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Perfektionismus stresst Mitarbeitende mehr als alles andere

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Immer mehr Menschen sind auf der Arbeit gestresst, Ausfalltage wegen psychischer Erkrankungen steigen seit Jahren auf einen bisherigen Höchstwert. Was Menschen stresst und ihre Psyche belastet, ist höchst individuell und kann durch unterschiedlichste Veränderungen in der Arbeitswelt, Krisen innerhalb der Gesellschaft, persönliche Erlebnisse sowie biologische Gegebenheiten hervorgerufen werden (mehr dazu lesen Sie in unserer Juli/August-Ausgabe). Eine Forsa-Befragung im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) rückt aktuell vor allem einen Auslöser von Stress in den Fokus: Perfektionismus.

Laut der repräsentativen Befragung von rund 1.000 Erwerbstätigen im Juli 2024 fühlen sich rund 43 Prozent der Beschäftigten im Job häufig hohem Druck und Belastung ausgesetzt. 15 Prozent sind demnach sogar sehr oft gestresst. Als häufigsten Grund dafür geben die Befragten an, hohe Ansprüche an sich selbst zu haben (65 Prozent). Der eigene Perfektionismus stresst sie damit in ihrer Wahrnehmung mehr als Zeitdruck auf der Arbeit (62 Prozent), die Erwartungshaltung anderer (40 Prozent), viele Überstunden (36 Prozent) und hohe Leistungsanforderungen (32 Prozent).

Diese Folgen kann Perfektionismus haben

Der Stress hat bei einigen Menschen Folgen für ihre Leistungsfähigkeit und ihr Wohlbefinden. 28 Prozent der Beschäftigten sind entsprechend schon einmal wegen hohem Druck und Belastung im Berufsleben ausgefallen. Das ist insofern problematisch, als dass Dauerstress unter anderem zu Burnout führen und der wiederum zu psychischen Erkrankungen. Dabei zeigt sich den Angaben zufolge oftmals folgendes Muster: Anfangs ist der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin in einer Art Hochleistungsmodus. Wenn er oder sie dann keine Entspannungsphasen hat, stellen sich nicht selten erste Anzeichen von Überforderung ein – etwa Kopfschmerzen, Muskelverspannungen, Stimmungsschwankungen und Schlaf-, Verdauungs- oder – bei Frauen – Zyklusstörungen. Darauf können psychische Erkrankungen folgen.

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Doch warum stresst uns Perfektionismus? Laut Kimberly Breuer, Co-CEO von Likeminded, einer Plattform für mentale Gesundheitsförderung, gehen Perfektionistinnen und Perfektionisten regelmäßig über ihre Belastungsgrenze hinaus, weil ihnen die Qualität ihrer Arbeit am Herzen liegt. Sie überspringen Pausen, ignorieren eigene Bedürfnisse und arbeiten nicht selten noch bis spät in die Nacht, um alles (nach ihrem Verständnis) bestmöglich fertigzustellen. All diese Verhaltensweisen wirken sich dauerhaft negativ auf die mentale Gesundheit aus.

„Stress wird sehr individuell wahrgenommen und stark von der eigenen Einstellung beeinflusst“, sagt KKH-Arbeitspsychologin Antje Judick dazu. Gleichzeitig sieht die Expertin einen Hang zum Perfektionismus und zur Stressverherrlichung in unserer Gesellschaft. So gelte Stress in der heutigen Leistungsgesellschaft oft als Statussymbol und Perfektionismus als ein Zeichen von Leistungsfähigkeit. Dabei streben Frauen laut den Umfrageergebnissen Perfektionismus tendenziell häufiger und in mehr Lebensbereichen an als Männer. Sie geben beispielsweise häufiger an, öfter sehr gestresst zu sein als Männer (20 gegenüber 11 Prozent). Frauen würden in Beruf und Familie „Perfektes“ abliefern wollen, wohingegen Männer dies meist nur auf der Arbeit tun möchten.

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Eine Unternehmenskultur, die Perfektionismus eindämmt

Obwohl die Studie andeutet, dass der Hauptauslöser für Stress beim Individuum und nicht in der Arbeitswelt liegt, beeinflusst unsere Umgebung doch, inwieweit Menschen an ihren perfektionistischen Einstellungen festhalten, und kann dieses Perfektionismusstreben weiter anfeuern. Deshalb ist es laut Kimberly Breuer wichtig, die Unternehmenskultur entsprechend zu gestalten.

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Dafür gibt sie folgende Tipps: Arbeitgeber sollten anerkennen und kommunizieren, dass es okay ist, wenn Mitarbeitende nicht immer 100 Prozent auf der Arbeit geben, und dass 80 Prozent oftmals auch ausreichend sind, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Auch sollten Unternehmen Pausen und Auszeiten der Beschäftigten sowie offene Gespräche über Belastungsgrenzen und Unterstützungsmöglichkeiten in den Teams aktiv fördern. Auch das Setzen von realistischen Deadlines und Prioritäten können Menschen dabei helfen, nicht in den Perfektionismus zu verfallen.

Dafür ist es natürlich essenziell, dass Arbeitgeber und Belegschaft verstehen, dass der Mythos „Perfektionismus führt zum Erfolg“ nicht stimmt, schreibt Führungs- und Gesundheitsexperte Benjamin Rolff auf Linkedin. „Perfektionismus bedeutet nicht gleich Wertschöpfung. Oft entsteht der größte Wert darin, wenn wir gesunde Ansprüche formulieren und dabei Fortschritt und Wohlbefinden über Perfektion stellen.“

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Wie kann sich der Perfektionist selbst im Zaum halten?

Die Forschung des US-amerikanischen Organisationspsychologen Adam Grant bestätigt das. Demnach führt Ausprobieren, Fehlermachen und aus diesen zu lernen zum Erfolg. Doch gerade davon halten sich Perfektionistinnen und Perfektionisten oftmals ab. Denn stattdessen hängen sie sich häufig an eigentlich unwichtigen Dingen auf und gehen weniger Risiken ein, die ihnen aber bei der Weiterentwicklung helfen könnten. Zudem lernen sie weniger häufig aus ihren Fehlern, denn sie seien zu beschäftigt damit, sich selbst zu kritisieren.

Doch: Wie können perfektionistisch veranlagte Menschen dieses Verhalten vermeiden? Grant rät in seinem Buch „Hidden Potential“ sowie zahlreichen Podcast-Folgen: „Für diese Menschen geht es darum, Fehler erstmal als normalen und hilfreichen Teil des Lebens anzusehen.“ Er selbst – eigenen Aussagen nach genesender Perfektionist – hat sich eine Fehlerquote gesetzt. „Jedes Jahr nehme ich mir vor, eine bestimmte Anzahl an Fehlern zu machen“, sagt er.

Dadurch reagiere Grant beim Fehlermachen dann eher positiv, weil er damit ja ein selbstgestecktes Ziel erreicht. Gleichzeitig sei es laut Grant hilfreich, klare Ziele zu definieren und hier auch ganz deutlich festzuhalten: Perfektionismus ist es nicht! Auf dem Weg zum eigentlichen Ziel empfiehlt der Organisationspsychologe, einzelne Schritte zu definieren und sich auf diese und nicht auf das große Ganze mit all seinen Details zu fokussieren.

Beim Messen der Leistung sei es wichtig, sich nur von einer gut ausgewählten Gruppe von Menschen, denen man vertraut, Feedback einzuholen. Die Gruppe sollte im Idealfall aus Menschen bestehen, die dir nur ein paar Punkte auf einmal nennen, die du verbessern kannst, dich immer wieder daran erinnern, dass du nur mit deinem Ich aus der Vergangenheit im Wettbewerb stehst und nicht mit dem Rest der Gesellschaft, und immer auch Erfolge betonen. Das führe bestenfalls dazu, dass Perfektionisten und Perfektionistinnen lernen, Imperfektes zu akzeptieren und genau dadurch das nächste Level ihres Wachstums erreichen.

Lena Onderka ist redaktionell verantwortlich für den Bereich Employee Experience & Retention – wozu zum Beispiel auch die Themen BGM und Mitarbeiterbefragung gehören. Auch Themen aus den Bereichen Recruiting, Employer Branding und Diversity betreut sie. Zudem ist sie redaktionelle Ansprechpartnerin für den Deutschen Human Resources Summit.