Müssen Arbeitnehmer glücklich sein?

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Die meisten Arbeitnehmenden in Deutschland scheinen mit ihrem Job relativ glücklich zu sein. Das hat zumindest eine Befragung des Hamburger Software-Unternehmens Awork in Kooperation mit dem Marktforschungsinstitut Appinio ergeben, für die zwischen dem 13. und 23. Februar diesen Jahres 1000 Mitarbeitende – sowohl Führungskräfte als auch Angestellte zwischen 18 und 65 Jahren – aus unterschiedlichen Branchen befragt wurden.

Die Kernergebnisse des „Work-Happiness Reports“: Auf einer Skala von eins bis zehn ergab die Studie einen durchschnittlichen „Glückswert“ von 6,9, im Vergleich zu 2023 eine Steigerung von 0,2 Punkten. Als „komplett glücklich“ (zehn Punkte) bezeichneten sich neun Prozent der Befragten. Bei acht oder neun Punkten lagen immerhin vier von zehn Personen. Großes Unglück – zwischen null und drei Punkten – herrscht lediglich bei rund sieben Prozent der Studienteilnehmenden.

Keine Untergruppe hat dabei einen so hohen Glückswert aufzuweisen wie Menschen, die in einem Unternehmen arbeiten, in dem eine Vier-Tage-Woche gilt, sie kommen auf 7,6 Punkte. Auch hybride Arbeitsmodelle – zeitweise oder komplett im Homeoffice – werden positiv gewertet. Acht von zehn Befragten werten dies als Glücksfaktor.  Wie glücklich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind, hängt zudem von der Branche ab. Während Mitarbeitende im Tech- und Beratungssektor die höchsten Werte erreichen (7,4 beziehungsweise 7,2) erreichen traditionellere Bereiche wie das Gesundheitswesen und der Finanzsektor etwas niedrigere Glückswerte (6,6 beziehungsweise 6,7). Die Autorinnen und Autoren der Studie vermuten, dass Tech-Unternehmen in der Regel flexibler sind als andere Unternehmen und häufiger auf New Work setzen, während kreative und traditionelle Branchen oft entweder mit starren Strukturen kämpfen, diese nur langsam aufbrechen oder mit einem komplexen und stressigen Umfeld hadern.

Was dem Glück entgegensteht

Neben Faktoren, die das Glück der Belegschaft begünstigen, hat die Studie auch einige Punkte ausgemacht, die diesem entgegenstehen. Schlechte Führungskultur zum Beispiel sehen 56 Prozent der Befragten als größtes Hemmnis an, gefolgt von einer schlechten Teamkultur (48 Prozent), fehlender Kommunikation (41 Prozent) und schlechter Organisation (37 Prozent). Wenig Flexibilität (36 Prozent), wenig Eigenverantwortung (16 Prozent), sowie fehlendes Feedback (15 Prozent) spielen ebenfalls eine Rolle.

„Unter schlechter Führung leidet unter anderem die Selbstverwirklichung, zum Beispiel wenn Micromanagement herrscht, anstatt Raum für eigene Ideen zu schaffen und gezielt Umsetzungsverantwortung abzugeben. Sinnempfinden leidet unter fehlender Kommunikation“, erläutert Tobias Hagenau, CEO und Mitgründer von Awork die Tatsache, dass das Glück der Mitarbeitenden oft unter schlechter Führungskultur leidet.

Zwischen Sinn und Unsinn

Geht es um Glück im Beruf, kommt früher oder später auch der Begriff des „Purpose“ ins Spiel: Hat mein Job einen Sinn (Purpose), der mich glücklich macht? Während die Studie diesen Sinn als ein zentrales Element des beruflichen Glücks verortet, ist Nico Rose, Buchautor und Speaker eher ein Gegner des Begriffs – beziehungsweise des inflationären Gebrauchs desselben. „Purpose ist oft nicht viel mehr als eine weitere Karotte, die den Menschen vor die Nase gehalten wird“, kritisiert Rose auf Linkedin. Er ist der Meinung, dass man anderen Menschen keinen Sinn „einimpfen“ oder vorgeben kann. „Er ist immer eine individuelle Konstruktion.“ Von daher sei es auch müßig, alle Menschen in einer Organisation unter einem einzigen Purpose einen zu wollen. Die Gründe, aus denen heraus sich Menschen für ein Unternehmen engagieren und Sinn finden, seien sehr vielfältig.

„Manche Menschen finden mehr Sinn in den persönlichen Bindungen zu Kolleginnen und Kollegen. Andere kommen wegen der Gestaltungsmöglichkeiten und der Freiräume. Wieder andere kommen primär wegen der Perspektive, sich in der Arbeit selbst zu finden“, sagt Rose.

Glück versus Zufriedenheit

Vor allem stellt sich bei einem Blick auf die Studie aber die Frage, ob die eigene Arbeit überhaupt glücklich machen muss? Reicht es nicht, einfach nur zufrieden mit dem zu sein, was man tut? Dann würde sich etwa eine Studie von EY aus dem vergangenen Jahr eher eignen, um Aussagen zu treffen. Die Ergebnisse der beiden Studien sind aufgrund einer mutmaßlich unterschiedlichen Zusammensetzung der Stichprobe nicht vergleichbar, interessant sind sie aber beide. So ermittelte die EY-Jobstudie, für die 1555 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland befragt wurden, im vergangenen Jahr, dass die Zufriedenheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland massiv gesunken ist. So bezeichnete sich nicht einmal ein Drittel aller Befragten (31 Prozent) als zufrieden mit der jeweiligen Arbeitssituation bezeichnet. Zum Vergleich: Zwei Jahre zuvor war noch fast jede und jeder Zweite (49 Prozent). Gleichzeitig stieg der Anteil derer, die mit ihrer beruflichen Situation „eher unzufrieden“ oder „unzufrieden“ sind, von zehn Prozent im Jahr 2021 auf 17 Prozent in 2023.

Noch am zufriedensten waren laut EY Führungskräfte: Mehr als die Hälfte der Top-Managerinnen und -Manager (55 Prozent) waren zufrieden mit ihrer Arbeit. Knapp dahinter folgen Auszubildende (54 Prozent), auch hier war mehr als jeder Zweite generell zufrieden mit der eigenen Arbeit. Deutlich weniger erfüllt waren dagegen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in leitender Stellung (34 Prozent), Angelernte (32 Prozent) und Fachangestellte (29 Prozent). Nicht einmal jeder fünfte ungelernte (18 Prozent) bezeichnete sich im vergangenen Jahr als zufrieden mit der eigenen Arbeit.

Glück ist nicht gleich Bindung

„Den Beschäftigten in Deutschland stecken die Folgen der Pandemie und die Auswirkungen auf ihr Privat- und Berufsleben offenbar noch in den Knochen,“ kommentierte Jan-Rainer Hinz, Leiter Personal und EY-Arbeitsdirektor, seinerzeit. Bei vielen Menschen habe die Doppelbelastung von Homeoffice bei gleichzeitiger Kinderbetreuung oder die nicht mehr vorhandene Möglichkeit zum direkten Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen zu einem spürbaren Motivationsrückgang geführt, glaubt Hinz. Interessanterweise hat die Awork und Appinio-Studie gerade das Homeoffice als Glücksfaktor ausgemacht.

Trotz der weitverbreiteten Unzufriedenheit gab die große Mehrheit (insgesamt 71 Prozent) der von EY Befragten an, motiviert bei der Arbeit zu sein, 17 Prozent sogar „hochmotiviert“. Auch diese Werte waren allerdings die niedrigsten, die die Unternehmensberatung in dieser Untersuchung jemals ermittelte.

So oder so scheinen die Werte zur Zufriedenheit und Motivation für Arbeitgeber wichtiger zu sein als jene zu einem – wie auch immer definierten – Glücksgefühl bei der Arbeit. Zumal Glück im Job nicht bedeutet, dass Arbeitnehmende für alle Zeit bei ihrem Unternehmen bleiben möchten. Ein Drittel aller von Awork und Appinio Befragten, die angaben, glücklich im Job zu sein, denkt demnach häufig bis sehr häufig ans Kündigen. Nur jeder Vierte hat niemals darüber nachgedacht, die Stelle zu wechseln. 68 Prozent der Mitarbeitenden, die momentan im Job nicht glücklich sind, denken über eine Kündigung nach.

Sven Frost betreut das Thema HR-Tech, zu dem unter anderem die Bereiche Digitalisierung, HR-Software, Zeit und Zutritt, SAP und Outsourcing gehören. Zudem schreibt er über Recruiting und Employer Branding. Er verantwortet weiterhin die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.

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