Workplace Survivor Syndrome: Was der Stellenabbau mit denen macht, die bleiben

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Restrukturierungen, Stellenabbau, Layoffs – diese Begriffe gehören inzwischen zum festen Vokabular unseres Arbeitsalltags. In Deutschland planen laut einer Konjunkturumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft 36 Prozent der Unternehmen, 2026 Stellen abzubauen. Die Aufmerksamkeit gilt in solchen Momenten zu Recht den Betroffenen: Menschen, die ihren Job verlieren, stehen plötzlich vor großen Unsicherheiten.

Doch es gibt eine zweite Gruppe, die dabei fast immer im Verborgenen bleibt: die, die bleiben. Von außen betrachtet sind sie die Glücklichen. Sie behalten ihren Job und ihr Gehalt, ihre Krankenversicherung. Was also soll es da zu klagen geben?

Dabei hinterlässt ein Stellenabbau auch bei den Verbleibenden tiefe Spuren – psychologisch, emotional, und nicht selten auch körperlich. Das zu übersehen, kann Unternehmen nachhaltig schaden, denn es hat direkten Einfluss auf die Motivation und die Leistungsfähigkeit im gesamten Team.

Deshalb ist es gerade für HR-Verantwortliche und Führungskräfte wichtig, die Situationen der verbleibenden Mitarbeitenden zu verstehen und sie zu unterstützen. Wie das gelingen kann, schauen wir uns in dieser Kolumne genauer an.

Was ist das Workplace Survivor Syndrome?

Das sogenannte Workplace Survivor Syndrome beschreibt die psychologischen, emotionalen und physischen Reaktionen von Mitarbeitenden, die einen Stellenabbau überstanden haben – also weiter beschäftigt sind, während Kolleginnen und Kollegen entlassen wurden.

Im Kern geht es um einen Mix aus widersprüchlichen Gefühlen: Erleichterung, nicht entlassen worden zu sein, und gleichzeitig Schuldgefühle, weil man das Gefühl hat, das Bleiben irgendwie nicht verdient zu haben, oder weil man glaubt, die Verantwortung für die Kündigung von anderen zu tragen. Diese emotionale Ambivalenz ist menschlich, und oftmals sehr belastend. Denn gerade die Tatsache, dass man sich erleichtert fühlt, kann die Schuldgefühle weiter schüren.

Wie sich das Workplace Survivor Syndrome zeigt

Der Forscher Pedro Neves (2014) unterscheidet zwei grundlegende Reaktionsmuster: Destructive Survivors, die sich vor allem auf das Negative fokussieren, und Constructive Survivors, die trotz allem vorwärtsorientiert bleiben. Welcher Typ überwiegt, hängt weniger von der Persönlichkeit ab als davon, wie das Unternehmen mit der Situation umgeht.

Was Betroffene erleben, ist dabei breit gefächert – und reicht weit über das klassische Schuldgefühl hinaus:

  • Angst und erhöhte Alarmbereitschaft: „Bin ich der Nächste?“ ist ein Gedanke, der sich hartnäckig hält. Viele Mitarbeitende versuchen mehr und mehr, die Signale aus der Führungsetage zu verstehen. Jede E-Mail, jedes Meeting wird auf mögliche Hinweise gescannt.
  • Trauer und Verlust: Wenn langjährige Kolleginnen und Kollegen plötzlich gehen, bedeutet das für die Verbliebenen einen Verlust von vertrauten Arbeitsweisen und Arbeitsfreundschaften.
  • Wut und Misstrauen: Entlassungen werden oft als Vertragsbruch erlebt – nicht im juristischen Sinne, aber im psychologischen: Das Unternehmen hat eine unausgesprochene Vereinbarung gebrochen. Das weckt Misstrauen gegenüber der Führung und die Befürchtung, dass noch weitere Stellen abgebaut werden
  • Körperliche Stressreaktionen: Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Kopf- und Magenschmerzen – die emotionale Last äußert sich häufig somatisch, das heißt in Form körperlicher Symptome, obwohl die Ursache psychischer Natur ist.
  • Rückzug und Risikoaversion: Die psychologische Sicherheit leidet während Layoffs. Mitarbeitende haben plötzlich Angst, ihren Job zu verlieren, sprechen darum nicht offen Dinge an, bringen weniger kreative Ideen ein und sind nicht bereit, Neues auszuprobieren oder Risiken einzugehen.

Folgen für das Unternehmen

Wie langwierig das ist, zeigt ein Blick in den 2024 State of People Strategy Report von Lattice, einer HR-Softwareplattform für Performance- und Talentmanagement: 74 Prozent der befragten HR-Verantwortlichen gaben an, dass es zwischen vier Monaten und mehr als einem Jahr dauert, bis die Motivation und die Produktivität im Team nach einem Stellenabbau wieder auf dem alten Niveau sind.

Dabei entsteht schnell ein Teufelskreis: Die verbleibenden Mitarbeitenden können sich schlechter konzentrieren, weil ihre Angst kognitive Ressourcen bindet. Gleichzeitig wächst der Druck, mehr zu leisten, weil Aufgaben der entlassenen Kolleginnen und Kollegen aufgefangen werden müssen. Aus Angst, als „nicht belastbar genug“ wahrgenommen zu werden, werden persönliche Belastungsgrenzen stillschweigend verschoben. 

Am Ende sind Mitarbeitende erschöpft oder fallen im schlimmsten Fall komplett aus – genau dann, wenn das Unternehmen sie am dringendsten braucht. Und der Schaden bleibt nicht intern: Mitarbeitende, die innerlich gekündigt haben, tragen ihre Frustration nach außen. Entlassungen hinterlassen nicht nur im Team, sondern auch im Employer Branding Spuren – ein Aspekt, der in der Restrukturierungsplanung häufig unterschätzt wird.

Was HR-Verantwortliche tun können

Wie Mitarbeitende auf Entlassungen reagieren, wird wesentlich durch das Verhalten der Organisation mitgestaltet. Hier sind einige Hebel, mit denen HR unterstützen kann:

Den psychologischen Vertrag aktiv erneuern

Die implizite Vereinbarung „Loyalität gegen Sicherheit“ scheint für viele verbliebene Mitarbeitende durch einen Stellenabbau aufgekündigt. HR sollte das Arbeitsverhältnis und die Arbeitsbedingungen deshalb noch einmal explizit mit dem Team besprechen: Was kann das Unternehmen weiterhin bieten? Was hat sich verändert? 

Ambiguitätstoleranz im Team stärken

Nach einem Stellenabbau sind selten alle Fragen beantwortet. Wenn Mitarbeitende mit diesen Fragen allein gelassen werden, füllen sie die Leerstellen meist mit dem Schlimmsten. HR kann gegensteuern, indem Unklarheit aktiv angesprochen wird: Was wissen wir gerade – und was noch nicht? Welche Entscheidungen stehen noch aus, und bis wann sollen sie fallen? Gleichzeitig hilft es, Vertrautes sichtbar zu machen und Stabilität zu vermitteln: Welche Werte, Strukturen sowie Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen bleiben? 

Mitarbeitende, die gehen, gemeinsam verabschieden

Ein Trennungsritual mag zunächst merkwürdig klingen. Doch wenn Kolleginnen und Kollegen von einem Tag auf den anderen einfach weg sind, bleibt eine emotionale Leere. Ein kurzes gemeinsames Format – ein Abschiedswort, ein letztes gemeinsames Mittagessen, eine aufrichtige Nachricht – gibt dem Verlust eine Form, zeigt Wertschätzung denen gegenüber, die gehen, und erlaubt dem restlichen Team, das Geschehene tatsächlich zu verarbeiten. Das stärkt langfristig das Vertrauen in die Unternehmenskultur.

Arbeitslast realistisch neu verteilen

Ein Stellenabbau bedeutet meistens, dass dieselbe Arbeitslast auf weniger Menschen verteilt wird. Das wird in vielen Restrukturierungen nicht ausreichend adressiert. HR sollte aktiv darauf bestehen, dass Aufgaben und Prioritäten neu bewertet werden – realistisch und fair. Ein ehrlicher Blick auf das, was wirklich weitergeführt werden muss und was gestrichen werden kann, schützt vor Überlastung und signalisiert: Euer Wohlbefinden ist uns nicht gleichgültig.

Führungskräfte unterstützen

Führungskräfte sind selbst nicht immun gegen das Workplace Survivor Syndrome und dabei doppelt belastet: Sie haben die Entlassungen oft kommuniziert oder zumindest mitgetragen und müssen gleichzeitig ihr Team durch den Prozess führen. HR kann Führungskräfte gezielt unterstützen: durch Einzelgespräche mit Coaches oder Psychologinnen und Psychologen, moderierte Gruppenformate, in denen sich Führungskräfte auf Augenhöhe austauschen können, oder niedrigschwellige digitale Unterstützungsangebote.

Mitarbeitenden Unterstützung anbieten

Auch für die Mitarbeitenden sollten Unterstützungsformate eingeführt werden. HR sollte sicherstellen, dass konkrete Anlaufstellen existieren – und aktiv kommunizieren, dass deren Nutzung kein Zeichen von Schwäche ist. Auch für das Team können Einzelgespräche mit Coaches oder Psychologinnen und Psychologen hilfreich sein, sowie geführte Workshops, in denen das Erlebte gemeinsam verarbeitet wird, oder digitale Plattformen für mentale Gesundheit, die niedrigschwellig und anonym zugänglich sind. Entscheidend ist nicht nur, dass die Angebote existieren, sondern, dass sie aktiv kommuniziert und von der Führungsebene sichtbar mitgetragen werden.

Den Fokus nach vorne richten

Mitarbeitende brauchen keine Durchhalteparolen. Was ihnen hilft, ist eine klare und ehrliche Antwort auf die Frage: Welche Rolle spiele ich jetzt noch, und wohin geht das Unternehmen? Zukunftsperspektiven, die konkret und realistisch sind, geben mehr Halt als vage Versprechen. HR kann dabei helfen, Entwicklungspfade sichtbar zu machen und damit das Gefühl zu stärken, dass die verbleibenden Mitarbeitenden im Unternehmen geschätzt werden.

HR kann verbleibende Mitarbeitende halten

Das Workplace Survivor Syndrome ist eine vorhersehbare Reaktion auf eine belastende Erfahrung – und es betrifft eine Gruppe, die im öffentlichen Diskurs über Entlassungen kaum vorkommt.

Dabei ist gerade diese Gruppe entscheidend für das, was nach einer Restrukturierung kommt: die Produktivität, die Kultur, die Stabilität. Unternehmen, die die verbleibenden Mitarbeitenden nicht proaktiv unterstützen, riskieren, die Kosten des Stellenabbaus durch Ausfälle, innere Kündigung und sinkende Motivation zu vervielfachen. HR hat hier eine Schlüsselrolle – als vorausschauende Kraft, die schon in der Planung mitdenkt: Was brauchen die, die bleiben?

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Wie kann HR die mentale Gesundheit von Mitarbeitenden, aber auch sich selbst stärken? Dr. Katharina Koch, Head of Psychology bei nilo, gibt in ihrer monatlichen Kolumne Tipps und Inspiration für den Arbeitsalltag.