Diese Situation will wohl jede HR-Führungskraft bei einer Restrukturierung vermeiden: von den Mitarbeitenden bei einer Betriebsversammlung ausgepfiffen zu werden. Lea Corzilius, Personalvorständin des Automobilzulieferers ZF Friedrichshafen, gelang das offenbar nicht. Was war geschehen?
Das ZF-Management hatte die intern sogenannte „Zeppelin-Prämie“ als übertarifliche Zulage am Stammsitz in Friedrichshafen zu Mitte 2027 gekündigt. Der Vergütungsbestandteil war eine feste Leistungszulage, die nun nicht komplett abgeschafft, sondern in eine Erfolgsprämie umgewandelt werden soll.
Über Details wollte Cozilius die Mitarbeitenden bei der Betriebsversammlung am Dienstag informieren. Nachdem sie Medienberichten zufolge minutenlang ausgepfiffen wurde, hat der Betriebsrat die Versammlung abgebrochen. „Wir haben die Betriebsversammlung abgebrochen, die Leute waren nicht mehr in der Lage zuzuhören“, sagte Gesamtbetriebsratschef Achim Dietrich gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.).
Was steckt hinter der Zeppelin-Zulage bei ZF Friedrichshafen?
Die sogenannte Zeppelin-Zulage erhalten laut Informationen mehrerer Medien rund 7.500 der 9.000 Beschäftigten am Stammsitz in Friedrichshafen. Sie besteht aus einem fünfprozentigen Aufschlag auf das Grundgehalt sowie einem weiteren Bonus. Zusammen mache dies rund zehn Prozent des Lohns aus. Gegenüber dem SWR sagten ZF-Mitarbeitende, dass die Kappung der übertariflichen Leistungen für viele von ihnen Lohn- und Gehaltseinbußen von 300 bis 500 Euro pro Monat bedeuten würde.
Der geplante Wegfall der Zulage, die nach Ferdinand Graf von Zeppelin benannt ist – ZF Friedrichshafen gehört größtenteils der Zeppelin-Stiftung – und in der Belegschaft einen hohen Symbolcharakter hat, folgt auf frühere Einschnitte bei den Mitarbeitenden. So wurde die Arbeitszeit verkürzt, was mit einer sinkenden Vergütung einherging. Tarifliche 40-Stunden-Verträge wurden in 35-Stunden-Verträge umgewandelt – bei manchen Mitarbeitenden, etwa in der Verwaltung, wurden die Stunden noch stärker reduziert.
Parallel sollen bis Ende 2028 konzernweit bis zu 14.000 Stellen gestrichen werden. Grund dafür ist ein Milliarden-Verlust, den das Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren jeweils erlitten hat.
Wie die neue Erfolgsprämie aussehen soll, dazu verhandeln der Betriebsrat und die ZF-Geschäftsführung aktuell. Der Betriebsrat zeigte sich schon einmal kämpferisch: „Wir werden dazu die gesamte Klaviatur des Betriebsverfassungsgesetzes spielen“, sagte Betriebsratschef Dietrich gegenüber der F.A.Z.
Wie vermeidet HR Eskalationen bei Betriebsversammlungen in der Restrukturierung?
Dass es bei Betriebsversammlungen mitunter lebhaft zur Sache gehen kann, ist bekannt. Doch wie lassen sich Eskalationen vermeiden?Laut dem Restrukturierungs-Berater und ehemaligem Personalchef Matthias Mittelsten Scheid sind Eskalationen im Rahmen von Betriebsversammlungen oftmals Ausdruck von inneren Unstimmigkeiten, gefühlten Unsicherheiten, Existenzangst und Frust. „Menschen, die unter dem Einfluss dieser Gefühle stehen, sind innerlich nicht bereit, rationale Argumentationen zu führen“, sagt er.
Hier müssten Personalverantwortliche folglich erstmal an der „Beziehungsebene“ andocken. Und dafür müsste man sich in die Situation der Mitarbeitenden hineinversetzen und darüber nachdenken, wie es ihnen mit der aktuellen Lage geht und welche Bedürfnisse sie darauf basierend haben. Zwischen Wirtschaftskrise und Kriegen hätten viele Mitarbeitende – wahrscheinlich auch bei ZF – Angst.
Nach Auffassung von Mittelsten Scheid hätte HR-Chefin Lea Corzilius auf diese Angst eingehen müssen, um kommunikativ „anschlussfähig“ an die Belegschaft zu sein. „Eskalation geschieht, wenn ich den menschlichen Bedürfnissen meiner Zielgruppe keinen ausreichenden Respekt gezeigt habe“, so der Experte.
Welche vier Wege helfen dabei, den Anschluss an die Belegschaft zu halten?
Glaubt man dem Restrukturierungsberater, können Arbeitgeber und HR-Verantwortliche den Anschluss zu den Mitarbeitenden in ähnlichen Situationen auf vier Wegen erreichen:
- Über den Fokus auf Sicherheit: Verstehen die Beschäftigten, was passiert und was geplant ist? Ist alles nachvollziehbar?
- Betonung der Wirkung: Was bringt es dem Unternehmen und den Beschäftigten? Welches konkrete Ergebnis erreichen wir damit?
- Den Sinn ins Zentrum stellen: Warum lohnt sich dieser Schritt? Wofür ist er gut?
- Über den Fokus auf Vertrauen: Können sich die Mitarbeitenden auf die Geschäftsleitung und ihre Pläne verlassen? Denkt das Management die Beschäftigten mit?
Wenn Mittelsten Scheid Corzilius und die ZF Friedrichshafen in der Kommunikation rund um die Kündigung der übertariflichen Zulage beraten hätte, dann wäre er folgende Checkliste mit ihnen durchgegangen:
- Die Bedürfnisse der Zielgruppe – der betroffenen Mitarbeitenden – analysieren.
- Die Frage beantworten: „Welche Einwände wird die Zielgruppe haben?“
- Eine Kommunikationsstrategie aufbauen, um Eskalationen zu vermeiden. Hier sollten die identifizierten möglichen Einwände inkludiert werden.
- Fürsprecher für das Vorhaben gewinnen, die meine Zielgruppe schrittweise informieren.
- Die Kommunikation strategisch aufbauen – und auch an den jeweiligen Empfängern und Empfängerinnen ausrichten.
Was tun, wenn die Betriebsversammlung bereits eskaliert ist?
Die Maßnahmen selbst spielten bei diesen Vorbereitungen erstmal keine wichtige Rolle. „Maßnahmen sind nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Mittelsten Scheid. „Wichtiger ist, worauf sie aufbauen – auf Respekt gegenüber der Unternehmensentscheidung oder auf Unverständnis.“
Bei der ZF ist es für diese Maßnahmen zu spät – zumindest, was die erste Kommunikationsrunde zur Änderung der Zulage angeht. Wie kann die HR-Spitze dort bestmöglich mit der aktuellen Misere umgehen? Zunächst einmal müsse sie den Gegenwind akzeptieren. „Wir dürfen das als Personalleitung nicht auf uns persönlich beziehen, sollen es aber auch nicht mit einem Hauch von Arroganz an uns abprallen lassen“, sagt der Restrukturierungsberater. „Wir müssen den Pfiffen Raum geben, die Absender fragen, wie sie nun mit der Situation umgehen möchten und dann auf die Beziehungsebene die Anschlussfähigkeit sicherstellen, bevor wir rationale Aspekte anbringen.“
Unter welchen Bedingungen können Arbeitgeber übertarifliche Zulagen kündigen?
Neben Fragen zur Kommunikation kommen beim ZF-Fall auch arbeitsrechtliche Fragen auf. In der Wahrnehmung von Thomas Ubber, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Partner bei Ubber Labour & Law, hat ZF die übertarifliche Zulage offenbar mit dem Betriebsrat vereinbart.
„Ob die Zulagen mit Ablauf der Kündigungsfrist wegfallen, hängt deshalb maßgeblich davon ab, welche Regelungen die Betriebsparteien zur Nachwirkung getroffen haben“, sagt Ubber. Wurde eine Nachwirkung festgelegt, dann bedeutet das, dass die Bedingungen einer gekündigten oder ausgelaufenen Vereinbarung vorrübergehend weitergelten, bis neue Regelungen gefunden sind. Für ZF sind hier laut Ubber drei Szenarien denkbar:
- Die Zulagenbestimmungen wirken nicht nach: In diesem Fall kann der Arbeitgeber die Zulagen mit Ablauf der Kündigungsfrist einseitig beseitigen.
- Es wurden Nachwirkungen festgelegt: Dann wäre ZF darauf angewiesen, die Zulage durch die Vereinbarung einer neuen Erfolgsprämie abzulösen.
- Die Vereinbarung mit dem Betriebsrat zu der Zulage könnte ohnehin unwirksam sein: „Arbeitsentgelte können grundsätzlich nicht Gegenstand einer Betriebsvereinbarung sein“, sagt Ubber. Hier müsste zunächst geprüft werden, ob die Zulage auf einer tariflichen Öffnungsklausel für tarifliche Leistungsentgelte beruht. Wenn die Vereinbarung zur Zulage unwirksam ist, müsste ZF laut Ubber theoretisch nicht mal auf den Ablauf der Kündigungsfrist warten und könnte die Zulage sofort einstellen.
Leistungszulage in Erfolgsprämie umwandeln: Was gilt arbeitsrechtlich?
Doch was gibt es zu beachten, wenn ein Arbeitgeber eine feste Leistungszulage in eine an den Standort gekoppelte Erfolgsprämie umwandeln möchte – wie es bei ZF Friedrichshafen Medienberichten zufolge geplant ist?
„Zunächst stellt sich die Frage, ob der Betriebsrat hier überhaupt mitreden darf“, sagt Ubber. „Dazu müsste erst einmal eruiert werden, inwieweit hier eine der tariflichen Öffnungsklausen einschlägig ist”. Je nachdem müsste ZF Friedrichshafen eine Lösung mit dem Betriebsrat oder mit der IG Metall suchen, habe aber gegebenenfalls auch eigene Gestaltungsspielräume. „In jedem Fall ist darauf zu achten, dass die Erfolgsprämie die maßgeblichen Parameter hinreichend bestimmt festlegt“, sagt Ubber. Derweil gehen die Verhandlungen zwischen der ZF-Geschäftsleitung dem Betriebsrat weiter. Wie die neue Erfolgsprämie aussehen wird, bleibt abzuwarten.
Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch das Thema Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit und das HR Forum Banking.

