Employer Branding: Wer beim Gehalt schweigt, verliert den Wettbewerb

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Ab Juni 2026 gelten in Europa strengere Vorgaben zur Entgelttransparenz. Unternehmen müssen Gehälter transparenter strukturieren und Bewerbenden im Prozess klarere Informationen geben. Während das für viele Unternehmen vor allem wie ein juristisches Projekt wirkt, ist dieser Anspruch für Kandidatinnen und Kandidaten längst Realität. Sie prüfen bei der Jobsuche früh, welchen finanziellen Rahmen ein Arbeitgeber bietet.

Die Frage ist deshalb nicht nur, wie gut Unternehmen die neuen Regeln einhalten. Sondern vielmehr, wie sehr Gehaltstransparenz ihr Employer Branding und ihre Arbeitgeberattraktivität stärkt oder schwächt. Wie sich das im Alltag von Bewerbenden auswirkt und warum Unternehmen mit Gehaltsangaben profitieren können, zeigt die Jobsuche von Lea.

„Attraktive Vergütung“ ist kein Gehaltsmodell

Dienstagabend, Lea sitzt vor ihrem Laptop. Drei Tabs mit Stellenanzeigen, eine kalte Tasse Tee daneben, das Handy leuchtet im Augenwinkel. Eine neue Linkedin Nachricht. „Wir haben Ihr spannendes Profil gesehen“, steht da. Bereits zum dritten Mal heute.

In zwei der drei Anzeigen klingt alles nach „Top-Arbeitgeber“: modernes Büro, flexible Arbeitszeiten, „leistungsorientierte Vergütung“. Die Bilder zeigen lachende Menschen auf Sitzsäcken, irgendwo steht „New Work“. Nur beim Thema Gehalt ist es still. Kein Wort, keine Spanne, kein Hinweis, nicht einmal ein tariflicher Anker. „Attraktive Vergütung“ soll reichen.

Gehaltstransparenz als Prüfstein für echtes Employer Branding

Im dritten Tab ist es anders. Da steht eine Gehaltsspanne. Zwar nicht auf den Cent genau, aber klar genug, dass Lea weiß, dass sich der Aufwand lohnt. Dazu zwei Sätze, wie sich das Gehalt zusammensetzt und welche Faktoren die Einstufung beeinflussen. Lea muss nicht raten, wo sie landen könnte. Sie kann einschätzen, wie ernst es das Unternehmen mit dem Thema Fairness nimmt und ob es zu ihrer Lebensrealität passt.

Während sie scrollt, ploppen die nächsten Mails rein. Manche Bewerbungen hat sie in den letzten Wochen fast im Halbschlaf mit der KI erstellt. Copy und Paste, ein paar Anpassungen und raus damit. So, wie es inzwischen viele machen. „Mal schauen, was zurückkommt“, dachte sie. Aber bei der Anzeige mit klarer Gehaltsspanne bleibt sie länger hängen. Hier will sie sich Mühe geben. Denn das Unternehmen wirkt nicht nur professionell, sondern auch ehrlich.

In Zeiten von Fachkräftemangel und KI-generierten Massenbewerbungen ist echte Arbeitgeberattraktivität für Unternehmen wichtiger denn je. Unternehmen, die beim Thema Gehalt weiter mauern, bleiben für Kandidatinnen und Kandidaten ein Tab von vielen im Browser. Aber selten eine ernsthafte Option.

Intransparenz als leiser Killer für Employer Branding

Während Lea an ihrer Bewerbung arbeitet, flimmert im Besprechungsraum eines mittelständischen IT-Dienstleisters die neue Stellenanzeige über den Bildschirm. Im Abschnitt „Wir bieten“ steht „attraktive Vergütung“. Darunter finden sich Benefits, Obstkorb und der Hinweis „Remote nach Absprache“. Der Fachbereichsleiter lehnt sich zurück. „Das passt so. Die Guten bewerben sich ohnehin. Wenn wir eine konkrete Zahl reinschreiben, wollen am Ende nur alle mehr Geld.“ Die HR-Managerin lächelt dünn. Diese Diskussion kennt sie nur zu gut.

Sie sieht jeden Tag, was im Posteingang landet. Viele Bewerbungen sind formal sauber, aber austauschbar. Es wirkt, als wären sie in kurzer Zeit mithilfe einer KI erstellt worden. Die Texte bleiben allgemein, oft sogar lieblos. Sie sind nach dem Prinzip „mal schauen, wer sich meldet“ verschickt. In den Gesprächen wird dann schnell klar, dass die Gehaltsvorstellungen deutlich über dem liegen, was das Unternehmen zahlen kann oder möchte. Beide Seiten investieren Zeit. Eigentlich wäre schon beim ersten Blick in die Anzeige klar gewesen, dass es finanziell nicht passt.

„Wenn wir die Gehaltsspanne nennen, sortieren sich viele von selbst aus“, sagt die HR-Managerin. „Dann sprechen wir vor allem mit Menschen, für die Rolle und Gesamtpaket realistisch sind.“ Der Fachbereich zögert. „Aber kommen dann überhaupt noch genug Bewerbungen rein?“, fragt er. Hinter dieser Frage steckt mehr als nur die Sorge um die Anzahl. Es gibt im Unternehmen schon länger die Angst vor internen Diskussionen, wenn Zahlen sichtbar werden. Es gibt die Sorge, Verhandlungsspielräume zu verlieren. Manche fürchten sogar, dass Wettbewerber die Angaben nutzen, um gezielt abzuwerben. All diese Bedenken wiegen bedauerlicherweise oft schwerer als der Blick darauf, wie sehr Gehaltstransparenz das eigene Employer Branding stärken könnte.

Was aufgeklärte Kandidaten längst über Gehälter wissen

Gleichzeitig verändert sich die Welt draußen. Jobplattformen spielen Gehaltsspannen aus. Vergleichsportale zeigen, was in ähnlichen Rollen gezahlt wird. Studien deuten darauf hin, dass klare Gehaltsangaben Vertrauen schaffen. Sie senken die Zahl unpassender Bewerbungen und verringern die Wahrscheinlichkeit, dass Prozesse kurz vor Schluss an unterschiedlichen Gehaltsvorstellungen scheitern.

Der IT-Dienstleister hält trotzdem an der Formulierung „attraktive Vergütung“ fest. Nach außen wirkt das wie ein Bruch im Bild als Arbeitgeber. Die Kommunikation ist modern. Beim entscheidenden Thema Gehalt bleibt das Unternehmen jedoch vage. Genau an dieser Stelle beginnen viele Bewerbende zu zweifeln.

Gehaltstransparenz stärkt Employer Branding

Im Besprechungsraum eines anderen IT-Dienstleisters liegt ebenfalls eine neue Stellenanzeige auf dem Tisch. Auch hier wird eine Fachkraft gesucht. Auf dem Entwurf steht eine Gehaltsspanne. Dazu ein kurzer Hinweis, welche Faktoren die Einstufung beeinflussen. Erfahrung, spezielles Know-how, Verantwortung im Team.

„Es ist ungewohnt, so offen zu sein“, sagt der Geschäftsführer. „Aber die meisten Kandidatinnen und Kandidaten fragen ohnehin gleich nach dem Gehalt.“ Der HR-Leiter nickt. „Seit wir die Spanne nennen, bekommen wir etwas weniger Bewerbungen. Dafür passen die Gespräche besser. Wir führen viel seltener Gespräche, die am Geld scheitern.“ Studien und Erfahrungsberichte aus dem Recruiting bestätigen diesen Effekt. Klar kommunizierte Gehälter senken die Zahl unpassender Bewerbungen und erhöhen die Abschlusswahrscheinlichkeit bei passenden Profilen.

Wenn Gehaltstransparenz zum Plus für Employer Branding wird

Lea steht stellvertretend für viele Bewerbende, die einen Arbeitgeber nur noch dann attraktiv finden, wenn er bezüglich des Gehalts transparent ist. In einem Arbeitsmarkt, der durch Demografie und Fachkräftemangel eng ist, wird dieser Zusammenhang wichtiger. Unternehmen, die qualifizierte Menschen gewinnen möchten, können es sich immer weniger leisten, beim Gehalt vage zu bleiben. Stattdessen können sie jetzt die Chance ergreifen, ihre Gehaltslogik nachvollziehbar zu machen und verlässliche Informationen zum Entgelt frühzeitig zu liefern. Entgelttransparenz ist keine juristische Drohung. Sie ist ein Hebel für Vertrauen, Fairness und Arbeitgeberattraktivität. Sie macht sichtbar, wofür eine Organisation steht – und stärkt das Employer Branding mehr, als es jede Imagekampagne tun könnte.

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Employer Branding für KMU

Marcus Merheim ist Gründer und Geschäftsführer von hooman Employer Marketing. An dieser Stelle schreibt er regelmäßig darüber, wie Unternehmen eine glaubwürdige Arbeitgeberidentität aufbauen und im Wettbewerb um Talente bestehen können.