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Homeoffice – Karrierechancen und Weiterbildung leiden

Fast jeder oder jede zweite junge Angestellte in Deutschland bevorzugt das Firmenbüro gegenüber dem Homeoffice. Laut einer Linkedin-Studie sind viele Arbeitnehmer überzeugt, dass ihnen die Arbeit vor Ort bessere Entwicklungsmöglichkeiten bietet oder dass sie am heimischen Schreibtisch “übersehen” werden.

Informelles Kollegengespräch
Solche spontanen informellen Gespräche unter Kollegen finden in Homeoffice-Zeiten nicht statt. Foto: © Pixel-Shot-stock.adobe.co

Vor allem jüngere Berufstätige befürchten, dass sich Remote Work negativ auf ihre Karriere auswirken könnte. Aber auch die Chancen, sich weiterzubilden, sehen sie im Homeoffice weniger gegeben. Das ist das Ergebnis einer Studie im Auftrag von Linkedin, für die im August dieses Jahres rund 1000 Büroangestellte in Deutschland befragt wurden. Zusätzlich beantworteten 253 Führungskräfte aus hiesigen Unternehmen Fragen zum Zusammenhang von Karriere und Arbeitsort.

Die Hälfte der jungen Mitarbeitenden arbeitet lieber im Firmenbüro

Die Kombination von Homeoffice und der Arbeit im Unternehmen wird von der Mehrheit der 45- bis 54-jährigen Beschäftigten (83 Prozent) bevorzugt. Von den jungen Arbeitnehmenden im Alter von 16 bis 24 Jahren findet jedoch nur etwa jeder oder jede zweite Befragte (53 Prozent) hybride Modelle am besten. 48 Prozent der Angestellten dieses Alters würden es präferieren, künftig vollständig im Firmenbüro zu arbeiten. Fast vier von zehn Studienteilnehmenden dieser Gruppe (37 Prozent) denken, dass Telearbeit mit einem negativen Stigma behaftet ist. Etwa ebenso viele (40 Prozent) sind der Meinung, dass diejenigen, die ihrem Job mehr vor Ort nachgehen, eher von Führungskräften bevorzugt werden.

Jeder Zweite macht sich Sorgen um seine Karrierechancen

Tatsächlich denkt jeder zweite junge Angestellte (50 Prozent), dass sich das Homeoffice negativ auf seine Karriere auswirken könnte. Ein wichtiger Grund dafür ist aus Sicht der Befragten, dass sie im heimischen Büro weniger Kontakt zu ihren Vorgesetzten haben und bei Beförderungen übergangen werden könnten.

Weiterbildung wird durch Remote Work ausgebremst

Die Studienteilnehmenden machen sich aber auch Gedanken über ihre Weiterbildung. Insgesamt sechs von zehn Angestellten (61 Prozent) sagen, die Corona-Krise habe das Erwerben neuer Fähigkeiten und Kenntnisse teilweise oder stark beeinträchtigt. Von den jüngsten Mitarbeitenden stellen dies sogar 82 Prozent fest. Das liegt laut Studie weniger daran, dass Präsenzmaßnahmen zur Weiterbildung fehlen; diese seien vielerorts durch virtuelle Alternativen gut aufgefangen worden. Vielmehr vermissten die Angestellten die Möglichkeit, in lockeren Gesprächen oder bei der persönlichen Zusammenarbeit von Kollegen und Kolleginnen zu lernen.

Mitarbeitende lernen auch voneinander – das fehlt bei der Telearbeit

Circa jeder dritte befragte Mitarbeitende (35 Prozent) sagt, dass er oder sie im Homeoffice weniger lernt, da er oder sie bei direkten Gesprächen zwischen Kollegen nicht mehr zuhören und wichtige Informationen erfahren kann. Ein weiteres Hindernis besteht laut den Angestellten darin, dass es ihnen an Unterstützung bei alltäglichen Aufgaben mangelt. Diese Hilfe fordern sie selbst offenbar bei der Arbeit von zuhause aus auch weniger ein: Während sie früher im persönlichen Gespräch Kollegen schnell einmal Fragen gestellt haben, sind sie jetzt zurückhaltender. Die Distanz schafft offenbar eine gewisse Unsicherheit und möglicherweise die Sorge, negativ aufzufallen oder andere zu belästigen. Von den befragten Führungskräften wird dieses Problem durchaus gesehen: Neun von zehn Unternehmensvertreter denken, dass vor allem die Lernmöglichkeiten für jüngere Mitarbeitende durch die Arbeit von zuhause aus beeinträchtigt werden, auch weil es weniger Gelegenheiten zum Netzwerken und zu spontanen Interaktionen gibt. So gerate die berufliche Weiterentwicklung bei vielen Arbeitnehmern ins Stocken.

Deutlich weniger spontane Zusammentreffen durch Homeoffice

Dass bei der Arbeit im Homeoffice die soziale Komponente fehlt, weil informeller spontaner Austausch nicht mehr stattfindet und dass damit letztlich der Zusammenhalt zu schwinden droht, zeigen auch andere Studien. Zum Beispiel hat eine Umfrage von Wework und Brightspot Strategy bereits im Sommer 2020 ergeben, dass soziale Beziehungen im Job um 17 Prozent zurückgegangen und der kreative Austausch um bis zu elf Prozent gesunken ist. Am stärksten betroffen – mit einem Rückgang von 25 Prozent – waren ungeplante Interaktionen im Bürogebäude oder spontane Verabredungen. Die größten Schwierigkeiten hatten Mitarbeitende, die normalerweise mehr als zwei Drittel ihrer Zeit mit Kollegen zusammenarbeiten und es nicht einfach haben, in Projekten allein tätig zu sein.

Tipps für Führungskräfte

Linkedin hat für Arbeitgeber ein paar Tipps parat, die dafür sorgen sollen, dass Lernmöglichkeiten und die berufliche Entwicklung standortunabhängig gegeben sind. Zunächst sollten sich Führungskräfte durch gezielte Kommunikation überhaupt einmal der Sorgen und Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden bewusst werden. Mit regelmäßigen Feedbacks und Schulungen könnten sie überdies lernen, empathisch zu reagieren. Auch sollten sie selbst ab und zu im Homeoffice arbeiten, um bei den Mitarbeitenden das Gefühl zu reduzieren, im Büro sein zu müssen. Auch sei es sinnvoll, wenn die Manager lernen, dezentrale Teams besser zu unterstützen. Außerdem sei es hilfreich, für eine klare und transparente Aufgabenverteilung zu sorgen und Mitarbeitende nicht aufgrund ihrer Anwesenheit zu bewerten. Überdies sollten Vorgesetzte bewusst Anlässe schaffen, bei denen sie insbesondere die Mitarbeitenden, die seltener im Büro sind, persönlich treffen.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.