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Krank arbeiten: Vom Präsentismus zum Workahomeismus

Das Phänomen des Präsentismus ist bekannt: Beschäftigte gehen zur Arbeit, obwohl sie krank sind. Seit Corona hat sich das etwas geändert. Statt sich zuhause auszuruhen, entscheiden sich viele Beschäftigte dazu, zu arbeiten. Eine aktuelle Studie bezeichnet dieses Phänomen als Workahomeismus. In beiden Fällen spielen Schuldgefühle eine Rolle. Das hat die Studie der Kühne Logistics University (KLU) und WHU – Otto Beisheim School of Management herausgefunden.

Für die Studie wurden drei Untersuchungen im Vor-Corona-Jahr 2019 sowie im Juli und August 2020 mit insgesamt etwa 650 Teilnehmenden durchgeführt. Diese wurden dazu befragt, wie sie sich im Fall einer angenommen oder tatsächlichen Erkrankung verhalten würden. Dabei sollten sie davon ausgehen, dass sie morgens aufwachen und feststellen, sich nicht wohlzufühlen, weil sie eine Erkältung, Fieber und/oder Kopfschmerzen, Husten oder Schnupfen haben. Die Studienteilnehmenden sollten entscheiden, was für ein Verhalten sie in dieser Situation in Erwägung ziehen würden: Präsentismus, Workahomeismus oder sich einfach auskurieren. Anschließend wurde untersucht, wie sich die Reaktion der drei verschiedenen Gruppen in Bezug auf erlebte und erwartete Schuldgefühle unterscheiden.

Schuldgefühle so oder so – klassisches Dilemma

Die Beschäftigten, die es vorziehen, trotz Krankheit weiter in der Firma zu arbeiten, tun das, weil sie sonst Schuldgefühle hätten, ihre Kollegen und Kolleginnen im Stich zu lassen. Andererseits haben sie heute aber auch ein schlechteres Gewissen als noch vor Corona, ihre Teammitglieder anstecken zu können. Genau aus diesem Grund haben sich im Sommer 2020 – verglichen mit der ersten Befragung von 2019 – mehr Angestellte dafür entscheiden, bei Krankheit zuhause zu bleiben, unabhängig von der Schwere der Erkrankung. Der Haken dabei: Auch sie fühlen sich schuldig. Das ist vor allem der Fall, wenn sie es sich erlauben, sich zuhause einfach auszukurieren. Um sich etwas weniger schuldig zu fühlen, würden daher viele Befragte erwägen, in den heimischen vier Wänden zumindest etwas zu arbeiten, obwohl sie krank sind. Praktizieren sie dann aber tatsächlich Workahomeism, verringert das ihre Schuldgefühle nicht: Die Befragungsergebnisse zeigen, dass sich die Beschäftigen dann genauso schuldig oder sogar noch schuldiger fühlen, als wenn sie sich einfach nur ausruhen würden, weil sie wissen, dass sie sich selbst damit keinen Gefallen tun, sondern ihre Genesung beeinträchtigen.

„Wenn ich weiterarbeite statt mich zu erholen, kann zusätzlich ein Schuldgefühl mir selbst gegenüber entstehen. Zum einen arbeiten Mitarbeitende aufgrund ihrer Erkrankung oft nicht produktiv. Zum anderen spüren sie, dass ihre Entscheidung der eigenen Gesundheit schadet“,

sagt Fabiola H. Gerpott, Professorin für Personalführung an der WHU.

Überdies übersähen diese Mitarbeitenden die Konsequenzen einer solchen Entscheidung, ergänzt Prisca Brosi, Professorin für Human Resource Management an der KLU.

Handlungsempfehlung: Reflexion der Mitarbeitenden fördern

Was können Unternehmen tun, um diese Schuldgefühle zu verhindern? Zunächst sollten sie nicht den Eindruck erwecken, dass sie von ihren Angestellten erwarten, im Krankheitsfall erreichbar zu sein, so die Wissenschaftlerinnen. Außerdem sollten sie Mitarbeitende im Vorfeld klar auf die negativen Folgen von Workahomeismus ansprechen und dazu anregen, selbst darüber zu reflektieren, so Prof. Dr. Brosi.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.