Der Stellenabbau bei Personio geht weiter. Der HR-Software-Anbieter, der als eines der wertvollsten Start-ups Deutschlands gilt, hat Ende Oktober 165 Mitarbeitenden gekündigt. Das stellt rund 10 Prozent der gesamten Belegschaft dar. Zuerst hatte die Wirtschaftswoche darüber berichtet.
Betroffen seien laut der Wirtschaftswoche sämtliche Abteilungen und Standorte – das zumindest sei dem Medium aus Unternehmenskreisen zugespielt worden. Der Hauptsitz von Personio befindet sich in München, weitere Büros gibt es in Berlin, London, Dublin, Madrid, Barcelona und Amsterdam. Das vorhandene Büro in New York wird nun geschlossen.
Gegenüber unserer Redaktion sagte Personio: Man wolle mit den aktuellen Entlassungen interne Abläufe effizienter gestalten, das Wachstum beschleunigen und bis 2026 die Gewinnzone erreichen.
Die aktuellen Entlassungen reihen sich an zwei Entlassungswellen, die das Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren durchlaufen hat. Bereits im Januar 2024 hatte das Softwarehaus 101 Beschäftigten aus den Produkt- und Tech-Teams gekündigt. Im November desselben Jahres folgte eine zweite Entlassungswelle mit weiteren 115 Personen. Damals begründete das Unternehmen den Schritt mit einer Neuausrichtung und dem Wunsch, sich stärker auf Kundenbedürfnisse zu konzentrieren.
Rückzug aus den USA
Zurück zu 2025: Mit dem jetzt beschlossenen Schritt stellt Personio sein US-Geschäft vollständig ein. Das Start-up hatte erst vor zwei Jahren ein Büro in New York eröffnet, um den dortigen Markt besser zu betreuen. Nachdem in den vergangenen Jahren immer mehr amerikanische Unternehmen Lizenzen der HR-Software erworben hatten, sollte ein lokales Team das Wachstum vorantreiben. Anscheinend nur mit bedingtem Erfolg. Denn nun heißt es in einer Unternehmensmitteilung: Man wolle sich auf den europäischen Markt konzentrieren.
Vom Unicorn zum Sanierungsfall?
Personio wurde 2015 von Hanno Renner, Roman Schumacher, Arseniy Vershinin und Jonas Rieke gegründet und beschäftigt heute etwa 1.800 Personen. Das Unternehmen gehört inzwischen zu den am höchsten bewerteten Start-ups Deutschlands. In einer Finanzierungsrunde im Jahr 2022 hatten Investoren den Unternehmenswert auf rund 8,5 Milliarden US-Dollar geschätzt. Der Softwareanbieter galt als Musterbeispiel für das deutsche „Unicorn“-Phänomen, weil es innerhalb kürzester Zeit viel Kapital einsammelte.
Bereits kurz nach seiner Gründung im Jahr 2015 sammelte das Unternehmen 2016 rund 2,2 Millionen US-Dollar und im Jahr darauf weitere 12 Millionen US-Dollar an Investitionen ein. Insgesamt hat das Softwareunternehmen bis heute etwa 724 Millionen US-Dollar an Kapital von Investoren und Investorinnen erhalten. Doch die glänzende Fassade hat in jüngster Zeit begonnen zu bröckeln.
Im Jahr 2023 erzielte Personio einen Umsatz von 144 Millionen Euro, verzeichnete jedoch einen Verlust von 177 Millionen Euro. Zahlen für das Jahr 2024 hat das Unternehmen bislang nicht veröffentlicht.
Kritik an Software und Service
Zu den wirtschaftlichen Herausforderungen kommen zunehmend Klagen von Kundenseite. Nutzer und Nutzerinnen bemängeln langsame Reaktionszeiten des Supports, komplizierte Reportings und teure Expertenschulungen.
Auch auf Linkedin mehren sich kritische Stimmen. So berichtete Martin Kloker, Geschäftsführer bei Novicon, dass sein Unternehmen aufgrund von Problemen bei der Umstellung auf Personio Payroll zeitweise nicht in der Lage war, Gehälter auszuzahlen. Der Support habe trotz mehrfacher Anfragen nicht reagiert. In einem Update erklärt Kloker aber, dass es mit Personio inzwischen „ein sehr konstruktives und lösungsorientiertes Feedback” gab.
Nick Oestrich, Senior Talent Acquisition Manager bei Instaffo meldete zudem auf Linkedin: „Wir zahlen für Personio. Recruiting und HR Reporting bleibt Blindflug. Jetzt werden wir zu einem Wechsel gezwungen, weil wir an den Basics scheitern, die eigentlich selbstverständlich sein sollten.“ Auf Anfrage unserer Redaktion teilte Personio mit, dass man konstruktives Feedback ernst nehme. „Viele unserer Kunden sind sehr zufrieden, und wir setzen alles daran, konstruktives Feedback zu nutzen, um Prozesse, Produkte und Dienstleistungen zum Vorteil aller Kunden zu verbessern.”
Zudem erklärte Personio: „Die von uns vorgenommenen organisatorischen Veränderungen bedeuten nicht, dass wir bei Innovationen nachlassen. Im Gegenteil: Diese Veränderungen ermöglichen es uns, noch mehr in die Bereiche zu investieren, die für unsere Kunden in ganz Europa am wichtigsten sind.”
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Justin Geschwill ist Volontär der Personalwirtschaft.

