So können Stimmanalysen bei der Mitarbeiterführung unterstützen

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Frage an die HR-Werkstatt: Wie können Stimmanalysen bei der Mitarbeiterführung unterstützen?
Es antwortet: Josua Kohbeg, Neurowissenschaftler, Redner, Buchautor und Unternehmer.

In der neuesten Gallup-Studie „State of the Global Workplace 2023“ geben 44 Prozent der Beschäftigten in Deutschland an, gestresst zu sein. Die Wechselbereitschaft liegt bei 56 Prozent, ist im Vergleich zu den Ergebnissen von 2022 um 12 Prozent gewachsen und so hoch wie noch nie. Dabei sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt hervorragend.

Woran liegt diese geringe emotionale Bindung an den eigenen Arbeitgeber? Der Grund ist meist die Qualität der Führung. Fehlende Empathie, mangelnde Wertschätzung, unklare Ansagen – das sind ein paar der immer wieder kritisierten Punkte. Wie kann HR nun diesem Problem entgegenwirken und Mitarbeitende durch gute Führung an mein Unternehmen binden? Die Antwort: Es muss tiefer gegraben werden. Oft sind die Verhältnisse zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden oberflächlich, so wirklich kennt man sich nicht. Wie sollen ein gutes Miteinander und eine effektive Zusammenarbeit stattfinden, wenn ich nicht um die Stärken und Schwächen meiner Mitarbeitenden weiß? Es gilt also, persönlich zu werden.

Was Stimmanalysen über die Persönlichkeit aussagen

Dabei helfen können Stimmanalysen. Die eigene Stimme ist ein Weg, um Aufschluss über Persönlichkeiten zu bekommen, denn sie ist so individuell wie ein Fingerabdruck und sagt viel über einen Menschen aus. Bei einer Stimmanalyse kann mittels physikalischer Frequenzmessungen ein Stimmbild abgebildet werden – eine Art auditiver Fingerabdruck. Dieses Stimmbild enthält den Basiston (der am häufigsten beim Sprechen angeschlagene Ton) sowie dessen Nebentöne und kann außerdem Blockaden durch Stress und Anspannung aufzeigen: Wer schon einmal traurig oder wütend war, weiß, dass sich dies oft auch in der Stimme widerspiegelt, sie zeigt, wer wir sind und wie es uns geht.

Aus diesem Stimmbild lassen sich schließlich Charaktereigenschaften ableiten. Ein dominanter Mensch spricht anders wie eine introvertierte, schüchterne Person – das kann man sich recht einfach vorstellen. Aber auch Kreativität, Lust auf Struktur, Kommunikationsfreude und vieles mehr lässt sich am Stimmbild ablesen. Ähnlich wie bei anderen Persönlichkeitstests gibt die Stimmanalyse also Auskunft darüber, wer wir sind, wo Stärken und Schwächen liegen und was uns bewegt. Nur, dass die Stimmanalyse vollkommen objektiv ist, sie kann nicht kognitiv manipuliert oder bewusst beeinflusst werden, sondern basiert rein auf der physikalischen Messung der Stimmfrequenzen.

Stimmanalyse in HR

Der Ansatz birgt deshalb für Unternehmen große Potenziale. Stimmanalysen können mittlerweile per App durchgeführt und ausgewertet werden, sodass sie sich in Unternehmensprozesse integrieren lassen. Schließlich spielt die Persönlichkeit sowohl im Personalwesen als auch in der Beziehung zwischen Mitarbeitenden und Führungskraft eine wichtige Rolle. Es gilt Aufgaben- und Verantwortungsbereiche im Team zuzuordnen und richtig zu verteilen.

Das kann nur gelingen, wenn man die Stärken, Schwächen und Vorlieben der Mitarbeitenden kennt. Mit einer Stimmanalyse können hier neue Erkenntnisse gewonnen werden, schließlich ist sich nicht jeder wirklich sicher, wo die eigenen Stärken liegen oder tut sich schwer, dies zu verbalisieren. Führt jeder im Team eine Stimmanalyse durch, ist dies der perfekte Einstieg für Gespräch und Coaching darüber hinaus. Die Ergebnisse können besprochen und auf die Arbeit übertragen werden.

Nach der Stimmanalyse: Mitarbeitende verstehen und besser anleiten

Wie geht es also nach der Stimmanalyse weiter? Es geht in den Austausch im Team. Manche Anbieter der Stimmanalyse unterstützen hier auch weiterhin durch Beratung und Coaching. Es wird also über die Ergebnisse gesprochen, gemeinsam reflektiert. Das funktioniert im 1:1 Setting mit Mitarbeitendem und Führungskraft oder auch im Team. Schließlich bringen die Stimmanalysen und die genauere Kenntnis der einzelnen Persönlichkeitstypen ein besseres Verständnis füreinander.

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Wenn ich weiß, dass mein Kollege mit zum Beispiel dem Basiston „GIS“ ein extrem strukturierter Mensch ist, dem Sicherheit sehr wichtig ist, dann versteht man, warum genau ihn Chaos, Prokrastination oder einfach unstrukturierte Abläufe ganz besonders nerven und verunsichern. Stattdessen kann genau dieser Kollege vermutlich für das Strukturieren neuer Prozesse bestens eingesetzt werden. Im Anschluss an die Stimmanalyse können also Aufgaben- und Verantwortungsbereich angepasst und individuell auf die Mitarbeitenden zugeschnitten werden. Das Ergebnis: Zufriedenere Mitarbeitende, die ihrem Team und Unternehmen treu bleiben.

Mitarbeiterbindung durch bessere Führung

Auch Führungskräfte sollten die Stimmanalyse durchführen. Für sie ist es besonders wichtig, sich selbst gut zu kennen und die eigenen Frustrationspotenziale oder Schwächen zu reflektieren, statt zu ignorieren. Die Gallup-Studie führt vor Augen, dass Frustration bei schlechter Führung oft dazu führt, dass Mitarbeitende sich anderweitig nach Jobs umschauen. Die Arbeit mit einer Stimmanalyse kann dabei helfen, das zu vermeiden.

Führungskräfte bekommen hiermit Ressourcen an die Hand, die es einfacher machen, mit dem Team zu kommunizieren und einander kennenzulernen. Davon profitieren Team und Führungskraft auf professioneller Ebene, denn Aufgaben können effizienter erledigt werden. Auch die persönliche Ebene profitiert und ist sogar noch wichtiger: Mitarbeitende fühlen sich gesehen und in ihrer Ganzheit wahrgenommen. Frustrationspunkte können einfacher zur Sprache gebracht werden und es entsteht ein besseres, persönlicheres Miteinander, was auf die Mitarbeiterbindung einzahlt.

Handlungsempfehlungen

  • Schaffen Sie Räume und Möglichkeiten für die Führungskräfte, ihr Team kennenzulernen. Ein Austausch über Stärken und Schwächen oder auch bevorzugte Arbeitsbereiche kann helfen, einander zu verstehen und emotionale Bindung – auch ans Unternehmen – aufzubauen.
  • Der Einsatz von Stimmanalysen im Unternehmen bringt nicht nur Erkenntnisse, sondern positioniert Sie auch als attraktiven Arbeitgeber, der das Potenzial seiner Angestellten sieht.
  • Das im Anschluss an die Stimmanalyse folgende Coaching kann Führungskräfte bei der Strukturierung ihrer Teams sowie der Aufgabenverteilung unterstützen und entlasten. Mehr Mitarbeitenden-Zufriedenheit und damit eine intensivere Bindung ans Unternehmen sind das Ergebnis.

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