Was Bewerber seit langem fordern, wird bald zur gesetzlichen Pflicht: mehr Gehaltstransparenz im Bewerbungsprozess. Mit der EU-Entgelttransparenzrichtlinie, die bis Juni 2026 in deutsches Recht umgesetzt werden muss, sind Unternehmen ab 100 Beschäftigten künftig verpflichtet, Bewerbern und Bewerberinnen das Anfangsgehalt oder eine Gehaltsspanne zu nennen – spätestens vor Vertragsunterschrift. Die Information soll laut EU so erfolgen, dass „fundierte und transparente Verhandlungen über das Entgelt gewährleistet werden.“
Wünschenswert ist laut IHK Nordwestfalen jedoch die Angabe bereits in der Stellenanzeige. Und genau hier zeigt eine aktuelle Untersuchung der Königsteiner Gruppe, für die das Marktforschungsunternehmen Bilendi im September 2025 bundesweit 1.028 Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen befragte, dass dies im Kampf um die Talente von großem Vorteil wäre.
Recruiting: Je früher Transparenz, desto besser
Aus Recruiting-Perspektive ist diese frühzeitige Transparenz nicht nur wünschenswert, sondern dringend notwendig:
- 16 Prozent der Befragten entscheiden sich definitiv gegen eine Bewerbung, wenn in der Stellenanzeige nur unkonkrete Gehaltsbeschreibungen verwendet werden.
- Weitere 29 Prozent überdenken ihre Bewerbung zumindest. Das bedeutet: Nahezu jeder zweite potenzielle Bewerber und jede zweite Bewerberin (45 Prozent) kann Unternehmen verloren gehen, wenn diese keine klaren Gehaltsangaben in Stellenanzeigen machen.
- 68 Prozent der Befragten wünschen sich laut der besagten Studie, dass Unternehmen die Position schon in der Stellenanzeige mit konkreten Gehaltszahlen verbinden.
- Zumindest einen ungefähren Gehaltsrahmen erwarten sogar 82 Prozent – und zwar bereits bei der ersten Information über die Stelle. Unkonkrete Formulierungen wie „Wir bieten ein attraktives Gehalt“ oder „Es erwartet Sie ein faires Gehalt“ halten Kandidaten und Kandidatinnen von einer Bewerbung ab.
- Besonders kritisch: Bei jüngeren Bewerbenden zwischen 18 und 29 Jahren liegt laut Erhebung der Königsteiner Gruppe der Wert sogar bei 59 Prozent. Gerade die begehrten jungen Talente gehen damit an die Konkurrenz verloren, die bereits klar in der Kommunikation bei dem Thema Gehälter ist – lange bevor es überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch kommt.
Gehaltsangaben hinterlassen positiven Eindruck
Die Stepstone Gehaltsstudie 2026 kommt zu einem ähnlichen Schluss: 86 Prozent der Kandidaten geben an, dass transparente Gehaltsangaben in Stellenanzeigen ihre Meinung über ein Unternehmen positiv beeinflussen. Trotz dieser Erkenntnisse halten viele Unternehmen in Deutschland an ihrer zurückhaltenden Praxis fest und verzichten auf die konkrete Nennung von Gehältern. Und es gibt noch ein weiteres strukturelles Problem: Das Thema Entgelttransparenz ist oftmals relevant in der Unternehmensleitung. Es findet nur langsam seinen Weg in die Umsetzung in HR-Abteilungen. Das geht aus einer aktuellen Studie des Instituts für Beschäftigung und Employability an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen hervor.
EU-Richtlinie Entgelttransparenz: Gehalt ohnehin Thema
Ein pragmatisches Argument liefern die Bewerber und Bewerberinnen gleich mit: Drei Viertel (76 Prozent) geben an, die genauen Gehaltsdaten im Vorstellungsgespräch ohnehin anzusprechen. Die Frage lässt sich also nicht vermeiden – sie wird durch fehlende Angaben nur nach hinten verschoben.
„Gehaltstransparenz ist ein klar formulierter Anspruch an das Recruiting ausschreibender Arbeitgeber“, kommentiert Nils Wagener, Geschäftsführer der Königsteiner Gruppe. „In Nachbarländern gehören Gehaltszahlen in Stellenanzeigen seit langem zur gängigen Praxis. Letztlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis das auch in Deutschland der Fall sein wird.“
Rebecca Scheibel ist Redaktionsleiterin Online und verantwortlich für die digitalen Kanäle der Personalwirtschaft.

