Weltweit wird restrukturiert. OECD, European Restructuring Monitor und große Beratungshäuser beschreiben Umbauten längst nicht mehr als punktuelle Krisenreaktion, sondern als dauerhaften Anpassungsmodus von Volkswirtschaften und Branchen. McKinsey spricht von drei „tektonischen Kräften“, die Unternehmen gleichzeitig unter Druck setzen: technologische Disruption, ökonomische Fragmentierung und radikale Änderungen in der Zusammensetzung und Zusammenarbeit von Belegschaften.
Auch in Deutschland spitzt sich die Lage zu. 89 Prozent der von der Beratungsgesellschaft Horváth befragten Industrieunternehmen setzen auf Restrukturierung. Der European Restructuring Monitor zählte 2023 für Europa 254 große Restrukturierungsfälle, 46 Prozent mehr als 2022; Deutschland und das Vereinigte Königreich standen zusammen für 61 Prozent dieser Aktivität, Deutschland allein für 25 Prozent. Restrukturierung ist also kein Randphänomen mehr. Sie ist Normalbetrieb.
Reorganisation ist das neue Normal
Die Treiber sind bekannt: Geopolitik, Regulierung, Finanzierungskosten, Fachkräftemangel, Energie- und Rohstoffpreise, Lieferkettenstörungen und industrieller Strukturwandel. In Deutschland kommen regulatorische und mitbestimmungsbedingte Hürden hinzu. Das macht Restrukturierung nicht unmöglich, aber oft langsamer, konfliktreicher und voraussetzungsreicher als in anderen Weltregionen.
Genau hier setzt der Organizational Performance Report 2026 an. Die Ergebnisse unserer Online-Befragung von 1.226 Beschäftigten in Unternehmen mit mindestens 1.000 Mitarbeitenden in Deutschland und den USA bestätigen den hohen Veränderungsdruck, zeigen aber noch etwas anderes: Deutschland organisiert und reorganisiert schwerfälliger und schlechter als die USA. Und es liegt zugleich bei Anpassungsfähigkeit und Innovation spürbar zurück.
Leidet Deutschland unter einem Restrukturierungstrauma?
Vor diesem Hintergrund drängt sich eine Hypothese auf: Deutschland steckt nicht nur in einer wirtschaftlichen und technologischen Erneuerungskrise, wie es Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung nennt – es könnte auch unter einem Restrukturierungstrauma leiden. Damit ist keine medizinische Diagnose gemeint, sondern ein organisatorisches und emotionales Muster: Unternehmen bauen immer wieder um, erleben diese Umbauten aber als zäh, schmerzhaft, riskant und oft wenig erfolgreich. Genau dadurch wächst die Skepsis gegenüber dem nächsten Umbau schon, bevor er begonnen hat. Reorganisation wird dann nicht als Weg nach vorn erlebt, sondern als Kräfteverschleiß.
Was unsere Studie zeigt
Die Kernaussage des Reports ist unerquicklich. Deutsche Unternehmen schöpfen ihre organisationale Leistungsfähigkeit laut Befragten nur zu rund 60 Prozent aus, US-Unternehmen dagegen zu rund 70 Prozent. Auf der zugrunde gelegten Skala von minus 100 (keine organisationale Leistungsfähigkeit) bis plus 100 (maximale Leistungsfähigkeit) erreicht Deutschland einen Organizational-Performance-Score von 21, die USA einen Wert von 40.
Besonders groß ist die Lücke dort, wo Zukunftsfähigkeit entsteht: bei Anpassungsfähigkeit und Innovation. So sehen US-Befragte ihre Unternehmen deutlich häufiger als flexibel (49,5 versus 28,7 Prozent), technologisch führend (37,9 versus 24,4 Prozent), experimentierfreudig (33,8 versus 17,2 Prozent) und erfolgreich mit neuen Produkten (43,7 versus 22,2 Prozent).
Noch gravierender sind die Unterschiede beim Blick auf Reorganisationen. Zwar berichten drei von vier Befragten in beiden Ländern von Reorganisationen in den vergangenen fünf Jahren. Und jede zweite Person hält in unserer Befragung einen weiteren Umbau für nötig, damit die Organisation ihre Ziele in den kommenden fünf Jahren erreichen kann. Die Intensität der Herausforderung ist also diesseits und jenseits des Atlantiks absolut vergleichbar. Der Unterschied offenbart sich aber im Erleben der Reorganisation.
In Deutschland berichten nur 16,6 Prozent von einer deutlich erfolgreichen Reorganisation, in den USA dagegen sagen das 41 Prozent. 48,1 Prozent der deutschen Befragten bezeichnen die erlebten Reorganisationen als zäh und aufreibend; in den USA sind es 33 Prozent. 43,3 Prozent der deutschen Befragten sagen, Organisationen fehle bei Reorganisationen oft die Vorausschau auf ihre Folgen; in den USA sagen das nur 33,6 Prozent. Und dass Führungskräfte für Veränderung gut gerüstet seien, bejahen in Deutschland nur 25,7 Prozent, in den USA aber 46,6 Prozent.
Genau diese Kombination in Deutschland ist heikel: auf der einen Seite hoher Veränderungsdruck und häufige Reorganisationen, auf der anderen Seite aber niedrige Erfolgswerte, hohe Reibung und geringes Vertrauen in die Change-Kompetenz der Führung. Aus einer solchen Gemengelage kann sich ein Restrukturierungstrauma durchaus entwickeln.
Info
Das Design des Organizational Performance Report 2026
Grundlage ist eine Online-Befragung von 1.226 Beschäftigten in Unternehmen mit mindestens 1.000 Mitarbeitenden in Deutschland und den USA. In Deutschland wurden 621, in den USA 605 Personen befragt; darunter waren 110 Führungskräfte in Deutschland und 101 in den USA. Erhoben wurden die Daten im Januar und Februar 2026. Gemessen wird organisationale Leistungsfähigkeit entlang dreier Ergebnisdimensionen sowie vier Treibern: Effizienz, Effektivität, Anpassungsfähigkeit und Innovation.
Den Organizational Performance Report 2026 können Sie hier beziehen.
Warum schlechte Reorganisation auf die Stimmung drückt
Besonders plausibel wird diese Lesart, wenn man die emotionale Seite betrachtet. Im Durchschnitt liegen Zufriedenheit und Optimismus in den USA bei 69 von 100 Punkten, in Deutschland bei 60. Der Report zeigt also nicht nur eine Leistungs-, sondern auch eine Stimmungslücke zwischen den beiden betrachteten Volkswirtschaften.
Noch aufschlussreicher ist ein weiterer Zusammenhang: Bei den deutschen Befragten, die ihre Reorganisationen als sehr erfolgreich erlebt haben, steigt der Optimismuswert von 60 auf 82 Punkte. In den USA steigt er von 69 auf 85. Das spricht nicht dafür, dass Reorganisation an sich die Stimmung ruiniert. Es spricht vielmehr dafür, dass schlecht gemachte Reorganisationen die Stimmung nach unten ziehen – und gut gemachte sie sogar heben können. Ein Teil der gedrückten Stimmung in deutschen Unternehmen könnte also hausgemacht sein: eine Folge schwacher Organisations- und Reorganisationskompetenz.
Darin zeigt sich die emotionale Basis des Restrukturierungstraumas. Wenn Umbauten wiederholt als schleppend, konflikthaft und wenig wirksam erlebt werden, sinkt das Vertrauen in den nächsten Umbau. Und wenn gleichzeitig die Zukunftsaussichten ohnehin eingetrübt sind, verfestigt sich die Erwartung: Reorganisation bedeutet Belastung – nicht Verbesserung.
Woher rühren die deutschen Schwierigkeiten?
Die Daten legen drei Ursachenbündel nahe, warum Reorganisation in Deutschland so negativ und angstbesetzt wahrgenommen wird.
1. Mentalitäts- oder Haltungsfrage
In den USA scheint Organisation stärker als gestaltbarer Wettbewerbsfaktor verstanden zu werden, in Deutschland eher als etwas, das Ordnung schafft und Stabilität sichert. Das ist nicht falsch. Aber es reicht in einer Welt permanenter Umbrüche nicht mehr aus. Wer Organisation vor allem als Mittel der Absicherung begreift, wird Reorganisation eher als Störung, denn als Gestaltungschance erleben.
2. Kompetenzfrage
Wenn Reorganisationen häufiger als mühsam und wenig erfolgreich erlebt werden und Führungskräfte deutlich seltener als fit in Veränderungsprozessen gelten, liegt der Schluss nahe, dass es an handwerklicher Reorganisationskompetenz mangelt. Dann ist Umbau eben nicht nur Strategie- oder Projektfrage, sondern eine Frage des organisatorischen Könnens: Wie klar wird kommuniziert? Wie konsequent wird umgesetzt? Wie sauber werden Verantwortlichkeiten, Logiken und Wirkungen durchdekliniert?
3. Frage des datenbasierten Managements
In den USA stimmen 46,9 Prozent der Aussage zu, Entscheidungen würden im Unternehmen immer auf Basis fundierter Daten getroffen; in Deutschland nur 37,7 Prozent. Während in den USA etwa jede zweite Person sagt, visuelle Darstellungen halfen, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten zu erkennen, sagt das in Deutschland noch nicht einmal jede dritte; der Wert liegt bei 27,1 Prozent. Dashboards und Organigramme werden in den USA intensiver genutzt und eher als Steuerungs- und Gestaltungsinstrument verstanden, in Deutschland eher als Mittel der Transparenz und Absicherung.
Hier zeigt sich der oben beschriebene Unterschied im Organisationsverständnis also auch in der Datennutzung. Die Art und Weise, wie im Management mit Daten gearbeitet wird, erweist sich in Deutschland als eher exploitativ-planerisch, während sie in den USA als eher transformativ-gestaltend bezeichnet werden kann. Wer Daten primär nutzt, um den Status quo zu dokumentieren, wird Restrukturierung anders betreiben als jemand, der mit Daten Szenarien durchdenkt und Veränderung vorbereitet.
Info
Wo sich das Restrukturierungstrauma in den Daten zeigt
- Reorganisation ist in beiden Ländern Alltag: Drei von vier Befragten berichten davon, jede zweite Person hält weiteren Umbau für nötig.
- In Deutschland wird Reorganisation aber deutlich negativer erlebt: 16,6 Prozent berichten von deutlich erfolgreicher Reorganisation, in den USA sagen das immerhin 41,0 Prozent.
- Beachtliche 48,1 Prozent der deutschen Befragten nennen Reorganisationen zäh und aufreibend; in den USA sind es 33,0 Prozent.
- Führungskräfte gelten in Deutschland deutlich seltener als veränderungskompetent: 25,7 versus 46,6 Prozent in den USA.
- Wo Reorganisation als sehr erfolgreich erlebt wird, steigt der Optimismus: in Deutschland von 60 auf 82 Punkte. Gerade das spricht dafür, dass nicht Reorganisation an sich, sondern ihre mangelhafte Qualität die emotionale Basis des Problems bildet.
Auch der institutionelle Rahmen zählt
Es gibt also in Deutschland einiges zu entwirren und zu verbessern, wenn wir über die Organisationskompetenz, das Reorganisationsgeschehen sowie das Innovations- und Anpassungsvermögen hiesiger Unternehmen sprechen. Zum deutschen Kontext gehören aber freilich auch institutionelle Besonderheiten. Als Bremser für gelingende Umbauten werden häufig genannt: Mitbestimmung, Sozialplanlogiken und die hohe Abstimmungsdichte zwischen Stakeholdern. In meiner eigenen Arbeit als Manager wie in unzähligen Kundenprojekten aber erlebe ich: Wer will, der kann. Auch unter den heute gegebenen Rahmenbedingungen. Organisation und Reorganisation sind nun wirklich die Bereiche, die Führungskräfte aus eigener Kraft und eigenem Können gestalten können.
Was jetzt zu tun ist
Was folgt daraus? Wenn unsere Diagnose eines „deutschen Reorganisationstraumas“ stimmt, darf Resignation nicht die Antwort darauf sein. Im Gegenteil: Wir erkennen darin einen ziemlich klaren Handlungsauftrag.
- Unternehmen müssen Reorganisation als Kernkompetenz begreifen, nicht als Sonderprojekt.
- Sie müssen für einen engeren Schulterschluss von HR und Management sorgen, damit Umbauten nicht nur finanziell und juristisch, sondern auch strukturell und personell sauber vollzogen werden.
- Unternehmen sollten kleinteiliger, engmaschiger und konsequenter umbauen – eher in der Logik kontinuierlicher Transformation als der des seltenen großen Wurfs.
- Daten sollten umfassender und anders genutzt werden: nicht nur zum Dokumentieren, Planen und Absichern, sondern vor allem zum Simulieren, Vorausdenken und Umsteuern.
- Deutschland braucht ein neues Narrativ: weg vom Restrukturierungstrauma, hin zu der Einsicht, dass gut gemachte Reorganisation nicht deprimiert, sondern Leistungsfähigkeit und Optimismus erhöht.
Das Trauma lässt sich behandeln
Die eigentlich gute Nachricht lautet deshalb: Das mutmaßlich deutsche Restrukturierungstrauma ist kein Schicksal. Die Außenwelt bleibt rau. Technologie, Geopolitik und Finanzen werden Unternehmen weiter unter Druck setzen. Aber der Umgang damit ist veränderbar. Deutsche Unternehmen müssen lediglich das tun, was sie ohnehin tun: reorganisieren – allerdings wirksamer, klarer und zukunftsorientierter! Datenbasierte Analysen und Simulationen helfen dabei. Die nötigen Tools sind vorhanden. Wenn wir jetzt in diesem Sinne anpacken, könnte aus Restrukturierungsfrust bald wieder Organisationslust werden. Worauf warten wir?
Autor
Joachim Rotzinger ist CEO von Ingentis. Der Softwareanbieter unterstützt Unternehmen dabei, Organisationsstrukturen und Workforce-Entwicklungen sichtbar, analysierbar und gestaltbar zu machen – und das in allen Entwicklungsphasen eines Unternehmens. Er hat gemeinsam mit Prof. Dr. Stephan Fischer von der Hochschule Pforzheim im Frühjahr 2026 den Organizational Performance Report ins Leben gerufen.
