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Ein zusätzlicher Urlaubstag für die mentale Gesundheit

Cawa Younosi, Personalleiter SAP Germany, erklärt, warum mentale Gesundheit in seinem Unternehmen einen hohen Stellenwert hat. (Foto: SAP Germany)
Cawa Younosi, Personalleiter SAP Germany, erklärt, warum mentale Gesundheit in seinem Unternehmen einen hohen Stellenwert hat. (Foto: SAP Germany)

Personalwirtschaft: Am 27. April haben alle SAP-Mitarbeitenden frei. Was steckt hinter dem zusätzlichen Urlaubstag?

Cawa Younosi: Der zusätzliche freie Tag steht im Zeichen der mentalen Gesundheit. Der Lockdown ging an uns allen nicht spurlos vorbei. Wir sind dünnhäutiger geworden und einfacher zu reizen. Die soziale Distanz, die Doppelbelastung von Arbeit und Kinderbetreuung sowie die Unsicherheit und Angst, die durch die Pandemie entstanden sind – all das geht mittlerweile an die Substanz der Menschen. Wir wollen unsere Mitarbeiter mit dem extra freien Tag aktiv darauf hinweisen, dass sie Pausen zwischen ihren einzelnen Terminen brauchen. Sie müssen sich erholen und tief durchatmen können.

Wenn es unseren Mitarbeitern gut geht, dann sind sie für den Job auch 100 Prozent da.

Ein zusätzlicher freier Tag geht auch immer mit wirtschaftlichen Verlusten einher. War das ein Diskussionspunkt bei der Frage nach dem Ob?

Wir sind bei SAP von dem Grundsatz “Happy Employees, happy Customers” überzeugt. Wenn es unseren Mitarbeitern gut geht, dann haben sie einen klaren Kopf und sind für den Job auch 100 Prozent da. Im Lockdown haben wir zudem ohnehin die Regelung gehabt, dass Mitarbeiter, die ihre Arbeit aufgrund von Kinderbetreuung nicht leisten konnten, weniger arbeiten mussten. Trotzdem haben wir ihnen weiterhin das volle Gehalt gezahlt. Der eine Tag macht deshalb für uns aus wirtschaftlicher Perspektive keinen großen Unterschied.

Gibt es noch ein Rahmenprogramm zu dem freien Tag im Zeichen der mentalen Gesundheit?

Jein, der Tag an sich soll einzig und alleine der Erholung dienen und auch vorab nicht durch weitere “To-Dos” geprägt sein. Im Rahmen unserer Mental Health Kampagne “Are you ok? It’s okay to not be ok!” haben wir allerdings auch um diesen Tag herum Live Sessions zur Destigmatisierung von psychischen Erkrankungen, um Inspiration zu geben und den kollegialen Austausch von Best-Practices zu fördern. Und wer möchte oder für wen das hilfreich ist, kann sich natürlich auch an diesem Tag die Impulse und Angebote aus unserem bereits bestehenden Programm für mentale Gesundheit “SAP for You” zu Nutzen machen. Wir haben 2018 das größte Achtsamkeitsprogramm der deutschen Industrie unter dem Namen “SAP for You” ausgerollt. 2019 haben mehr als 10.000 Kollegen daran teilgenommen – das sind fast 50 Prozent unserer Belegschaft in Deutschland. Aus rund 800 Kursangeboten, die derzeit online stattfinden, können Mitarbeiter auf freiwilligen Basis auswählen und unter anderem mehr über Atemübungen, Yoga, emotionale Intelligenz, Familie und Motivation sowie Sportpsychologie lernen. Zudem haben wir uns mit einem externen Berater zusammengetan, den die Mitarbeiter kostenlos und jederzeit wegen mentaler Probleme kontaktieren können.

Das klingt nach einer Unternehmensgrundeinstellung und nicht nur nach einem Programm.

Ja, Achtsamkeit ist Teil unserer Unternehmenskultur geworden. Mitarbeiter können bei uns täglich den Tag mit einem Mindfulness-Training beginnen. Derzeit findet dies virtuell statt. Heute haben wir ein Teammeeting mit einer Yoga-Übung begonnen. Das gute an Achtsamkeit ist ja auch, dass sie überall ausgeübt werden kann, man muss nur das richtige Handwerkzeug haben. Und das wollen wir unseren Mitarbeitern an die Hand geben. Auch in der Kantine, dort haben wir schon mal Mindfulness-Lunches veranstaltet, wo Mitarbeiter angeregt wurden, bewusst zu essen. Dieses Konzept stellen wir auch anderen Unternehmen zur Verfügung.

Es geht nicht darum, Menschen zu optimieren, sondern dass sie sich mental gesund fühlen.

Inwiefern?

Wir haben einen Chief Mindfulness Officer, den auch andere Unternehmen buchen können. Auch unser Achtsamkeitsprogramm verkaufen wir weiter. Jetzt muss man nur aufpassen, dass das Thema Mindfulness nicht zu sehr zum Hype wird und man noch bei der Sache bleibt. Bei uns hat das Programm nicht die Funktion, Menschen zu optimieren und zu besseren Maschinen zu machen. Es geht darum, dass sie sich mental gesund fühlen. 

Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?

Vor ein paar Jahren hatte ich die ersten Anzeichen eines Burnouts. Das war mir damals aber nicht so bewusst. Als ich erstmals im Rahmen unseres dauerhaften Achtsamkeitsprogramms Atemübungen gemacht habe, war das für mich ein Augenöffner. Dass mit solch einfachen Übungen eine so große Verbesserung des mentalen Zustands erreicht werden kann, war mir nicht bewusst. Das hätte mir auch gut für die Zeit kurz vor meinem juristischem Staatsexamen geholfen (lacht). Jedenfalls führe ich die Atemübungen nun immer aus, wenn ich das in einer für mich stressigen Phase mental brauche.