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Resilienz: So helfen Sie Führungskräften, widerstandsfähiger zu werden

Frage an die HR-Werkstatt: “Wie helfen wir unseren Führungskräften dabei, ihre Resilienz zu steigern?”

Es antwortet: Harald Smolak, Partner und HR-Experte bei Atreus.

In Zeiten großer Umbrüche sind starke Entscheidungen möglichst schnell zu treffen. Ob in der Politik oder in Unternehmen, ein leichtes Unterfangen sind weitreichende Beschlüsse in den seltensten Fällen. Und ein Blick auf das aktuelle Pandemiegeschehen und die Impfversorgung zeigt: Selbst bei einer Vielzahl an Experten und Beraterstäbe, trotz smarter Daten – häufig scheitert es an der Umsetzung in die Praxis.

Ähnlich wie Politikern, die sich in Zeiten der Pandemie an ihre Grenzen stoßen, geht es vielen Führungskräften, die nur das Beste für ihr Unternehmen erreichen wollen. Die sich Tag und Nacht an ihren Worten und Taten messen lassen müssen. Gute Führung erhebt von Haus aus den Anspruch, erfolgreich zu sein. In schwierigen Situationen anderen Halt und Orientierung zu geben. In einer Zeit, wie wir sie jetzt erleben, wo sich Führungsaufgaben von heute auf morgen um 360 Grad gedreht haben, gehört aber plötzlich Scheitern zum Alltag.

Doch wie gehen erfolgsverwöhnte Menschen mit Scheitern um? Manch einer versucht, die Niederlage auszublenden oder verleugnet gar das Geschehene; viele geben anderen die Schuld für falsche Entscheidungen.

Das muss nicht sein. Um Rückschläge nicht als Versagen, sondern als Chance anzusehen, müssen neue Rahmenbedingungen im unternehmerischen Kontext geschaffen werden. Entscheidungsträger müssen sich durch regelmäßiges Training auf unvorhergesehene Situationen vorbereiten, um aus einer Krisen- eine Erfolgssituation zu generieren. Dafür bedarf es vor allem der Unterstützung des Personalmanagements, das in diesem Veränderungsprozess nicht nur als Ideen- und Lösungsanbieter wirkt, sondern die Weichen für eine erfolgreiche Weiterentwicklung der Führungskräfte stellt.

Durch Selbstreflexion zur besseren Führung

Wenn Führungskräfte Resilienz entwickeln möchten, müssen sie zwingend eine Niederlage erfahren und diese auch als solche wahrgenommen haben. Das klingt zunächst sehr drastisch, ohne eine solche negative Erfahrung entsteht jedoch kein Lerneffekt. Mehr noch: Sie erkennen schlicht nicht die Notwendigkeit, aus einer solchen Situation mentale Stärke zu ziehen und aus der nächsten Krisensituation gestärkt hervorzugehen. Wichtig ist es auch, sich aus einer gefühlten Opferrolle schnell wieder herauszubewegen oder sich im besten Fall gar nicht erst in eine solche hineinzumanövrieren.

Infolge einer Niederlage fokussieren sich viele Menschen auf die Vergangenheit, sie suchen nach Gründen des Scheiterns. Grundsätzlich ist das der richtige Weg, um aus Fehlern zu lernen. Allerdings sollten sie nicht zu lange in der Vergangenheit fischen, sondern positiv reflektierend in die Zukunft denken. Viel wichtiger als die Frage nach dem “Warum” muss die Frage nach dem “Wofür” und dem “Wie” sein: Wofür ist diese persönliche Erfahrung gut? Wofür ist die Krise ganzheitlich betrachtet gut? Wie hole ich mir meine Reputation zurück? Wie nutze ich meine Fähigkeiten und Erfahrungen, um wieder zu neuer Stärke zu finden?

Im Verlauf dieses Selbstreflexionsprozesses müssen Personaler eine aktive Rolle einnehmen, weg von einer bisher administrativ geprägten Personalfunktion hin zu einem Partner auf Augenhöhe. Sprich: Der moderne HR-Manager ist mitverantwortlich dafür, den Führungsstil seines Hauses zu prägen.

Aus der Routine ausbrechen

Ein Muskel wird stark, indem er das richtige Maß an Spannung und Entspannung erfährt. Nicht einmal, sondern immer wieder. Führungskräfte sehen sich dieser Wechselwirkung ständig ausgesetzt. In kritischen Unternehmenssituationen mit extremen Geschäftseinbrüchen wird das besonders deutlich. Sie müssen die Interessen der Unternehmensleitung mit den Interessen Ihrer Mitarbeiter erfolgreich synchronisieren. Ohne Zweifel eine Herkulesaufgabe. Aber eine, an der sie wachsen können.

Um die Resilienz langfristig zu steigern, kann es von Vorteil sein, wenn Führungskräfte sich neuen Maßnahmen oder Ritualen offen gegenüber zeigen und diese dauerhaft als wichtigen Teil in Ihren Alltag integrieren. Wenn sie sich bewusst Pausen nehmen und aus der Routine ausbrechen. Das kann etwa in Form von sportlicher Aktivität erfolgen. Je frischer der Körper, desto besser ist auch die mentale Fitness.

Personaler können auch hier ihren Beitrag leisten, indem sie Verantwortungsträger darin bestärken, Prozesse ständig neu zu erfinden und die tradierten Strukturen bereitwillig auf den Kopf zu stellen.

Den Weg der Unvollkommenheit akzeptieren

Auch wenn es zunächst ungewöhnlich klingen mag, aber auch gewisse Meditations-, Konzentrations- und Bewegungsformen zur Kultivierung von Körper und Geist können zur Resilienz-Steigerung sehr hilfreiche Rituale sein. In der Meditation ist der Übergang zwischen den äußeren Einflüssen mit denen der Selbstwahrnehmung am größten. Einen solchen Weg einzuschlagen, diesen durch regelmäßiges Training zu verstetigen, ohne vorgegebene Ziele erreichen zu müssen, ist wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe für Führungskräfte. Denn hier geht es für sie weniger um Perfektion, sondern um einen Weg der Unvollkommenheit.

Resilienz ist die Kraft, schwierige Situationen ohne große Beeinträchtigung zu überstehen und sehr schnell wieder Stabilität zu erlangen. Dabei geht es in erster Linie um die Fähigkeit, sich selbst erfolgreich führen respektive einschätzen zu können.

Da vielen Führungskräften nach wie vor das Ego als dominierender Faktor im Wege steht und sie das Erlebte nicht als das wahrzunehmen, was es ist, sondern wie sie es gerne hätten, ist Selbstreflexion das Gebot der Stunde. Eine Charaktereigenschaft, die gleichsam auf die Agenda von einer vorausdenkenden und weitsichtig handelnden HR-Abteilung rücken sollte und proaktiv von den Führungskräften eingefordert werden muss.

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