklas Spichalsky, Gründer des Online-Hörakustiker MySecondEar
Die Covid-Pandemie hat das Wohlergehen von Arbeitskräften und Gesundheitsangebote am Arbeitsplatz in den Fokus gerückt. Die wenigsten denken in diesem Kontext jedoch an das Thema Hörschwäche. Dabei halten in Deutschland aktuell schon über 9 MillionenErwachsene ihre Hörfähigkeit für gemindert – und wider Erwarten betreffen Hörschwächen nicht erst alternde Generationen. Weltweit sind schon über eine Milliarde junger Erwachsener in der Altersgruppe zwischen 12 und 34 Jahren davon bedroht. Bereits für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger kann Schwerhörigkeit eine Hürde darstellen, die ihre Motivation beeinträchtigt.
Hörschwäche beeinflusst jedes Berufsfeld
Hörschwächen erschweren den Arbeitsalltag. Betroffenen fällt es schwer, Kolleginnen und Kollegen in lauten Umgebungen wie etwa Großraumbüros und vollen Kantinen, oder bei Telefonkonferenzen und Video-Besprechungen zu verstehen. Besonders schwierig sind Besprechungen, in denen Mitarbeitende aus verschiedenen Richtungen durcheinander sprechen. Hörgeschädigte müssen aus Bruchstücken des Gesagten ein zusammenhängendes Bild erstellen. Das führt nicht zuletzt bei richtungsweisenden Ansagen durch Führungskräfte zu Missverständnissen. Da die Interaktionsfähigkeit beeinträchtigt ist, beeinflussen Hörschwächen jedes Berufsfeld.
Menschen mit Hörschwäche verstehen
Bei Betroffenen sorgen Kommunikationsschwierigkeiten dafür, dass sich Fehler in Arbeitsprozessen häufen. Meist wird ihre Arbeitsleistung daher auch schlechter bewertet, was den Aufstieg der Karriereleiter erschwert, wenn nicht verhindert. Dies zeigt sich daran, dass Menschen mit Hörschwäche im Durchschnitt nur 85 Prozent des Gehalts ihrer hörenden Arbeitskolleginnen und -kollegen verdienen.
Neben finanziellen Einbußen zahlen Hörgeschädigte mit ihrer Gesundheit. Der Versuch, mit Hörschwäche zu bewältigen, was unbeeinträchtigte Kolleginnen und Kollegen leisten, erfordert dauerhaften Fokus. Der ständige Druck, sich konzentrieren zu müssen, um alles zu verstehen, kann dazu führen, dass Hörgeschädigte schneller an psychischen Erkrankungen wie Burnout und Depression erkranken. Begünstigt wird dies besonders durch entstehende Isolation. Da Betroffene in Unterhaltungen nicht mithalten und soziale Interaktionen sogar als Anstrengung empfinden können, fällt es ihnen schwerer, auf der Arbeit Kontakte zu knüpfen oder Freundschaften aufzubauen. Sie ziehen sich oft zurück.
Betriebe sollten zudem berücksichtigen, dass durch Hörschwächen volkswirtschaftliche Einbußen von rund 155 Millionen Euro entstehen. Sie sind unter anderem auf die erhöhten Ausfallzeiten von Menschen mit Hörschwächen zurückzuführen. Es ist daher wichtig, dass Arbeitgebende und Kolleginnen und Kollegen die Bedürfnisse und Herausforderungen von Hörgeschädigten verstehen und geeignete Maßnahmen ergreifen, um ihre Inklusion am Arbeitsplatz zu fördern. Die folgenden 5 Ratschläge können dabei helfen.
Tipp 1: Hörschwäche offen kommunizieren
Auch wenn Betroffene oft dazu neigen, ihre Hörschwäche zu verheimlichen, ist es im Arbeitskontext wichtig, das Thema nicht zu tabuisieren. Betriebe können eine offene Kommunikation fördern, indem sie ihre Mitarbeitenden für die Bedürfnisse Hörgeschädigter sensibilisieren und informieren, wie etwa durch eine Schulung. Sie können ihre Angestellten auffordern, in Meetings deutlich zu sprechen und auf Nachfragen verständnisvoll zu reagieren, wenn Menschen mit Hörschwäche anwesend sind. Auch die Verschriftlichung von Absprachen per E-Mail oder Chat kann Missverständnissen vorbeugen.
Tipp 2: Hörgeräte in Arbeitsprozesse integrieren
Hörgeschädigte tragen oft Hörgeräte, die an die individuellen Arbeitsbedingungen angepasst werden können. Betriebe sollten zur Fernanpassung am Arbeitsplatz ermutigen, um das Gerät an die Gegebenheiten vor Ort einzustimmen. Eine Bluetooth-Verbindung zwischen Hörgerät und Computer oder Handy kann die Kommunikation in Online-Meetings und Telefonaten verbessern. Durch die Bereitstellung von FM-Anlagen, die Gesprochenes aufnehmen und das Signal ans Hörgerät senden, können Unternehmen Betroffene zusätzlich unterstützen.
Tipp 3: Ruhepausen unterstützen
Wer sich dauernd darauf konzentrieren muss, zuzuhören, muss den Ohren Pausen gönnen. Unternehmen können Hörgeschädigten durch die Einrichtung von Ruheräumen einen Rückzugsort bieten, um dem Trubel und Lärm des Arbeitsumfeldes zu entfliehen. Kurze Ruhepausen helfen auch dabei, den Hyperfokus zu entlasten. Daher sollten Arbeitgebende dazu ermutigen und Verständnis zeigen, wenn jemand eine Ruhepause einlegt. Sie können so aktiv dazu beitragen, eine produktive und angenehme Arbeitsumgebung zu schaffen.
Tipp 4: Störfaktoren beseitigen
Raumakustik spielt für Menschen mit Hörschwäche eine große Rolle. Sowohl Betroffene als auch Unternehmen können einfache Maßnahmen ergreifen, um Hall und Echos zu dämpfen, die das Verständnis von Unterhaltungen besonders erschweren. Schallabsorber wie Paneele, Vorhänge, Teppiche und Pflanzen eignen sich hierfür beispielsweise gut. Da auch Umweltgeräusche wie Straßen- und Baustellenlärm Hörgeschädigte besonders anstrengen, sind auch Fenster mit Schallschutz empfehlenswert.
Tipp 5: Vorsorge anbieten
Betriebe können die Früherkennung von Hörschwächen fördern, indem sie regelmäßig Hörtests anbieten. Ein „Tag des Hörtests“ bietet die Möglichkeit, die eigene Hörfähigkeit zu überprüfen und fördert die Inklusion am Arbeitsplatz. Da Hörschwächen oft schleichend auftreten und unerkannt bleiben, helfen solche Angebote auch jenen, die ihre Hörschwäche bisher nicht als Ursache von Problemen am Arbeitsplatz wahrgenommen haben.
Inklusion fördern
Für Unternehmen ist die Integration von Menschen mit Hörschwäche am Arbeitsplatz wichtig, um gesundheitliche Schäden und dadurch anfallende Kosten zu vermeiden. Unternehmen müssen daran arbeiten, um Mitarbeitenden mit Hörschwäche die Entfaltung ihres Potenzials zu ermöglichen – insbesondere in Zeiten des Arbeitskräftemangels. Dafür sollten Maßnahmen ergriffen werden, wie die Schaffung eines offenen Arbeitsklimas, die Nutzung passender Ausstattung und Vorsorgeangebote sowie die Beseitigung akustischer Störfaktoren am Arbeitsplatz.
Autor
Niklas Spichalsky gründete gemeinsam mit Julian Stechert 2019 den Online-Hörakustiker MySecondEar. Bereits seit seiner Kindheit trägt er Hörgeräte und weiß, auf was für Hürden Hörgeschädigte im Alltag stoßen.

