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Kommentar: Darum sollten Arbeitgeber fahrradfreundlicher werden

Es war der 27. und nicht der 1. April, als Deutschlands oberster Autofahrer-Lobbyist zum Fahrradfahren aufrief. In einem Zeitungsinterview sagte ADAC-Präsident Christian Reinicke, die Leute sollten wenigstens „zum Bäcker mit dem Fahrrad anstatt mit dem SUV“ fahren. Am selben Tag startete sein Verband eine Kampagne, in der die Mitglieder angesichts des Ukraine-Kriegs und der stark steigenden Treibstoffpreise zum Spritsparen und eben auch zum Zufußgehen und Radfahren aufgerufen werden.

Noch im vergangenen Herbst schien so etwas undenkbar. Seinerzeit sorgte Volkswagen-Chef Herbert Diess bei manch einem Beobachter und vielen Beschäftigten des Autoherstellers für Kopfschütteln. „Radfahren macht Spaß, ist gesund und gut für die Umwelt“, hatte er bei Linkedin geschrieben. „In überfüllten urbanen Zentren wird das Auto – auch das emissionsfreie E-Auto – zukünftig nur dann akzeptiert, wenn das Rad genug Raum im Mobilitätsmix hat.“ Garniert war sein Beitrag mit einem Lob auf und Fotos von Kolleginnen und Kollegen, die mit dem Rad zur Arbeit pendeln – und nun mit ihren Zweirädern auch auf dem Werksgelände parken dürfen. Zumindest in einem Pilotprojekt.

Nur wenige fahren mit dem Rad zur Arbeit

Die hohen Spritpreise und der Wunsch, Putins Kriegskasse nicht weiter zu füllen, könnten das schaffen, was die Anstrengungen des Radfahr-Pendants des ADAC, des ADFC, und der von Diess so gelobten VW-Beschäftigten nur bedingt geschafft haben: Den Anteil der Menschen massiv zu erhöhen, die „mit dem Rad zur Arbeit“ (wie eine jährliche ADFC-Aktion heißt) fahren. Denn zuletzt stagnierten die Zahlen. 2020, jenem Jahr, aus dem die aktuellsten Zahlen stammen, fuhren selbst von den Arbeitnehmern, die einen Weg von fünf Kilometern oder weniger zurückzulegen hatten, 40 Prozent mit dem Auto zur Arbeit. Jeweils ein Viertel nutzte dafür das Rad oder ging zu Fuß.

Während der Anteil der Fußgänger wohl weitgehend unabhängig von Bemühungen des Arbeitgebers ist, können diese den Anteil der Mitarbeitenden, die mit dem Zweirad kommen, signifikant erhöhen. Aber wieso sollten sie das tun? Klar: Radfahren ist umweltfreundlicher als Autofahren, weshalb aus Nachhaltigkeitserwägungen heraus argumentiert werden kann. Es gibt aber noch deutlich mehr Vorteile: Regelmäßige Bewegung an der frischen Luft – und dazu zählt auch das Fahren mit elektrischer Unterstützung – hält gesund und zahlt so auf die BGM-Anstrengungen im Unternehmen ein. Manch einer hält es mit Albert Einstein, der gesagt haben soll, die Relativitätstheorie sei ihm beim Radfahren eingefallen, und schwört auf eine Radtour als Kreativitätsquelle.

(Park)Platz für ein Auto oder drei Fahrräder

Dazu kommen weitere Vorteile auf Unternehmensebene: Auf den Parkplatz eines Autos – mit dem in der Regel nur eine Person angereist ist – könnten stattdessen die Fahrräder von mindestens drei Personen abgestellt werden, was Platz spart. Vor allem aber berichten Unternehmen, die sich als fahrradfreundlich positionieren und vom ADFC entsprechend haben zertifizieren lassen, dass dieser Aspekt massiv auf die Employer Brand einzahlt. Regelmäßig werde diese Haltung in Bewerbungsgesprächen angesprochen.

Erste Schritte sind dabei einfach – und vielfach erprobt. Ungezählte Unternehmen haben in den vergangenen Jahren Fahrradleasing-Programme implementiert, nachdem das Leasen steuerlich vereinfacht worden war und sich spezialisierte Dienstleister gegründet hatten. Autoparkplätze wurden umgewidmet, Bereiche in Parkhäusern für Fahrräder reserviert und zum Beispiel mit Luftpumpen und Werkzeug ausgestattet. Und gerade in Neubauten können die Bedürfnisse sportlicherer Fahrer (und letztlich auch anderer Früh- und Mittagspausensportler) mitgedacht und Umkleiden sowie Duschen installiert werden. Viele andere Anpassungen sind möglich – manche mit mehr, manche fast ohne Zusatzaufwand und -kosten.

Klar: Das kann die Personalabteilung nicht alleine leisten. Sie kann aber Chefetagen und Beschäftigte anregen und motivieren. Die einen dazu, etwas für potenzielle und schon aktive Radpendler zu tun. Die anderen dazu, die Angebote auch zu nutzen. Vor allem aber kann und sollte HR ein Bewusstsein dafür schaffen, dass eine hohe Zahl von Fahrradpendlern in der Belegschaft für alle gut ist. Selbst für die, die entgegen dem Rat des ADAC mit dem Auto kommen: Sie finden dann einfacher einen Parkplatz.

Info

Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.