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Arbeitsmodell mit Chancen und Risiken

Würfel mit Gesichtern
Führungskräfte müssen für Remote Worker Verbindlichkeit herstellen können, verfügbar sein und ihnen Vertrauen entgegenbringen.
Foto: © MH, Adobe Stock

Arbeiten, wo andere Urlaub machen: Ein Klischee, das früher höchstens Reiseanimateure verwirklichen konnten. Das Internet hat vieles verändert. In Zeiten des Fachkräftemangels und funktionsübergreifender Teams haben manche Unternehmen Remote Work als Alternative entdeckt. Die Beschäftigten sind an die Firma gebunden, ohne physisch gebunden zu sein: Sie können von überall arbeiten. In den USA ist das Modell bereits so weit verbreitet, dass Google jüngst seine Jobsuche um einen entsprechenden Filter erweitert hat. Er ermöglicht es Suchenden, gezielt nach Remote Jobs zu recherchieren.

Das Modell hat zwar viele Vorteile, zu denen die Flexibilität der Angestellten, die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder der Wegfall des oftmals nervigen Pendelns zählen. Arbeitgeber profitieren ebenfalls: Sie können damit beispielsweise Standortnachteile ausgleichen sowie die Zufriedenheit und Produktivität der Mitarbeiter erhöhen.

Gemeinsamer Austausch

Allein, Remote Work hat auch seine Tücken. So besteht die Gefahr, wichtige Informationen, die früher in kurzen Gesprächen oder in der Teeküche weitergegeben wurden, zu spät oder gar nicht mehr zu erhalten. Das dürfte eine der größten Herausforderungen sein: den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Die Identifikation mit “ihrem” Unternehmen, das Remote Worker mitunter wochen- oder monatelang nicht von innen sehen, kann ansonsten ebenso leiden wie die Motivation.

Es gibt zwar Experten, die dieses Risiko als klein einschätzen. Sie argumentieren, dass sich Remote Worker ihrer Freiheiten bewusst sind. Aus Dankbarkeit, diesen Lebensstil führen zu können, zeigen sie sich ihrem Arbeitgeber gegenüber besonders loyal. Besser ist es aber, sich nicht allein darauf zu verlassen. Mittlerweile gibt es viele Strategien, die sowohl die Bindung an das Unternehmen als auch das Gemeinschaftsgefühl bei den Teammitgliedern an verschiedenen Standorten steigern können.

Technik bietet viele Möglichkeiten

Eine Möglichkeit ist die Einrichtung eines virtuellen Büros: Die Teammitglieder sehen, wer “anwesend” ist, sie können Chats oder Konferenzen starten und gemeinsam Aufgaben bearbeiten. Ähnliches ist auch über das Intranet und Videokonferenz-Programme realisierbar. Wichtig ist, den gemeinsamen Austausch zu ermöglichen und zu fördern. Die Möglichkeit, Gespräche in privaten virtuellen Räumen führen zu können, in die der Arbeitgeber keine Einsicht hat, können die Bindung ebenfalls erhöhen. Sie ersetzen ein Stück weit den zwischenmenschlichen Austausch, der sonst im Treppenhaus, auf der Dachterrasse oder in der Kantine stattfindet. Für das soziale Gefüge “Unternehmen” ist dieser Faktor nicht zu unterschätzen.

Da nicht alle Teammitglieder zur gleichen Zeit online sind, ist es wichtig, Verbindlichkeit herzustellen. Ganz ohne Rahmenbedingungen und Strukturen geht es nicht. Ansonsten könnten die Mitarbeiter den Eindruck gewinnen, im luftleeren Raum zu agieren. Der Teamleiter, Vorgesetzte oder ein anderer kompetenter Ansprechpartner sollte zum einen kurzfristig Fragen beantworten oder Probleme klären können. Zum anderen sollten regelmäßige Konferenzen oder Teamcalls verabredet werden. Klare Gesprächsregeln helfen dabei, da Kommunikation und Gesprächsführung mit steigender Anzahl an zugeschalteten Teilnehmern komplexer werden.

Des Weiteren gibt es eine Vielzahl an Maßnahmen, die das Team zusammenschweißen können. Hier ist Fingerspitzengefühl gefragt: Oftmals sind Remote Worker Individualisten, die sich selbst gut organisieren können und viel Wert auf einen gewissen Grad an Unabhängigkeit legen. Ihnen mit Kinderspielchen zu kommen, kann sich schnell als kontraproduktiv erweisen.

Gute Erfahrungen haben viele Unternehmen beispielsweise mit Challenges gemacht, die die Eigenheiten der verschiedenen Standorte in den Mittelpunkt rücken. Das kann etwa ein gemeinsames Mittagessen im Team sein: Während der Kollege in Großbritannien sein englisches Frühstück vorstellt, überrascht das indische Teammitglied eventuell zeitgleich mit einem für Westeuropäer exotischen Mittagessen.

Auch Routinen haben ihr Gutes: Rituale wie etwa Team-Meetings zu einem festen Zeitpunkt oder ein morgendliches Status-Update können als Fixpunkte dienen, die die Arbeitswoche strukturieren, und auf die sich auch Remote Worker gut einstellen können – sofern sie nicht überhand nehmen.

Managen statt Führen

Trotz aller agilen Organisation gibt es in den meisten Unternehmen, in denen Remote Work möglich ist, noch einen Teamleiter oder einen Vorgesetzten. Er kann das Arbeitsmodell vorantreiben, im ungünstigen Fall aber ebenso zu Fall bringen. Formalitäten wie etwa Leistungsvereinbarungen sind zwar nötig. Mindestens ebenso wichtig ist aber seine Fähigkeit, über räumliche Distanz hinweg motivieren zu können. Möglichkeiten dazu gibt es viele, vom Aufstellen gemeinsamer Ziele über Einzelgespräche mit den Remote Workern bis hin zum aktiven Einfordern von Feedback. Insgesamt verlagern sich seine Aufgaben vom Führen auf das Managen des Teams.

Drei wichtige “V”s wurden dabei bereits beschrieben: Führungskräfte müssen für Remote Worker Verbindlichkeit herstellen können, verfügbar sein und ihnen Vertrauen entgegenbringen. Arbeiten Remote Worker an gemeinsamen Projekten mit Teammitgliedern im Büro, kommt der Aspekt Fairness hinzu: Beschleicht sie das Gefühl, benachteiligt oder schlechter informiert zu werden, kann das Gift für die Arbeitsatmosphäre sein. Dass sie seltener zu sehen sind, bedeutet nämlich nicht, dass sie weniger oder schlechter arbeiten.

Fazit

Remote Work muss man als Arbeitnehmer wollen. Es setzt zudem gewisse Eigenschaften und Qualifikationen wie Selbststeuerung und Organisationsfähigkeit voraus. Ein Mitarbeiter, der im Büro ausgezeichnete Arbeit leistet, kann an den Herausforderungen von Remote Work scheitern und damit das ganze Team in Mitleidenschaft ziehen. Ein Grund, das Konzept von vornherein zu verwerfen, ist das nicht. Vielmehr sollten sich Arbeitgeber und Remote Worker vor allem in der Anfangsphase genug Zeit nehmen und häufig kommunizieren, damit sich neue Abläufe und Prozesse einspielen können.

Von: David Schahinian

Junger Mann am Schreibtisch

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