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Trends im Azubi-Recruiting – Status quo und Bewerberwünsche

Bewerbungsgespräch
Seit Corona ein seltenes Bild: Das klassische Bewerbungsgepräch vor Ort. Angehende Azubis ziehen es jedoch einem Video-Interview entschieden vor. Foto: © contrastwerkstatt-stock.adobe.com

Bereits im neunten Jahr hat U-Form Testsysteme die Studie “Azubi-Recruiting Trends” veröffentlicht. In die diesjährige Ausgabe flossen auch die Erfahrungen des letzten Corona-Jahres ein. Ein Ergebnis: Zum Thema Homeoffice sind die Auszubildenden nicht einer Meinung.

Für die aktuelle Studie wurden von Januar bis März dieses Jahres 5.623 Schüler und Azubis sowie 1.270 Ausbildungsverantwortliche befragt. Die Studie wurde wieder von Prof. Dr. Christoph Beck, Hochschule Koblenz, wissenschaftlich begleitet.

Weiterer Einbruch der Zahl der Ausbildungsverträge

2020 fiel die Zahl der abgeschlossenen Ausbildungsverträge hierzulande gegenüber dem Vorjahr um mehr als zehn Prozent und lag erstmals unter die Marke von 500.000. Dabei war die Corona-Krise laut Studie zwar nicht die Ursache, aber ein zusätzlicher Verstärker des zunehmenden Ungleichgewichts zwischen Ausbildungsplatzangebot und -nachfrage sowie der Passgenauigkeit. Fast jedes zweite befragte Unternehmen gab an, dass es in der Krise schwieriger war, alle Ausbildungsplätze zu besetzen. Der Trend zum Kandidatenmarkt hat sich fortgesetzt: 71 Prozent der Azubis haben mehr als ein Ausbildungsplatzangebot bekommen; knapp zwei Drittel fanden einen Ausbildungsplatz in ihrem Wunschberuf.

Geteilte Meinungen der Azubis zum Homeoffice

19 Prozent der jungen Befragten gaben an, dass Corona ihre Berufswahl
beeinflusst hat, für etwas mehr als die Hälfte spielte es keine Rolle
und 18 Prozent konnten sich nicht für “Ja” oder “Nein” entscheiden. Knapp 58 Prozent der Auszubilden sagten, dass sie im letzten Jahr im Homeoffice gearbeitet haben. Gut 40 Prozent verbrachten sogar mehr als die Hälfte ihrer Arbeitszeit zu Hause. Drei von vier Azubis wurden von ihrem Ausbildungsbetrieb mit Arbeitsgeräten wie Laptops oder Smartphones ausgestattet. Was die Beurteilung der Remote-Ausbildung betrifft, so waren die jungen Menschen gespalten: 31 Prozent empfanden sie als positiv, während sich 28 negativ äußerten. Die Ausbildung im Homeoffice sei eine rechtliche Grauzone, so die Autoren. Nach derzeitiger Gesetzeslage sei die ständige Betreuung durch Ausbilder oder Ausbildungsbeauftragte eigentlich Pflicht. Zwei von drei Azubis wünschen sich, dass die Gesetze nach Corona dahingehend geändert werden, dass eine Ausbildung im Homeoffice erlaubt wird. Von den Unternehmen sagten 29 Prozent, dass sie ihren Azubis das Homeoffice auch weiter anbieten wollen.

Wichtigste Infoquellen: Eltern, Freunde und Karriereseiten

Wenn es um Informationen zu Ausbildung und Beruf geht, vertrauen mit 57 Prozent die meisten jungen Menschen auf ihre Familie und Freunde. Auch gaben drei Viertel der Befragten an, dass die Eltern sie bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt haben. Nur knapp hinter Familie und Freunden als Informationsquelle liegen mit 56 Prozent die Karriereseiten der Unternehmen. Im Mittelfeld befinden sich die Jobbörse der Arbeitsagentur (36 Prozent), andere Jobbörsen (34 Prozent) und Berufsbildungsmessen (28 Prozent). Auf den hinteren Plätzen rangieren Schülerpraktika (21 Prozent) und Social-Media-Angebote (16 Prozent). Vor die Wahl zwischen Karriereseiten und Instagram-Auftritte von Unternehmen gestellt, entscheiden sich 93 Prozent der angehenden Auszubildenden für die Karriereseiten und nur sieben Prozent für Instagram. Auch was Videos zu Ausbildungsberufen von Betrieben betrifft, bevorzugt mit 94 Prozent die große Mehrheit das “klassische” Youtube, während Tik Tok nicht mehr als sechs Prozent Zustimmung erhält. 25 Prozent haben schon einmal die Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu genutzt, um nach Ausbildungsplätzen zu suchen. Zwei Drittel der Azubi-Bewerber sind über Google-Anzeigen erreichbar, aber von den Unternehmen schalten lediglich elf Prozent Google Ads. Ein Ergebnis, das man nicht unbedingt erwarten würde: Bei Informationen zu den Ausbildungsberufen auf Karriereseiten der Unternehmen schneiden Texte mit 56 Prozent besser ab als Videos mit 44 Prozent.

Übernahme und spätere Gehaltsaussichten – wenig Transparenz

In einigen Punkten erwarten die Jugendlichen schon vor der Bewerbung mehr, als die Unternehmen ihnen bieten. So möchten vier von fünf Befragten bei der Bewerbung gern wissen, wie hoch die Übernahmequote nach der Ausbildung ist. Tatsächlich informieren nur knapp 42 Prozent der Betriebe darüber. Zwei Drittel der Bewerber würden gern

– zum Beispiel über die Karriereseiten – erfahren, welche Verdienstmöglichkeiten sie nach einer Übernahme haben. Solche Informationen geben allerdings nur sechs Prozent der Unternehmen preis. Ebenfalls knapp zwei Drittel der Kandidaten wünschen sich konkrete Angaben dazu, wann sie vom Unternehmen nach der Bewerbung eine Rückmeldung bekommen. Dazu werden sie nur bei einem von drei Betrieben fündig.

Kandidaten bevorzugen bei Bewerbungen Online-Formulare

Nicht nur bei Karriereseiten, sondern auch bei der Bewerbung kommen Videos bei der Tik-Tok-Generation nicht so gut an: Lediglich jeder Fünfzigste kann sich dafür erwärmen. Am beliebtesten ist das Online-Formular: Knapp jeder Zweite möchte sich damit bewerben. Die Papierform bevorzugt nur noch jeder Siebte. Das Video als Bewerbungsformat hat sich auch bei den Unternehmen bisher nicht durchgesetzt; nur jeder zehnte Arbeitgeber bietet dies an. Die meisten der befragten Arbeitgeber ermöglichen Bewerbungen per E-Mail (73 Prozent), gefolgt von Bewerbungen per Online-Formular (71 Prozent) und der klassischen Papierbewerbung (64 Prozent). Hier stimmen die Prioritäten von Bewerbern und Unternehmen also nur teilweise überein.

Video-Interviews kommen bei der Jugend schlecht an

Ist die Bewerbung abgeschickt, wünschen sich vier von fünf der Kandidaten schnelle Prozesse, die aber auf persönlichen Entscheidungen basieren sollen. Nur 15 Prozent bevorzugen digital gestützte Prozesse. Nicht mehr als jeder Dritte würde digitale Bewerbungsgespräche auch nach Corona gut oder sehr gut finden. Das Bewerbungsgespräch vor Ort ist eindeutig am beliebtesten; knapp neun von zehn befragten Azubis wünschen sich dies, während der Video-Call mit rund 13 Prozent deutlich schlechter abschneidet. Ein Grund ist, dass nur jeder sechste Bewerber (16 Prozent) der Meinung ist, sich in einem Video-Gespräch genauso gut präsentieren zu können wie direkt vor Ort. Bei den Freitextangaben äußerten befragte Bewerber außerdem, das Zwischenmenschliche gehe dadurch verloren. Die Ausbildungsverantwortlichen akzeptieren Video-Interviews eher als die Kandidaten. Dennoch denkt mehr als jeder zweite, die Bewerber bei einem Video-Interview nicht so gut beurteilen zu können wie bei einem persönlichen Face-to-Face-Gespräch im Betrieb.

Arbeitswirklichkeit weicht bisweilen von Versprechungen ab

Ist es zum Ausbildungsvertrag gekommen, stellen einige Auszubildende fest, dass das, was Unternehmen in ihrer Azubi-Werbung oder der Bewerbungsphase versprochen haben, nicht immer in der Praxis eintrifft. Das gilt insbesondere für die Arbeitsaufgaben. Nur ein Drittel der Azubis sagt, diese entsprächen vollends dem, was angekündigt wurde. Knapp 43 Prozent geben an, dies stimme eher. Rund ein Drittel der Befragten stellt hingegen fest, dass die Arbeitsaufgaben in der Ausbildung nur teilweise, eher nicht oder gar nicht dem entsprechen, was sie aufgrund der vorigen Informationen erwartet hatten.

Insgesamt legen die Befragungsergebnisse nahe, dass sich Ausbildungsbetriebe in manchen Punkten besser auf die Wünsche und Vorlieben von Kandidaten einstellen könnten – besonders angesichts der schwierigen Situation auf dem Ausbildungsmarkt. Die kompletten Studienergebnisse inklusive Handlungsempfehlungen für Unternehmen stehen > hier zum Download bereit.

Ute Wolter ist freie Mitarbeiterin der Personalwirtschaft in Freiburg und verfasst regelmäßig News, Artikel und Interviews für die Webseite.