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„Mein Herzensthema ist Partizipation“

Personalwirtschaft: Herr Albrecht, Sie arbeiteten lange Zeit in Gewerkschaften. Zunächst in der Gewerkschaft ÖTV, später bei verdi. Was hat Ihnen an der Gewerkschaftsarbeit gefallen?
Werner Albrecht:
Ich komme aus der gewerkschaftlichen Jugendarbeit. Mir ging es immer darum, bereits junge Menschen dazu zu bringen, gesellschaftliche und soziale Fragestellungen im Rahmen von Diskurs und Dialog zu klären. Beteiligung, Mitbestimmung, Partizipation sind seitdem zu den zentralen Themen meines Berufslebens geworden.

Warum wechselten Sie dann zu den Stadtwerken München?
Weil ich nach 20 Jahren als hauptamtlich Beschäftigter bei Gewerkschaften – zuletzt habe ich mich in der Grundsatzabteilung von verdi um die Daseinsvorsorge gekümmert, außerdem um das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf – das Bedürfnis hatte, nicht nur theoretisch und von außen auf die Dinge zu schauen, sondern sie aktiv in einem Unternehmen mitzugestalten.

Mit welcher Station in Ihrem Leben sind Sie besonders gewachsen und warum?
Eigentlich war einer der wichtigsten Schritte mein von Sommer 2000 bis Herbst 2001 dauerndes Sabbatical. Wollte ich ursprünglich – und lange vor Hape Kerkeling – von Stuttgart nach Santiago de Compostela wandern, so änderte sich alles, als kurz vorher das erste unserer drei Kinder zur Welt kam.

Also haben Sie Ihr Sabbatical mit der Familie verbracht?
Nicht ganz, ich wanderte über den Stuttgarter Killesberg, schob den Kinderwagen vor mir her. Meine Frau studierte noch. Ich lernte die württembergischen Weinberge schätzen und gab gemeinsam mit Claudia Langen von der Bertelsmann Stiftung das Buch „Zielgruppe: Gesellschaft“ heraus. Spannend fand ich, mich selbst dabei zu beobachten, wie schwer es mir fiel, zu akzeptieren, dass ich plötzlich nicht mehr angerufen, um Rat und Hilfe gefragt wurde. Erst nach einigen Wochen wurde mir deutlich, wie selbstgerecht ich mich selbst als unverzichtbar angesehen hatte. Diese Erfahrung hat mich für mein weiteres Leben fundamental geprägt.

Sie haben nie studiert, oder?
Als eines von sechs Kindern einer Arbeiterfamilie durfte ich, trotz eigenem Wunsch und Empfehlung, weder Abitur machen noch studieren. Ich sollte möglichst früh eigenes Geld verdienen. Als ich später nochmal die Gelegenheit zum Studium gehabt hätte, habe ich das aus privaten Gründen ausgeschlagen. Dafür brachte mich meine Ausbildung schon in jungen Jahren mit den unterschiedlichsten Menschen zusammen, mit all ihren unterschiedlichen Hintergründen und Bedürfnissen.

Wie hat Sie das geprägt?
Das hat mir zu drei Erkenntnissen verholfen. Die fehlende formale Bildung habe ich mit Engagement und umso größerem Wissenshunger als Autodidakt über die Jahre kompensiert. Darum trete ich, erstens, allen Menschen offen gegenüber, denn ich weiß: Master-, Bachelor- oder Doktortitel haben nur begrenzte Aussagekraft, was Motivation und wirklich anwendbares Wissen angeht. Daraus resultiert für mich zweitens, dass gerade die Kurven im Lebenslauf Menschen interessant machen. Drittens habe ich gelernt, dass Wissen und Ausbildung dann am meisten Wirkung entfalten, wenn sie einen direkten Bezug zu den Menschen mit ihren verschiedenen Bedürfnissen, Sorgen und Nöten haben.

Schauen wir in die Zukunft: Welche Stationen sollen in fünf oder zehn Jahren hinzugekommen sein?
In fünf Jahren möchte ich mit dem Gefühl in Rente gehen, bei den SWM mein Herzensthema Partizipation deutlich vorangebracht zu haben. Seit Jahren schreibe ich an zwei Büchern, eines über meine Kindheit, meine soziale Herkunft. Und am Kinderbuch „Der kleine Ritter Freddie, der lieber Sänger werden wollte“. Diese Geschichte habe ich jahrelang meinen Kindern immer abends beim Einschlafen erzählt. Sie sagen seit Jahren, ich sollte sie jetzt endlich zu Papier bringen.

Was machen Sie am liebsten, wenn Sie abschalten möchten?
Ich koche leidenschaftlich gerne und sage selbstbewusst, dass ich dies auch wirklich gut kann. Übrigens wollte ich als Jugendlicher lange Zeit Koch werden. Das bin ich jetzt am Wochenende und im Urlaub. Dann lese ich auch fast schon manisch Bücher. Ich habe ein hohes Lesetempo, sehe kaum noch fern und schaffe es so, fast jede Woche ein Buch zu lesen.

Welcher berufliche Wechsel war am bedeutsamsten für Ihre Karriere?
Das war der Wechsel in die Position des Geschäftsführers bei den SWM.

Wie würden Sie Ihren Lebenslauf in drei Adjektiven umschreiben?
Suchend, neugierig, autodidaktisch.

Tim Stakenborg verantwortet die Heftplanung des Magazins Personalwirtschaft. Zudem betreut er das Thema Aus- und Weiterbildung (inklusive MBA und E-Learning) und beschäftigt sich mit dem Bereich Employee Experience und Retention.