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Hat die duale Berufsausbildung eine Zukunft?

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Kennen Sie das auch: Sie sitzen mit anderen Personalerinnen und Personalern zusammen, deren Schwerpunkt nicht die Ausbildung ist und sie werden für ihr Engagement in der Berufsausbildung belächelt. Es bekommt häufig den Anklang, als sei Berufsausbildung keine ordentliche Personalarbeit und zum anderen entsteht die Diskussion, dass die Berufsausbildung – wie wir sie kennen – ausstirbt. Begründet wird dies mit rückläufigen Ausbildungszahlen sowie dem fortschreitenden Trend, dass junge Menschen immer mehr zum Studium tendieren. Diesen Eindruck stützt auch die zunehmende Akzeptanz des dualen Studiums. Während 2007 noch 624.174 Ausbildungsverträge abgeschlossen wurden, lag die Zahl neuer Verträge 2021 bei nur 466.176, zeigen Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB).

Auch bei den Studienanfängern sind die Zahlen zwar rückläufig, jedoch auch nicht so stark wie in der Ausbildung. Die Quote für 2021 liegt hierbei laut Statistischem Bundesamt aber immer noch bei 55,5 Prozent (2013: 58,2 Prozent). Die Rückläufigkeit ist in beiden Fällen dem Geburtenrückgang zuzuschreiben.

Welcher Ausbildungsweg ist der beste?

Es stimmt, die duale Berufsausbildung verliert in der Gesellschaft seit Jahrzehnten an Ansehen im Vergleich zum Studium – vor allem für Personen, die im kaufmännischen oder rein technischen Bereich tätig sind. Mir wurde schon vor 20 Jahren gesagt, dass ich lieber studieren sollte, als eine Ausbildung zu beginnen. Die Hochschulbildung gilt als prestigeträchtiger. Das hat dazu geführt, dass höheren Schul- und Hochschulabschlüsse die Zugangsvoraussetzungen zu Ausbildungen sowie Anforderungen an Jobprofile geworden sind.

Im technischen Bereich etwa werden die Ausbildungsberufe wie beispielsweise der zur Elektronikerin beziehungsweise zum Elektroniker mittlerweile so anspruchsvoll, dass diese auch mit der Weiterbildung zum Techniker und Meister einen akademisierten Anspruch haben. Im kaufmännischen Bereich sind die Stellen der sogenannten Sachbearbeiter mit einfacher Berufsausbildung zunehmend gestrichen worden, so dass für viele Stellen nach der Berufsausbildung eine Weiterbildung oder ein Bachelor-Studium vorausgesetzt werden.

Der Anteil der Schüler und Schülerinnen mit Abitur, die eine duale oder schulische Berufsausausbildung beginnen, ist laut dem Statistischen Bundesamt deutlich gestiegen (2021: 29,7 Prozent; 2011: 23 Prozent). Gleichzeitig gibt es beispielsweise in der Produktion Aufgaben wie zum Beispiel das Bedienen von Maschinen, die keine Berufsausbildung mehr voraussetzen und Auffangbecken für diejenigen sind, die es nicht in die Berufsausbildung schaffen. Gleichzeitig genießt die duale Berufsausbildung immer noch einen gewissen Ruf – insbesondere im Ausland, wo das duale System zunehmend kopiert wird.

In der Betrachtung vergessen werden oftmals jedoch gerade die Berufe, in denen es einen starken Fachkräftemangel gibt: Handwerksberufe, aber auch der Dienstleitungssektor und Handel sowie die Gesundheitsbranche, Kreativberufe und die IT-Berufe. Gerade an Berufen in der IT wird deutlich, dass ein Studium meist gar nicht von Nöten ist, sondern eine Ausbildung oder sogar spezielle Weiterbildungen in einer Programmiersprache et cetera genügen.

Wird die Berufsausbildung noch benötigt?

Zusammengefasst einige Ausbildungsberufe akademisieren sich zunehmend und treten in starke Konkurrenz zu einem Studium, zum anderen haben die genannten Branchen einen starken Fachkräftemangel insbesondere in Jobs mit Ausbildung und bei denen Personen mit Studium kaum eingesetzt werden können, stellen wir fest, dass sich Ausbildung nicht erübrigt. Jedoch wird sich die Struktur der Ausbildung verändern. Beibehalten wird sicherlich die duale Berufsausbildung in der Form mit ihren Bestandteilen des schulischen und betrieblichen/praktischen Teils.

Jedoch bin ich mir sicher, dass der Aufbau, die Dauer und die Inhalte der Berufsausbildung in Zukunft je nach Ausbildungsberuf stark angepasst werden, um sich auf die Inhalte und Anforderungen in den Fachbereichen anzupassen sowie die Bedürfnisse der Bewerbenden im Blick zu haben. Schon heute kommen im ländlichen Bereich keine Schulklassen für einzelne Ausbildungsberufe zusammen, so dass dieser Beruf an diesen Orten nicht mehr ausgebildet wird. Es wird daher für Jobs kürzere, angepasste Ausbildungen geben und für andere Berufe weiterhin die bekannte Ausbildung beziehungsweise ein Studium Voraussetzung sein.

Die Berufsausbildung muss inklusiver werden

Die duale Berufsausbildung bietet auch insbesondere für Berufseinsteiger mit Migrations- oder Flüchtlingshintergrund durch die enge Betreuung von Betrieb und Schule sowie weniger schulische Zugangsvoraussetzungen im Vergleich zum Studium einen Einstieg ins Berufsleben, der ihnen gute Integrations- und Weiterbildungschancen bietet. Andernfalls haben sie meist sonst kaum Zugang zu einem Job mit Aufstiegschancen oder gar solider Zukunft. Auch wird sich die Berufsausbildung noch weiter für Quereinsteiger öffnen müssen und Konzepte wie Teilzeitausbildung und EQ werden zum Standard werden – gerade, um bisher nicht ausgeschöpfte Potenziale in Zeiten des Arbeitskräftemangels zu heben. Darüber hinaus müssen sich Betriebe gegenüber Schulabgängern und Schulabgängerinnen mit Hauptschulabschluss aufgeschlossen zeigen und eine stärkere Unterstützung und Integration innerhalb der Ausbildungszeit bieten oder sogar Möglichkeiten des Einstiegs ohne Ausbildung anbieten.

Den Jobmarkt ausschließlich über geringqualifizierte Personen ohne Ausbildungsabschluss oder Personen mit Studium abzudecken, wird angesichts der genannten Berufe in Handwerk, Dienstleistungs- und Gesundheitssektor, Kreativ- und IT-Branche und auch vielen operativ tätigen Berufen in der Industrie nicht ohne praktisch ausgebildetes Personal in Form einer dualen Berufsausbildung auskommen.

Noch mehr rückt der Ansatz der ständigen Weiterentwicklung in den Mittelpunkt. Eine Berufsausbildung und auch ein Studium sind nur die Basis für das weitere Berufsleben. Weiterbildungen werden ein ständiger Begleiter sein, weil neue Technologien und Anwendungen in immer kürzerer Zeit Einzug in die Arbeitswelt halten und Arbeitnehmende immer wieder den Umgang damit lernen müssen. Und ob Berufsausbildung ordentliche Personalarbeit ist, das bleibt glücklicherweise uns überlassen. Immer mehr Unternehmen haben ihre Budgets dahingehend ausgeweitet.

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Ausbildung neu gedacht

Claudia Schmitz ist Unternehmerin, Beraterin, Autorin und Speakerin. Für die Personalwirtschaft kommentiert sie jeden Monat Entwicklungen und Verbesserungsbedarfe bei der dualen Berufsausbildung.