„Generation Snowflake“ – zu Deutsch „Schneeflöckchen“, werden junge Menschen insbesondere in den USA mitunter despektierlich genannt, weil sie angeblich hochsensibel, verletzlich und wenig resilient sind. Die wenig schmeichelhafte Bezeichnung fällt auch hierzulande immer wieder einmal, insbesondere wenn es um den Umgang mit mentaler Gesundheit bei der sogenannten Generation Z geht. Schließlich steigen seit Jahren die Fehlzeiten aufgrund psychischer Störungen kontinuierlich – und zwar vor allem bei jungen Menschen. Laut dem DAK-Psychreport 2023 wuchsen die Krankentageszahlen von 2012 bis 2022 um 48 Prozent. Besonders betroffen ist demnach die Altersgruppe zwischen 24 und 29 Jahren. 10,3 Fehltage gingen bei den jungen Frauen auf das Konto psychischer Erkrankungen, bei den männlichen Altersgenossen waren es im Schnitt 6,5 Fehltage.
Andere Krankenkassen bestätigen den Trend. Laut AOK Rheinland/Hamburg fehlten Unter-30-Jährige im Jahr 2022 rund 19 Kalendertage bei der Arbeit. Ursache seien insbesondere psychische Erkrankungen gewesen, „Angststörungen, Belastungsstörungen und depressive Störungen nehmen signifikant zu“ sagte Sabine Deutscher, Vorstandsmitglied der AOK Rheinland/Hamburg. Dies sei möglicherweise eine Folge davon, „dass sich für die Generation Z die Lebensrealität elementar verändert hat. Zukunftsängste, Leistungsdruck und eine permanente Erreichbarkeit können zu hohen Belastungen führen und psychische Erkrankungen begünstigen.“
Nehmen psychische Erkrankungen zu? Oder wächst vor allem bei jüngeren Beschäftigten das Bewusstsein für die Relevanz für mentale Gesundheit und der Mut, etwaige Probleme auch nach außen zu kommunizieren? Diese Frage zu beantworten, ist bestenfalls schwierig. In jedem Fall aber müssen Unternehmen mit dem Thema umgehen. Wir haben zwei Expertinnen dazu befragt, wie sie die Generation junger Berufstätiger erleben und was sie Unternehmen im Umgang mit dem Thema mentale Gesundheit in dieser Kohorte raten. Es sind die Psychologin und Expertin für Mental-Health Dr. Eva Elisa Schneider und Laura Bornmann, ihres Zeichens New Work & Leadership Ambassador.
Soziale Stigmatisierung sinkt
„Die Gen Z bringt definitiv mehr Offenheit für das Thema mentale Gesundheit mit. Das liegt unter anderem an der höheren Verfügbarkeit von Informationen zum Beispiel durch Social Media und die damit sinkende Stigmatisierung des Themas“, sagt Dr. Eva Schneider.

Die Gen Z, so erläutert die Psychologin, sei oft unmittelbarer von den großen Krisen – etwa aufgrund ihrer höheren potenziellen Restlebenszeit von der Klimakrise – dieser Zeit betroffen und brauche „ein völlig neues Bewusstsein dafür, wie wir trotz großer Unsicherheiten und Bedrohungen einen lebenswerten Alltag führen können“. Jungen Menschen sei einerseits Sicherheit, andererseits Flexibilität wichtig, „im Englischen gibt es den passenden Begriff ‚Flexicurity‘ dafür“, so Schneider.
Laura Bornmann, die im vergangenen Jahr von der Personalwirtschaft als „Gamechangerin des Jahres“ ausgezeichnet wurde, schildert noch einen anderen Grund für die steigenden Zahlen: „Aus meiner Sicht gehen Jüngere vor allem offener mit mentalen Gesundheitsproblemen um. Sie sehen Überlastung und Verletzlichkeit weniger als Schwäche.“ Das sei eine positive Entwicklung, denn noch zu viele Menschen erhielten derzeit nicht die Hilfe, die sie benötigen, weil sie sich nicht trauen, offen darüber zu sprechen. Neben dieser inneren Komponente sieht Laura Bornmann aber ebenfalls die objektiven Probleme in der Außenwelt: „Wir müssen jedoch auch anerkennen, dass die Generation Z in einer Zeit großer Herausforderungen und schneller Veränderungen aufwächst, wie Krieg, Pandemie und Wirtschaftskrise.“ Das hinterließe Spuren. „Heutzutage müssen wir einfach mehr tun, um sicherzustellen, dass Menschen gesund bleiben – vor allem, indem wir sie ermächtigen, selbst dafür zu sorgen“, fordert Laura Bornmann.
Gen Z fordert gesundes Arbeitsklima ein
Im Hinblick auf den Umgang von Unternehmen mit der psychischen Gesundheit ihrer Mitarbeitenden sieht Eva Schneider eine stärkere Forderungshaltung der Gen Z . Die jungen Menschen erwarteten, dass die Arbeitgeber „sich proaktiv um ein gesundes Arbeitsklima“ bemühen. Mentale Gesundheit sei im Job inzwischen aber auch in anderen Generationen ein wichtiges Thema, das so oder so zu einer modernen Arbeitswelt dazugehöre, die „Gen Z zeigt nur nochmal deutlicher darauf“.
Die Mental Health-Expertin, die zahlreiche Unternehmen berät, hat eine Reihe von Tipps zum Umgang mit der Gen Z: „Zunächst einmal rate ich Unternehmen, sich nicht von Klischees einnehmen zu lassen und die Menschen einer ganzen Generation über einen Kamm zu scheren. Es gibt viele motivierte, arbeitswillige Gen-Zler, die wir verlieren, wenn wir sie voreilig mit solchen Labels wie ‚Generation Schneeflöckchen‘ abstempeln.“
Schneider sieht den Wandel als Chance für alle Generationen. „Wie kann Arbeit für uns alle so gestaltet sein, dass wir sie gerne machen? Wie können wir verstaubte Hierarchien abbauen und Menschen Verantwortungsräume geben? Wie können wir nachhaltig gesund zusammenarbeiten, statt uns kaputtzuschuften?“ All diese Fragen stelle sich nicht nur die Gen Z, sie seien mindestens genau relevant für alle anderen Alterskohorten. „Ich sehe darin eine große Chance, alte Muster gründlich unter die Lupe zu nehmen und dringend überfällige Veränderungen anzustoßen.“
Mehr Investitionen in BGM

Laura Bornmann plädiert angesichts wachsender psychischer Probleme – längst nicht nur bei jüngeren Beschäftigten – dafür, generell mehr in das Betriebliche Gesundheitsmanagement zu investieren „und Menschen aller Generationen zu unterstützen, mit den Herausforderungen unserer Zeit umzugehen, Grenzen zu setzen und Strategien zur Stressbewältigung zu entwickeln“.
Einen Punkt hebt sie mit Blick auf die jüngeren Jahrgänge besonders hervor: „Gerade kursieren viele Vorurteile über sie. Sie seien faul, wenig leistungsbereit und wollen nur noch vier Tage die Woche arbeiten. Da kann schnell der Eindruck entstehen, dass sie gar keinen Stress hätten. Das ist gefährlich, denn das Gegenteil ist der Fall: Viele junge Menschen empfinden einen großen Leistungsdruck, auch, weil sie ‚always on‘ sind und sich über Social Media mit Menschen auf der ganzen Welt vergleichen.“ Hierfür könnte das BGM tatsächlich stärker sensibilisieren.
Angst vor Lücken im Lebenslauf
Der offenere Umgang jüngerer Beschäftigter mit Belangen der mentalen Gesundheit ist eine Sache. Auf einem ganz anderen Blatt steht jedoch, ob auch schon in Vorstellungsgesprächen psychische Probleme von Kandidatinnen und Kandidaten benannt werden – oder ob sie etwaige Lücken in ihrem Lebenslauf aufgrund mentaler Gesundheitsprobleme und Therapiezeiten tunlichst verschweigen. Laura Bornmann versteht die Sorgen, die mit Lücken im Lebenslauf einhergehen: „Obwohl Vorurteile in unserer Gesellschaft allmählich abnehmen und immer weniger Menschen mentale Gesundheitsprobleme mit Schwäche oder mangelnder Leistungsbereitschaft gleichsetzen, ist der Weg noch lang.“ Sie selber kenne mittlerweile auch immer mehr Personalerinnen und Personaler, die Therapie positiv bewerteten. Dies zeige, „dass sich der potenzielle Mitarbeitende intensiv mit sich selbst auseinandersetzt, dass er weiß, was er will und was ihm vielleicht auch nicht guttut“.
Auch die Psychologin Eva Schneider kann die Angst vor Lücken im Lebenslauf verstehen. „Sie rührt jedoch aus einem älteren Bild von Karriere: Wir entscheiden uns für einen Beruf und gehen ihn geradlinig alle Karrierestufen hoch bis wir in Rente gehen.“ Das sei heute völlig überholt – „Menschen machen bewusst Karrierepausen, bilden sich weiter oder planen einen beruflichen Neustart. Das ist inzwischen eher normal als die Ausnahme.“ An die Adresse von Personalern geht dieser Appell der Mental Health-Expertin: „Pausen in der Erwerbstätigkeit müssen nicht sofort etwas mit psychischen Belastungen zu tun haben, sondern sind manchmal auch einfach das Leben, das sich neben der Arbeit abspielt.“
Christina Petrick-Löhr betreut das Magazinressort Talent & Learning sowie die Berichterstattung zur Aus- und Weiterbildung. Zudem ist sie verantwortlich für die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft sowie den Deutschen Personalwirtschaftspreis.

