„Dax-Unternehmen kommen wieder voran beim Frauenanteil im Top-Management.“ So lautet der Titel des Allbright-Berichts vom Oktober 2026. Die Stiftung, die sich für Frauen und Diversität in wirtschaftlichen Führungspositionen einsetzt, hat erneut die Strukturen der Vorstände und Aufsichtsräte in Dax, MDax und SDax analysiert.
Den Studienergebnissen zufolge ist der Frauenanteil in den Vorständen um 0,9 Prozentpunkte auf 20,6 Prozent gestiegen. Konkret sind 693 Vorstandspositionen in insgesamt 160 börsennotierten Unternehmen mit 143 Frauen und 550 Männern besetzt. Im vergangenen Jahr waren es noch sieben Frauen weniger.
Am stärksten fiel die Zunahme in den Dax-40-Vorständen aus (+2,8 Prozentpunkte). Wiebke Ankersen, Geschäftsführerin der Allbright-Stiftung und Mitwirkende an der Studie, führt das auf die Internationalität und die Transparenz der Unternehmen zurück. „Je mehr Share- und Stakeholder draufschauen und mitreden, desto besser für Chancengleichheit und Diversität an der Spitze“, argumentierte sie auf Nachfrage der Personalwirtschaft. Im MDax ist der Frauenanteil in den Vorständen dagegen um 1,3 Prozentpunkte gesunken, im SDax ist er um 1,2 Prozentpunkte gestiegen.
Warum steigt der Frauenanteil in Dax-Vorständen?
Nach zwei Jahren ist der Frauenanteil damit erstmals wieder gestiegen. Ankersen erklärt die Entwicklung mit einer Art „krisenbedingtem Rekrutierungsstau“. In den vergangenen beiden Jahren seien häufig Männer rekrutiert worden, obwohl es inzwischen ausreichend qualifizierte Anwärtinnen gäbe. Nun scheint es Ankersen zufolge, als hätten die Unternehmen diese Top-Kandidatinnen nicht mehr ignorieren können.
Besonders im HR-Bereich sind Frauen gefragt, während Männer überwiegend in das CEO-Amt berufen werden. Lediglich in den Finanzressorts besetzten seit September 2025 ungefähr gleich viele Männer und Frauen die neu zu vergebenden Vorstandsposten.
Ein weiterer Grund für den höheren Frauenanteil ist, dass in den vergangenen Monaten mehr männliche (15 Prozent) als weibliche Vorstandsmitglieder (10 Prozent) der Dax-Indizes ihren Posten verlassen haben. Das geht aus den Ergebnissen der Studie hervor.
Welche Branchen und Unternehmen sind beim Frauenanteil Nachzügler?
Mittlerweile gibt es in den Dax-Konzernen fast keine rein männlichen Führungsteams mehr. Lediglich Brenntag, ein Chemiedistributor aus Essen, hat keine einzige Frau im Vorstand. In einer Branche weisen die Führungsteams jedoch weiterhin einen besonders hohen Männeranteil auf: die Automobilindustrie.
Beispielsweise sitzt mit Erika Rasch, die seit Oktober 2026 Personalvorständin bei VW ist, nur eine Frau im Vorstand des Wolfburger Automobilherstellers – dafür aber sieben Männer. „Der Frauenanteil in den Vorständen der deutschen Autoindustrie war noch nie besonders hoch“, sagt Ankersen. Den Grund dafür sieht sie in der Veränderungsresistenz, etwa bei Geschäftsmodellen und Führungsteams.
Auch bei den männlichen Dax-Vorständen zeigt sich wenig Veränderung in Sachen Diversität. Die Mehrheit ist Mitte oder Ende 50, deutsch und kommt aus dem Wirtschaftsbereich. Selbst bei den Vornamen gibt es Häufungen: Christian, Thomas oder Michael. Diese drei Namen tauchen 67 Mal in den Vorständen der 160 börsennotierten Unternehmen auf. Die Studie zieht einen interessanten, aber traurigen Vergleich: „Unter den Vorstandsvorsitzenden gibt es fast doppelt so viele Christians (11) wie Frauen (6).“
Deutschland im internationalen Vergleich
Immerhin: Im Vergleich zu führenden Unternehmen in Frankreich, Großbritannien, Polen, Schweden, der Schweiz und den USA steht Deutschland nicht schlecht da, wenn es um einen ausgewogenen Anteil von mindestens 40 Prozent Frauen im Vorstand geht. Mit 25 Prozent belegt Deutschland hinter Frankreich (28 Prozent) und Großbritannien (35 Prozent) den dritten Platz. Schlusslicht der Liste ist Polen: Dort erreicht nur jedes zehnte Unternehmen diese Quote.
Ein Positivbeispiel aus Deutschland ist Zalando. Noch 2019 hatte die E-Commerce-Plattform keine Frauen im Vorstand. Heute, rund sieben Jahre später, liegt der Anteil bereits bei 40 Prozent. Laut Zalando-Co-CEO Robert Gentz ist das kein Zufall. „Wir haben Inklusion fest in unseren Führungsprinzipien verankert und faire Bedingungen geschaffen – von unvoreingenommenen Recruiting- und Beförderungsprozessen bis hin zur Stärkung von Transparenz und Lohngleichheit“, kommentiert er innerhalb der Studie.
Wie lange dauert es bis zur Parität in den Vorständen?
Auch wenn sich die Frauenquote in den Vorständen in den vergangenen zehn Jahren positiv entwickelt hat, besteht weiterhin Optimierungspotenzial. Der Studie zufolge würde es beim durchschnittlichen Tempo der vergangenen fünf Jahre noch 26 Jahre dauern, bis ein Frauenanteil von 50 Prozent in den Vorständen der Dax-, MDax- und SDax-Börsenunternehmen erreicht wäre.
Zwar liegt der Frauenanteil in den Dax-Aufsichtsräten in diesem Jahr mit 36,2 Prozent um 16,6 Prozentpunkte über dem in den Vorständen. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich der Wert in diesem Gremium jedoch insgesamt verschlechtert: In den Aufsichtsräten dieser Börsenunternehmen ist der Frauenanteil von 37 Prozent um 0,8 Prozentpunkte zurückgegangen. Ein Anstieg ist lediglich im Dax festzustellen (+0,3 Prozentpunkte). Im MDax und SDax sind die Werte um 1,2 beziehungsweise 1,8 Prozentpunkte gesunken.
Was kann HR für mehr Frauen in Führungspositionen tun?
„Viel erreicht – noch viel mehr bleibt zu tun“, fassen die Allbright-Autoren die Entwicklung seit 2016 in der Studie zusammen. Geschäftsführerin Ankersen fordert „bessere Weichenstellungen für eine moderne, gleichgestellte Gesellschaft“. Dafür brauche es
- Dual Career als Standardmodell und nicht als Ausnahme,
- eine verlässliche Betreuung und steuerliche Anreize – damit beide Partner vollzeitnah arbeiten – und ein paritätisch aufgeteiltes Elterngeld,
- deutlich mehr Männer in Elternzeit und Teilzeit, damit Frauen sich mehr im Job engagieren und überhaupt eine Führungslaufbahn einschlagen können.
„HR sollte deshalb immer das konsequente Angleichen der Karrierewege von Frauen und Männern im Blick haben und beispielsweise mehr Männern eine längere Elternzeit nahelegen“, empfiehlt Ankerson. Eine weitere Aufgabe für HR sei das Talentmanagement. Solange Vertrauen in und Erwartungen an Frauen nicht dieselben seien wie bei Männern, gebe es noch viel zu tun, so Ankersen.
Paula Heidemann ist Volontärin bei der Personalwirtschaft.

