An einem Freitag im Oktober 1975 stand in Island alles still. Tageszeitungen konnten nicht gedruckt werden, Schulen und Kindergärten blieben geschlossen. Flüge mussten gestrichen werden – es fehlten die Setzerinnen, Verkäuferinnen, Lehrerinnen, Erzieherinnen und Stewardessen. 90 Prozent der isländischen Frauen hatten sich zu einem Streik zusammengetan, um auf unfaire Vergütung und unfaire Verteilung bei Lohn- und Carearbeit zwischen den Geschlechtern aufmerksam zu machen.
Der nun als „Lange Freitag“ bekannte Tag ist das Vorbild der heutigen Aktion der intersektional-feministischen Bewegung Töchterkollektiv, das in Deutschland zum Frauenstreik (Eigenschreibweise Frauen*streik) aufruft. (Das eingefügte Sternchen soll laut den Veranstalterinnen darauf hinweisen, dass es sich bei „Frauen“ um eine soziale und nicht um eine natürliche Kategorie handelt.)
Der Name des Töchterkollektivs stammt aus einem Zitat von Bundeskanzler Friedrich Merz. Er hatte seine Andeutung über das „problematische Stadtbild“ mit der Aufforderung „Fragen Sie Ihre Töchter“ verteidigt.
Wahrnehmung oft noch verzerrt
Der Bewegung schließen sich vermutlich nicht so viele Frauen an wie in Island damals, dafür scheint der Streik zu dezentral organisiert zu sein. Zudem wird auch nicht die Arbeit niedergelegt, sondern es wird sich zum Protest in der Mittagspause oder nach der Arbeit getroffen. Vielleicht auch, weil viele Menschen in Deutschland der Meinung sind, dass für die Gleichberechtigung von Frauen schon genug getan wurde. Laut einer aktuellen Umfrage der Beratung Ipsos anlässlich des gestrigen Weltfrauentags sind immerhin 46 Prozent der rund 1.000 Befragten im Alter von 16 bis 74 Jahren in Deutschland dieser Meinung. 37 Prozent der befragten Männer gaben sogar an, es würden heutzutage durch Frauenförderung Männer diskriminiert.
Und das, obwohl der unbereinigte Gender Pay Gap in der Bundesrepublik, also die Differenz beim durchschnittlichen Stundenlohn zwischen Männern und Frauen, immer noch 16 Prozent beträgt. Doch was wäre, wenn in Deutschland heute ebenfalls alle Frauen ihre Arbeit niederlegen würden?
Ohne Frauen würde viel fehlen
In den Vorständen großer Konzerne bliebe lediglich jeder vierte Stuhl leer. In den IT-Abteilungen wäre der Ausfall wohl überbrückbar: 2024 betrug der Anteil von Frauen in der IT laut Destatis nicht einmal 20 Prozent. Dieselbe Quelle zeigt: Der Betrieb in den Werkshallen wäre mit etwa 85 Prozent Männeranteil kaum beeinträchtigt, in den Büros das Personal um 65 Prozent der Belegschaft ausgedünnt.
Theoretisch. Bei dieser Rechnung sind die Väter in der Belegschaft noch nicht mitgedacht, denn nicht nur die Erwerbsarbeit würde bestreikt. Und immer noch leisten Frauen durchschnittlich 43 Prozent mehr unbezahlte Care-Arbeit als Männer, bleiben also normalerweise zu Hause, wenn die Betreuung ausfällt oder wenn es darum geht, sich um pflegende Angehörige zu kümmern. Ziemlich sicher blieben in einem solchen Szenario zudem alle Kitas Deutschlands geschlossen: 2024 waren 92 Prozent des pädagogischen Personals in Kindertagesstätten Frauen. Auch wer zu pflegende Angehörige hat, nimmt zu 81 Prozent die Arbeit von Frauen in Anspruch.
Wie bereits in Island 1975 stünde also auch in Deutschland sehr viel still. Vielleicht ist so ein Weckruf dringend nötig, für die Gesellschaft, die Politik und Unternehmen.
Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.

