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Ausbildung: Weg mit den Klischees!

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Wann beginnt eigentlich die Trennung von Jungen und Mädchen? Spoiler: ziemlich früh. Sehr früh. Eigentlich schon bei der Geburt – manchmal sogar davor. Rosa oder Blau, Prinzessin oder Abenteurer, brav oder wild. Was nach harmlosen Zuschreibungen aussieht, ist der Startschuss für etwas, das uns in der Ausbildung und im Recruiting Jahre später mit voller Wucht wieder einholt. Denn aus diesen frühen Unterschieden entstehen Erwartungen. An Interessen. An Fähigkeiten. An Berufe. Warum sonst gelten Pflege, Erziehung oder Büroorganisation bis heute als „typisch weiblich“ – während Technik, Handwerk oder IT als „Männersache“ abgestempelt werden? Und warum ist der Fachkräftemangel ausgerechnet dort besonders groß, wo wir uns nur an der Hälfte des Talentpools bedienen? 

Klischees sind bequem – aber teuer 

Geschlechterklischees haben einen großen Vorteil: Sie machen es einfach. Einfach zu sortieren. Einfach zu erwarten. Einfach zu entscheiden. Aber sie haben einen massiven Nachteil: Sie kosten uns Talente.

Wenn wir Berufe unbewusst einem Geschlecht zuschreiben, schließen wir andere automatisch aus – oft ohne es zu merken. Das beginnt bei der Berufsorientierung, setzt sich fort in Stellenanzeigen und endet im Auswahlgespräch. Und spätestens dort wird es teuer. Denn Fachkräftemangel ist kein Naturgesetz. Er ist oft auch das Ergebnis sehr enger Vorstellungen davon, wer zu welchem Beruf passt. 

Warum entscheiden sich junge Menschen so geschlechtertypisch? 

Die Antwort ist unbequem: Weil wir es ihnen beibringen. Nicht mit Absicht – aber mit Wirkung. Kinder lernen früh, was „zu ihnen passt“. Durch Spielzeug, Vorbilder, Sprache, Medien. Durch Eltern, Lehrkräfte, Social Media – und später durch Betriebe. Wenn Mädchen selten Mechanikerinnen sehen und Jungen kaum Erzieher, dann entsteht kein echtes Wahlangebot. Sondern eine Vorauswahl, die sich richtig anfühlt, aber wenig mit individuellen Talenten zu tun hat. Hinzu kommt: Wer sich entgegen der Norm entscheidet, braucht Mut und Unterstützung. Beides ist nicht selbstverständlich. 

Praktische Instrumente: Girls’Day & Boys’Day 

Genau dort setzt ein wichtiges Instrument an: Girls’Day und Boys’Day. Diese bundesweiten Aktionstage laden Schülerinnen und Schüler einmal im Jahr zum „Zukunftstag“ in Betriebe ein – bewusst klischeefrei. Mädchen erhalten Einblicke in technische, IT- oder handwerkliche Berufe, in denen Frauen bislang unterrepräsentiert sind; Jungen lernen soziale, erzieherische oder pflegerische Tätigkeiten kennen, in denen Männer selten vertreten sind.  

Diese Tage sind mehr als nur Schnuppertage: Sie öffnen Perspektiven, erweitern das Berufswahlspektrum junger Menschen und wirken Vorurteilen entgegen. Für Unternehmen sind sie zudem eine Chance, früh Talente zu entdecken und langfristig für sich zu gewinnen.  

Evaluationen zeigen: Solche Aktionstage wirken – junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewinnen an Selbstvertrauen und trauen sich eher, Berufe auszuprobieren, die ihnen vorher nicht zugetraut wurden.  

Klischeefrei rekrutieren: mehr als ein Image-Thema 

Klischeefreie Ausbildung ist kein „Nice-to-have“ für Imagebroschüren. Sie ist ein knallharter Wettbewerbsfaktor. Die Vorteile sind vielfältig: 

  1. Größerer Bewerberpool 
    Wer nur in klassischen Zielgruppen sucht, verzichtet freiwillig auf Potenzial. 
  1. Bessere Passung 
    Menschen, die sich für einen Beruf entscheiden dürfen – statt sich gedrängt zu fühlen – bleiben motivierter und häufiger im Betrieb. 
  1. Mehr Vielfalt, bessere Lösungen 
    Unterschiedliche Perspektiven machen Teams leistungsfähiger – auch in Ausbildungsabteilungen. 
  1. Zukunftssicherheit 
    Rollenbilder verändern sich. Betriebe, die jetzt umlernen, sind später im Vorteil. 

Wo Klischees im Recruiting besonders gern zuschlagen 

Das Gemeine an Vorurteilen ist, dass sie oft leise wirken. Typische Stellen: 

  1. Stellenanzeigen 
    „Durchsetzungsstark“, „belastbar“, „teamorientiert“, „einfühlsam“ – Worte sind nicht neutral. Sie sprechen unterschiedliche Menschen unterschiedlich an. 
  1. Bilderwelten 
    Wenn auf der Karriereseite nur Männer in der Werkstatt und nur Frauen im Büro zu sehen sind, ist die Botschaft klar – auch ohne Worte. 
  1. Auswahlgespräche 
    „Trauen Sie sich das körperlich zu?“ 
    „Können Sie sich vorstellen, später Familie und Beruf zu vereinbaren?“ 
    Solche Fragen sind Klassiker – und selten harmlos. 

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Wie klischeefreie Rekrutierung besser gelingt 

Die gute Nachricht lautet, dass man viel tun kann. Und vieles davon sofort. 

1. Sprache prüfen – wirklich prüfen 
Genderneutrale Begriffe sind kein Selbstzweck. Sie öffnen Türen. Tools zur Sprachprüfung helfen, genauso wie ehrliche Rückfragen: Wen sprechen wir hier eigentlich an – und wen nicht? 

2. Sichtbarkeit schaffen – Role Models einsetzen 
Role Models wirken: weibliche Azubis in männertypischen Berufen, männliche Azubis in sozialen oder pflegerischen Bereichen – sie zeigen, was möglich ist und machen Mut. 

3. Auswahl strukturieren 
Klare Kriterien statt Bauchgefühl reduzieren Vorurteile. Nicht perfekt – aber messbar. 

4. Berufsorientierung neu denken 
Kooperationen mit Schulen, Girls’Day und Boys’Day-Beteiligung, Praxistage, Schnupperangebote – ohne Rollenzuweisungen. 

Klischeefrei ausbilden

Der Vertrag ist unterschrieben – aber jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Denn Klischees verschwinden nicht automatisch mit dem Start der Ausbildung. Sie sitzen in Sprüchen, Aufgabenverteilungen und Erwartungen. Schauen Sie genau hin, wer welche Tätigkeiten ausführen soll. Wem wird Technik zugetraut, wem die Organisation? Wer darf Fehler machen – und wem werden sie schneller angekreidet? Klischeefreie Ausbildung heißt nicht, Unterschiede zu leugnen. Sondern individuell zu begleiten. 

Was hilft konkret? 

  1. Ausbilderinnen und Ausbilder sensibilisieren 
    Reflexion statt Schuldzuweisung. Viele Muster sind gelernt – und verlernbar. 
  1. Feedback ernst nehmen 
    Azubis spüren sehr genau, ob sie „dazugehören“ oder geduldet werden. 
  1. Klare Haltung zeigen 
    Abwertende Sprüche sind kein Humor. Punkt. 

Fazit: Klischeefrei ist kein Trend – sondern Überlebensstrategie 

Wenn wir weiter so ausbilden wie früher, bekommen wir auch weiter die gleichen Ergebnisse. Und die reichen längst nicht mehr aus. Klischeefreie Ausbildung ist kein Angriff auf Traditionen – sondern eine Einladung, Talente endlich ernst zu nehmen. Alle. Und vielleicht beginnt echte Veränderung genau dort, wo wir aufhören zu fragen, ob ein Beruf zu einem Geschlecht passt. Stattdessen sollten sich Ausbildungsverantwortliche die Frage stellen: Passt dieser Mensch zu diesem Beruf – und wir zu ihm?

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