Ausbildungsmarkt: Baustellen bei der Candidate Experience

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Die Verhältnisse am Ausbildungsmarkt kehren sich langsam um. Die Zeiten, in denen sich qualifizierte angehende Auszubildende ihren Ausbildungsplatz nahezu aussuchen konnten, scheinen vorbei. Das zumindest legen erste Ergebnisse der Studie Azubi-Recruiting Trends 2025 nah, die unserer Redaktion vorab vorliegen. Dafür hat der Ausbildungsdienstleister U-Form Testsysteme mehr als 5.400 Schülerinnen, Schüler und Azubis sowie gut 1.600 Ausbildungsverantwortliche befragt.

Demnach geben aktuell nur noch 42 Prozent der Befragten an, sich ihren Ausbildungsplatz unter verschiedenen Angeboten aussuchen zu können. Im Vorjahr lag der Wert noch bei 50 Prozent, 2019 waren es sogar 75 Prozent gewesen. Für die Autorinnen und Autoren der Untersuchung ist das ein (Früh-)Warnsignal: „Die Krise ist auf dem Ausbildungsmarkt angekommen.“

Wie verschaffen sich Teenies Berufsorientierung?

Praxisrelevant ist für etliche Ausbildungsverantwortliche womöglich ein weiterer Aspekt der Untersuchung, nämlich die Frage nach den Medien und Instrumenten, mit denen sich junge Menschen Berufsorientierung verschaffen. Hier steht zunächst die freie Internetsuche klar im Vordergrund. Zwar nutzen die an einer Berufsausbildung interessierten Schülerinnen und Schüler zum Teil auch Job-Apps, im direkten Vergleich aber deutlich weniger (Suchmaschinen: 64 Prozent, Apps: 37 Prozent). Bei denjenigen, die sich bereits in einem Bewerbungsverfahren oder einer Ausbildung beziehungsweise einem dualen Studium befinden, ist der Unterschied sogar noch größer (drei Viertel zu einem Viertel).

Eine gewichtige Rolle spielt für viele laut der Untersuchung auch der Rat von Eltern sowie Freundinnen und Freunden. Informationen, Hinweise und Tipps von KI-Tools haben demgegenüber – zumindest Stand jetzt – für die allermeisten Teenager eine nachrangige Bedeutung.

So liegen ChatGPT und Co. bei „den generell zur Informationsbeschaffung benutzten Medien“ mit einer Verbreitungsquote von 26 Prozent nur auf Platz 7. Zugleich trauen aber 55 Prozent der Ausbildungsplatzsuchenden KI-Systemen prinzipiell „durchaus zu, sie bei der Ausbildungsplatzsuche unterstützen zu können“.

Vor-Ort-Event schlägt Promo-Video

Geht es um konkrete Einblicke in Berufsbilder und Ausbildungsalltag, ist aus Sicht der Gen Z eigenes Erleben von großer Bedeutung für die Berufsorientierung, zeigt die Studie. Vor die Wahl gestellt, ob sie Videos zum Ausbildungsberuf oder einen Schnuppertag im (möglichen) Ausbildungsbetrieb bevorzugen würden, votierten 70 Prozent zugunsten einer Veranstaltung vor Ort und nur 30 Prozent für Videos.

Damit einher geht, dass eine relative Mehrheit (29 Prozent) der Schülerinnen und Schüler die hauptsächliche Verantwortung für die eigene Berufsorientierung bei sich selbst sieht. Anderen Instanzen und Akteuren wie Schulen (20 Prozent), Eltern (19 Prozent), Unternehmen (17 Prozent) oder Arbeitsagentur und Kammern (16 Prozent) wird von den jungen Menschen eine geringere Verantwortung zugeschrieben.

Candidate Experience mit Luft nach oben

Diejenigen, die sich dann für einen Ausbildungsberuf entschieden und sich beworben haben, erleben den anschließenden Prozess und das Verhalten von HR sowie Ausbildungsverantwortlichen zum Großteil als angemessen. Gut ein Drittel der Befragten (35 Prozent) berichtete allerdings auch davon, „schon negative Erfahrungen bei einer Bewerbung gemacht“ zu haben.

Hauptkritikpunkt ist dabei aus ihrer Sicht ein Aspekt, den bis vor kurzem viele Arbeitgeber auf der Suche nach Fachkräften bemängelten – nämlich fehlende Rückmeldung. 60 Prozent der Bewerberinnen und Bewerber berichten davon. Zugleich räumten allerdings lediglich 7 Prozent der Ausbildungsverantwortlichen ein, „dass nicht alle Azubi-Bewerbenden eine Antwort bekommen“.

Das Gros der Fälle (86 Prozent) betrifft dabei fehlendes Feedback nach schriftlichen Bewerbungen. In weitaus geringem Maß tritt „Ausbildungsbetriebs-Ghosting“ den Daten zufolge Schweigen nach Einstellungstest (7 Prozent) oder Vorstellungsgesprächen (8 Prozent) auf.

Sucht man nach den Gründen, verweisen Ausbildungsverantwortliche in der Befragung vorrangig auf technische und strategische Hürden für eine noch bessere Candidate Experience: So berichten 46 Prozent davon, Bewerbungen seien erst nach vorheriger Registrierung auf der Website möglich. 38 Prozent konnten überdies nicht bestätigen, dass der Bewerbungsprozess des eigenen Unternehmens einwandfrei auf Smartphones funktioniere. Außerdem wird in gut zwei Dritteln der Fälle weiterhin ein klassisches Anschreiben verlangt.

Insgesamt zeigt sich nach Auffassung der Studienverantwortlichen, „dass zahlreiche Betriebe Azubis immer noch Steine bei der Bewerbung in den Weg legen“.

Allgemeinplätze und unspezifische Auswahlkriterien

Während bei der Fachkräftesuche vielerorts meist genau definiert wird, welche Fertigkeiten und Fähigkeiten gefragt sind, zeichnet sich beim Azubi-Recruiting ein anderes Bild ab: Laut den Teilnehmenden an der Umfrage hat nahezu die Hälfte der Betriebe „keine schriftlich definierten Anforderungsprofile für Azubis“.

Zwar formulieren 77 Prozent der Ausbildungsbetriebe Anforderungen in Stellenanzeigen für Azubis. Diese werden aber dem Bericht zufolge in 81 Prozent der Fälle pauschal mit „Erfahrung“ begründet. In 42 Prozent spielen ferner „Vorgaben der Fachabteilung“ eine Rolle. Und ein Fünftel der teilnehmenden Unternehmen rekurriert auf „alte Stellenanzeigen“.

Zudem werden laut der Studie verbreitet „kaum überprüfbare Skills“ in Stellenannoncen eingefordert – etwa eine „gute Auffassungsgabe“ (61 Prozent). Hinzu kämen Allgemeinplätze wie unter anderem „Teamfähigkeit“ (81 Prozent), „Zuverlässigkeit“ (68 Prozent) und „Kommunikationsfähigkeit“ (62 Prozent).

Das Problem dabei ist aus Sicht der Studienautoren vor allem, dass derlei Kriterien „im ersten Auswahlschritt, der Vorauswahl anhand schriftlicher Bewerbungen, kaum überprüfbar“ sei.

Info

Frank Strankmann ist Redakteur und schreibt off- und online. Seine Schwerpunkte sind die Themen Arbeitsrecht, Mitbestimmung sowie Regulatorik. Er betreut zudem verantwortlich weitere Projekte von Medienmarken der F.A.Z. Business Media GmbH.