Mehr Arbeit bei gleichem Lohn und erhöhte Büropräsenz: Das nennt Mercedes-Benz eine Produktivitätsoffensive. Der Automobilhersteller ist nicht das einzige Unternehmen, das in diesem Jahr durch knallharte Back-to-Office-Anweisungen auffiel. Bei der Deutschen Bahn passiert gerade Ähnliches. Die Begründung hat immer den gleichen Tenor: Die Belegschaft müsse wieder zusammenkommen, und würde dadurch auch mehr leisten. Produktivitätssteigerung, die dringend nötig sei.
Ginge es nur um das Aufweichen von Full Remote, könnte man der Argumentation noch folgen. Doch wenn Unternehmen ohnehin schon hybride Anwesenheitsregeln auf 80 oder gar 100 Prozent Büro drehen, geht es weder ums Gemeinschaftsgefühl noch um Synergieeffekte. Das riecht zehn Meilen gegen den Wind nach Machtdemonstration und nach einem Ansatz, Mitarbeitende loszuwerden.
Back-to-Office: Wen man nicht mehr abfinden kann, der muss sich damit abfinden
Sei es in informellen Gesprächen oder Kommentarspalten auf Social Media: Für viele ist es nicht mehr als eine perfide Abbaustrategie. Wer die Personaldecke tarifvertragsbedingt nicht tiefer hängen kann oder aus Kostengründen schlicht nicht will, schafft einen unattraktiven Arbeitsplatz. „Wem das nicht passt, der kann doch gehen“, heißt es dann gerne von der Führung. Was so viel heißt wie: Wen man nicht mehr abfinden kann, der muss sich damit abfinden. Kostenloser Personalabbau inklusive.
Ist das nun eine ausgeklügelte Business-Strategie, oder eine enorm kurzfristig gedachte Schnapsidee? Diese „Strategie“ ist willkürlich und selbstzerstörerisch, denn hinter ihr liegt die Annahme, dass die guten Leute schon bleiben werden. Die Faulen im Homeoffice – die werden gehen. Und die High Performer – die arbeiten topmotiviert weiter, als wäre nichts gewesen. Das hat mit HR, New Work und allem, was wir als Gesellschaft über Motivation und Leistung wissen, nichts zu tun. Arbeitgeber nehmen der Belegschaft dadurch die in der Pandemie errungene Autonomie. Mit ihr geht aber auch die Glaubwürdigkeit der Geschäftsführung den Bach runter, denn dass Menschen mit fünf Bürotagen produktiver sind als mit drei, darum kann es nicht ernsthaft gehen.
Und wer darf die Unternehmenskultur hinterher wieder aufbauen? Klar, HR.
Gesine Wagner betreut als Chefin vom Dienst Online die digitalen Kanäle der Personalwirtschaft und ist als Redakteurin hauptverantwortlich für die Themen Arbeitsrecht, Politik und Regulatorik. Sie ist weiterhin Ansprechpartnerin für alles, was mit HR-Start-ups zu tun hat. Zudem verantwortet sie das CHRO Panel.

