New Work versus Berufsausbildung?

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Die meisten von uns assoziieren wohl mit New Work etwas komplett anderes als mit bewährten Berufsausbildungen. Bei New Work denkt man an Glasbüros, bunte Klebezettel, Teamarbeit, virtuelles Arbeiten und modern eingerichtete Büro- und Pausenräume.

Schweifen die Gedanken in Richtung Berufsausbildung, sieht man häufig Arbeitsplätze in Reihen vor seinem geistigen Auge, einheitliche Kleidung wie der Blaumann, feste Arbeitszeiten und ein hierarchisches Ausbilder-Azubi-Verhältnis. Von diesem Widerspruch – wie er auf den ersten Blick erscheint – sollten sich Arbeitgeber allerdings nicht abschrecken lassen. Vielmehr sollten sie begreifen, dass New Work aus mehr als diesen Ansätzen der Arbeitsorganisation besteht und recht individuell an Bedingungen vor Ort angepasst werden kann.

Der Druck zu diesem Umdenken ist jedenfalls groß. Denn Auszubildende wünschen sich immer mehr, beispielsweise selbstbestimmt arbeiten zu können und eine gewisse Arbeitszeitflexibilität angeboten zu bekommen. Aktuelle Studien zeigen (etwa die Deloitte „Global 2022 Gen Z and Millennial Survey“ und die EY-Studie „Arbeitswelt im Umbruch oder nach der Pandemie zurück in die Zukunft?“ aus dem Jahr 2021): Insbesondere junge Mitarbeitende der Generation Y und Z wollen selbst bestimmen, wo sie arbeiten und wie viel Zeit sie im Homeoffice verbringen. Auch die Tendenz zu weniger Arbeitszeit und flexiblen Arbeitszeiten ist deutlich zu erkennen sowie der Wunsch nach Freiheit in der Auswahl ihrer Lerninhalte und Weiterbildung.

Die Ausbildung bereitet nicht auf New Work vor

Alles Ansätze, die mit New Work in Verbindung gebracht werden. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff überhaupt? New Work bedeutet nach dem Begründer Frithjof Bergmann eine Arbeit, die Mitarbeitende wirklich wollen. Das Konzept wird heute als Strukturwandel in der Arbeitswelt verstanden, der eine effizientere Arbeit, zufriedenere und selbstbestimmte Mitarbeitende sowie eine Entwicklung von Innovationen und den Umgang mit einer rasenden Entwicklung von Technologien mitbringt. Schauen wir uns die Prinzipien von New Work einmal genauer an und inwieweit sie in einer klassischen Ausbildung gelebt werden.

Selbstbestimmung & Eigenverantwortung:

Mitarbeitende sollen eigenverantwortlich ihren Aufgaben nachgehen und die Bearbeitung dessen selbst im Team strukturieren. Das scheint im Gegensatz zu der Situation vieler Auszubildenden zu stehen. Sie sind während ihrer Ausbildung oftmals sehr fremdbestimmt, abhängig von der Struktur der Berufsschule und des Betriebs, den Vorgaben des Unternehmens sowie des Ausbildenden.

Flexibilität & gute Work-Life-Balance

Wenn man die Eigenverantwortung weiterdenkt, liegt es auf der Hand, dass Mitarbeitende flexibel arbeiten und Arbeitszeit und -Ort selbstbestimmen dürfen. Auszubildende sind hingegen meistens an feste Ausbildungsrahmenpläne und feste Arbeitszeiten gebunden.

Sinnstiftende Arbeit & Fokus auf Fähigkeiten

Arbeit als sinnstiftend zu erleben und nach Stärken und Fähigkeiten eingesetzt zu werden, ist eine starke Prämisse für New Work. In der Ausbildung könnte man annehmen, dass durch die Auswahl des Berufes seitens der Schüler und Schülerinnen, der sinnstiftende Wert vorliegen müsste. Wenn wir uns jedoch anschauen, wie wenig Berufsorientierung und Praxiseinblick Bewerbende haben, dann können wir nicht davon ausgehen, dass sich Schüler und Schülerinnen den Beruf nach ihren Fähigkeiten ausgesucht haben. Strukturell ist es darüber hinaus auch nicht vorgesehen, dass es in der Ausbildung individuelle Lernpfade abhängig von Interessen und Fähigkeiten gibt. Stattdessen ist vorgesehen, dass alle Auszubildenden „alles absolvieren“ müssen.

Vernetzung & Kollaboration

Mitarbeitende sollen gut vernetzt sein und mit anderen kollaborieren können. Dies dient der Entwicklung von Ideen und Innovationen. Auszubildende haben jedoch häufig kaum Kontakt zu „echten Mitarbeitenden“, die keine Ausbildenden oder Ausbildungsbeauftragte sind. Ein Netzwerk können sie daher nur bedingt aufbauen.

Kontinuierliches Lernen & Ausprobieren

Mitarbeitende sollen kontinuierlich lernen und auch einen Teil ihrer Arbeitszeit zur fachlichen und persönlichen Weiterentwicklung nutzen können. Darüber hinaus geht es bei New Work auch darum, neue Dinge auszuprobieren und eine gute Fehlerkultur zu entwickeln. In der Ausbildung bleibt für individuelles Lernen wenig Platz. Ausbilden funktioniert noch immer häufig nach der Vier-Stufen-Methode – eine sehr strukturierte Ausbildungsmethode, bei der im Zentrum die Ausbildenden stehen. Für individuelles Erarbeiten von Lösungen ist meist nur wenig Platz.

Transparenz & Partizipation

Aufgaben, Entscheidungen und Prozesse sollen möglichst für alle transparent sein, sodass es Möglichkeiten gibt, sich gegenseitig zu unterstützen und mitzubestimmen. Mitbestimmung ist in der Ausbildung nur bedingt vorgesehen. Das Absolvieren von Ausbildungsrahmenplänen, die mal mehr oder weniger Sinn ergeben, sowie der Einfluss, auf wie und was gelernt wird, ist für Auszubildende sehr gering.

Neue Führungskonzepte

Entscheidungen sollen bei New Work in Teams getroffen, Hierarchien aufgeweicht werden. Das soll zu mehr Effizienz und schnelleren Entscheidungen führen. In der Ausbildung gibt es aktuell immer noch eine klare Hierarchie, die im Zentrum die Ausbildenden hat und auch stark von deren Arbeit abhängig ist. Die Ausbildung ist aktuell durch starke Strukturen geprägt. An sich ist das zunächst etwas Sinnvolles – unter anderem auch, weil sich dadurch die Abschlüsse besser vergleichen lassen. Wenn wir jedoch schauen, dass wir Ausgelernte benötigen, die selbstständig arbeiten können, ist diese Struktur häufig hinderlich. Es wäre sinnvoll, die Selbstverantwortung bereits in die Ausbildung zu integrieren und damit die Auszubildenden besser auf die Arbeitswelt vorzubereiten.

New-Work-Möglichkeiten in der Ausbildung

Wie geht es besser? Folgende Ideen und Beispiele sollen zeigen, wie New Work in der Ausbildung eingeführt werden kann:

Homeoffice-Tage möglich machen

Es ist sinnvoll, schon in der Ausbildung Homeoffice-Tage einzuführen. Zunächst können das vereinzelte Tage sein, an denen der oder die Auszubildende klare Arbeits- und Ergebnisaufträge bekommt. Im Laufe der Zeit können mehr Homeoffice-Tage angeboten werden und den Auszubildenden ihr Arbeitsrahmen weniger vorgegeben werden.

Selbstverantwortung lernen

Ziel sollte es sein, den Azubis immer mehr Spielraum bei der Gestaltung von Projekten zu geben und nach und nach mehr Verantwortung in ihre Hände zu legen. Sie können in einer Fachabteilung verantwortlich für ein kleines Projekt sein oder fachabteilungsübergreifend mit anderen Auszubildenden an einem Projekt oder sogar in einer Juniorfirma arbeiten. Idealerweise sind dies Projekte, die das Azubi-Marketing betreffen, da Auszubildende nah an der Zielgruppe sind und daher schneller Ideen entwickeln können. Beispielsweise können sie im Lead bei der Entwicklung eines Messestandes oder dem Aufbau und der Betreuung des Social-Media-Kanals sein.

Individuellen Lernrhythmus berücksichtigen

Durch Lernmanagement-Systeme beziehungsweise Inhalte, die unabhängig davon in welcher Fachabteilung oder an welchem Ort man ist, verfügbar sind, können Arbeitgeber Azubis erlauben, flexibel zu wählen, wann und wo sie lernen möchten. Insbesondere für Lernschwache, die Inhalte häufiger auf verschiedenen Wegen wiederholen können und Lernstarke, die sich zusätzliches Wissen aneignen können, können eigene Lernpfade entwickelt werden.

Getreu den New-Work-Prinzipien gibt es zahlreiche Wege, um neue Arbeitsweisen in die Ausbildung zu integrieren. Wie der Ausbildungsbetrieb LV 1871 aus München die Ausbildung komplett neu gedacht hat, können Sie hier nachhören.

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Ausbildung neu gedacht

Claudia Schmitz ist Unternehmerin, Beraterin, Autorin und Speakerin. Für die Personalwirtschaft kommentiert sie jeden Monat Entwicklungen und Verbesserungsbedarfe bei der dualen Berufsausbildung.