Die KI-Debatte im HR bewegt sich zwischen Aufbruch und Ernüchterung. Systeme verstehen Sprache, strukturieren Dokumente und bereiten Aufgaben vor. Zugleich lehrt die Erfahrung früherer Technologiewellen: Nicht alles, was als Revolution angekündigt wird, verändert die Praxis im gleichen Tempo. Generative KI ist kein weiteres Modul im HR-Tech-Baukasten. Sie verändert die Bedienlogik von Software und die Erwartungen der Nutzer. Mitarbeitende und Führungskräfte erwarten Antworten – schnell, verständlich und ohne Umwege durch Masken, Menüs und Freigabepfade.
Für HR liegt darin Chance und Stresstest zugleich. Künstliche Intelligenz verbessert keine schlechten Prozesse von allein. Sie macht sichtbar, wo Daten fehlen, Zuständigkeiten unklar sind oder digitale Abläufe nur auf dem Papier funktionieren.
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Infos zum Round Table
Für ausgewählte Themen lädt die Personalwirtschaft Fachleute zu einem Round Table ein. Diese Runde diskutierte Trends rund um KI in HR, moderiert von Erwin Stickling, Herausgeber, und Sven Frost, Redakteur der Personalwirtschaft.
Der Round Table wurde unterstützt von
- Escriba
- Deutsche Interim
- Görg Partnerschaft von Rechtsanwälten
- Lucca Software
- Abacus Umantis
- Universität des Saarlandes (Lehrstuhl für Management-Informationssysteme)
- Workday
Der erste Nutzen heißt Effizienz
Der Einstieg liegt dort, wo HR heute viel Zeit verliert: Standardfragen, Richtlinienauskünfte, Dokumentenrecherche, Zusammenfassungen, Textentwürfe, Spesen- und Urlaubsprozesse, einfache Self Services. Hier kann KI Suchaufwand reduzieren, Antworten beschleunigen und HR-Teams entlasten.
Damit rückt die alte Vision vom automatisierten HR Service Center näher. Ganz menschenleer wird es kaum werden. Doch vieles, was heute manuell nachgeschlagen, geprüft oder weitergeleitet wird, kann künftig vorbereitet oder erledigt werden. Sachbearbeitung verschiebt sich: weg von Routine, hin zu Ausnahmefällen, Beratung und Qualitätssicherung, so der Tenor der Diskutierenden.
Effizienz ist jedoch nicht automatisch Wertschöpfung. Wenn KI-Ergebnisse aufwendig korrigiert werden müssen, verpufft der Gewinn. Interessant wird KI dort, wo sie bessere Entscheidungen vorbereitet und Transparenz über Kompetenzen, Rollen und Bedarfe schafft.
Daten bleiben die Eintrittskarte
Kaum ein Thema zieht sich so konsequent durch die KI-Debatte wie die Datenfrage. Viele Unternehmen sprechen über HR Analytics, Skill Matching oder automatisierte Prozesse, arbeiten aber weiter mit Excel-Listen, Dateiablagen, Medienbrüchen und gewachsenen Systemlandschaften. Schlechte Daten bleiben schlechte Daten – auch wenn KI sie elegant formuliert.
Gleichzeitig verändert KI die Reihenfolge der Modernisierung. Datenqualität ist nicht nur Voraussetzung, sondern auch Anwendungsfall. KI kann Informationen aus Dokumenten extrahieren, Tabellen strukturieren, Dubletten erkennen und Inhalte zuordnen. Das macht den Einstieg pragmatischer. Wer KI sinnvoll einsetzen will, müsse wissen, welche Informationen vorhanden sind, wer sie nutzen darf und ob sie belastbar sind, waren sich die Teilnehmer des KI-Round-Table einig.
Wenn Software antwortet statt verwaltet
Die stärkste Veränderung liegt in der Nutzererfahrung. HR-Software war lange ein System aus Formularen, Masken und Klickpfaden. KI verschiebt den Zugang in Richtung Dialog: eine Frage, ein Prompt, eine Antwort – gespeist aus relevanten Systemen im Hintergrund.
Eine KI darf im HR nicht nur plausibel antworten. Sie muss die richtige Antwort für die richtige Person auf Basis zulässiger Daten geben. Rollen, Berechtigungen, Schnittstellen und Compliance müssen funktionieren, auch wenn die Oberfläche leichtfüßig wirkt.
Damit geraten klassische Softwarearchitekturen unter Druck. Starre Suiten verschwinden nicht über Nacht, doch ihre Rolle verändert sich: vom Ort, an dem Nutzer sich durch Prozesse klicken, zum Fundament, auf dem KI-Services orchestriert und Arbeitsschritte anstößt.
Agentic AI: digitale Akteure
Mit Agentic AI wird aus dem Assistenzsystem ein digitaler Akteur. Solche Systeme beantworten nicht nur Fragen, sondern verfolgen Aufgaben, nutzen Werkzeuge, starten Workflows oder interagieren mit anderen Systemen. Im HR reicht das vom Meetingprotokoll über Mitarbeitendenanfragen bis zur Vorbereitung von Recruiting- oder Entwicklungsprozessen.
Damit entstehen neue Governance-Fragen. Wenn Agenten Aufgaben übernehmen, brauchen sie Rechte, Grenzen und Kontrolle. Wer definiert ihre Rolle? Wer prüft Ergebnisse? Wer dokumentiert, was sie getan haben? Und wer greift ein, wenn ein Agent sensible Daten falsch interpretiert?
Für HR ist das mehr als ein Technikthema, war die einhellige Meinung der Round-Table-Teilnehmer. Es geht um Arbeit, Rollen, Verantwortung und Organisation. Hier könnte HR eine neue Stärke entwickeln – wenn die Funktion genug technologisches Verständnis aufbaut.
Regulierung ist kein Randthema
KI in HR berührt sensible Bereiche: Bewerbungen, Beschäftigtendaten, Leistungsinformationen, Entwicklungschancen, Vergütung, interne Mobilität. Deshalb stehen Datenschutz, AI Act, Gleichbehandlung und Mitbestimmung schnell im Raum. Die Frage lautet nicht nur, ob ein Tool funktioniert, sondern ob sein Einsatz nachvollziehbar, fair und rechtlich belastbar ist.
In der Praxis entsteht ein Spannungsfeld: KI wird vielerorts bereits genutzt – offiziell, informell oder in Grauzonen. Wer Lebensläufe zusammenfassen, Gesprächsfragen vorbereiten oder Dokumente analysieren lässt, bewegt sich schnell zwischen Unterstützung und faktischer Vorauswahl. Ein Mensch am Ende reiche nur dann als Kontrolle, wenn er tatsächlich prüfen könne, waren sich die Experten einig.
Unternehmen brauchen dementsprechend klare Regeln: Zwecke, Datenquellen, Zugriffsrechte, Auswertungsgrenzen, menschliche Kontrolle, Dokumentation und Korrekturwege. Zu viel Absicherung kann Innovation bremsen. Zu wenig davon gefährdet Vertrauen.
Mitbestimmung schafft Tempo, wenn sie früh kommt
Betriebsräte werden bei KI genau hinschauen – zu Recht. Wo Systeme Verhalten auswerten, Leistung vergleichbar machen oder personenbezogene Daten verknüpfen könnten, geht es um Schutz, Transparenz und Einfluss auf die Gestaltung von Arbeit.
Betriebsvereinbarungen sollten regeln, wofür KI eingesetzt wird, welche Daten genutzt und welche Auswertungen ausgeschlossen werden. Früh eingebundene Mitbestimmung kann Vertrauen schaffen. Schwierig werde es, wenn KI technisch eingeführt und sozial erst später erklärt werde, kritisierten die Round-Table-Teilnehmer.
HR muss die eigene Rolle klären
KI macht HR nicht automatisch strategischer. Aber sie zwingt die Funktion, sich zu positionieren. Wer die Technologie nur als Effizienzmaschine versteht, bleibt Verwalter. Wer sie nur als Risiko betrachtet, verliert Gestaltungsmacht. Gefragt ist HR als Übersetzer zwischen Technik, Organisation, Recht und Mensch.
Dazu braucht es mehr Digitalkompetenz, aber keine vollständige Technisierung der Personalarbeit. HR muss verstehen, was KI kann, wo sie irrt, welche Daten sie nutzt und welche Folgen Empfehlungen haben können. Gleichzeitig bleibt die menschliche Perspektive zentral: Fairness, Akzeptanz, Vertrauen und Kultur lassen sich nicht an ein Modell delegieren.
Im Recruiting zeigt sich das deutlich. KI kann Bewerbungen strukturieren, Anforderungen abgleichen und Matching verbessern. Gleichzeitig nutzen Bewerbende KI, um Unterlagen zu optimieren oder Bewerbungen massenhaft zu erstellen. Wichtiger werden belastbare Kompetenzprofile, transparente Kriterien und ein sauberer Blick auf Passung.
Die Aufgabe beginnt jetzt
Für die Teilnehmer der Expertenrunde ist klar: KI ist im HR weder bloßer Hype noch fertiger Gamechanger. Sie ist ein Beschleuniger – für gute wie für schlechte Prozesse. Für HR heißt das: klein genug starten, um zu lernen; ernst genug steuern, um Risiken zu begrenzen; groß genug denken, um die eigene Rolle nicht zu unterschätzen. Entscheidend ist, ob HR KI klug in Arbeit übersetzt.
Info
Learnings
- KI bringt nur Nutzen mit klaren Prozessen, guten Daten und konkreten Use Cases.
- Effizienz ist der Einstieg; Qualität und bessere Entscheidungen sind der größere Hebel.
- Agentic AI macht aus Assistenzsystemen digitale Akteure mit Governance-Bedarf.
- Datenschutz, AI Act und Mitbestimmung entscheiden über Tempo und Vertrauen.
- HR muss Technik, Recht und Mensch zusammendenken – sonst gestalten andere die KI-Zukunft.
Info
Medientipps der Experten
Dr. Juergen Erbeldinger
- Webseite: www.ai-first.ai
Tilo Ferrari
- Buch: „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“ von Rainer Mühlhoff, Reclam Verlag 2025
Dr. Ulrich Fülbier
- Podcast: Lanz + Precht
Michael Salatzki-Klein
- Blog: One Useful Thing von Prof. Ethon Mollik (u.a. Generative AI Labs an der Wharton University)
Axel Singler
- Buch: „Nexus“ von Yuval Noah Harari, Penguin Verlag 2024
Prof. Dr. Stefan Strohmeier
- Webseite: HAI (Human Centered Artificial Intelligence) der Universität Stanford
Manuel Egger
Ulli Pesch ist freier Journalist und schreibt regelmäßig über das Thema HR-Software in der Personalwirtschaft.