Frage: Wie gelingt mein nächster Karriereschritt, wenn durch virtuelles Arbeiten die internen Entwicklungschancen aus dem Blick geraten sind?
HR-Professionals kennen diese Situation: Die tägliche Arbeit funktioniert gut, die Ziele werden erreicht und die Zusammenarbeit läuft weitgehend digital. Trotzdem entsteht irgendwann das Gefühl, beruflich auf der Stelle zu treten. Während früher Gespräche auf dem Flur, spontane Begegnungen oder gemeinsame Mittagessen oft wichtige Hinweise auf neue Chancen lieferten, sind diese informellen Entwicklungswege im virtuellen Arbeitsalltag deutlich seltener geworden.
Die Folge: Man arbeitet erfolgreich im eigenen Verantwortungsbereich, verliert aber zunehmend den Überblick darüber, welche internen Entwicklungsmöglichkeiten es überhaupt noch gibt. Wie gelingt es also, den nächsten Karriereschritt aktiv vorzubereiten, wenn die Orientierung im Unternehmen schwieriger geworden ist?
Karriere braucht Orientierung – nicht nur Leistung
Viele gehen davon aus, dass gute Arbeit früher oder später automatisch zu neuen Chancen führt. In der Praxis ist das jedoch selten der Fall. Leistung ist die Grundlage für Entwicklung, aber sie ersetzt nicht die Sichtbarkeit der eigenen Ambitionen.
Gerade im Homeoffice fallen viele Gelegenheiten weg, bei denen Führungskräfte oder Kollegen Entwicklungspotenziale wahrnehmen können. Wer ausschließlich zuverlässig liefert, wird häufig als wertvoller Leistungsträger wahrgenommen – aber nicht unbedingt als Kandidat oder Kandidatin für neue Aufgaben oder größere Verantwortung.
Deshalb sollte man sich regelmäßig fragen: Wissen die relevanten Personen im Unternehmen überhaupt, wie ich mich weiterentwickeln möchte?
Zuerst das eigene Ziel schärfen
Bevor man nach neuen Möglichkeiten sucht, sollte man Klarheit über die eigene Richtung gewinnen. Viele HR-Professionals wissen, dass sie sich verändern möchten, können aber nicht genau benennen, wohin.
Dabei gibt es sehr unterschiedliche Entwicklungspfade:
- mehr strategische Verantwortung übernehmen
- sich als Experte oder Expertin in einem HR-Fachgebiet spezialisieren
- in eine breitere HR-Generalistenrolle wechseln
- Führungsverantwortung übernehmen
- sich stärker in Transformations- oder HR-Tech-Themen einbringen
Je klarer das eigene Zielbild ist, desto einfacher wird es, Chancen zu erkennen und die richtigen Gespräche zu führen.
Interne Chancen aktiv erkunden
Früher erfuhr man oft nebenbei von neuen Projekten, offenen Rollen oder strategischen Initiativen. Heute muss man deutlich aktiver nach diesen Informationen suchen. Dazu gehört beispielsweise:
- regelmäßig Entwicklungsgespräche mit der Führungskraft zu führen,
- sich nach bereichsübergreifenden Projekten zu erkundigen,
- neue Aufgabenfelder aktiv anzusprechen,
- Interesse an strategischen Themen zu zeigen.
Wer auf die nächste Chance wartet, läuft Gefahr, sie zu verpassen. Wer gezielt nachfragt, erfährt dagegen häufig von Möglichkeiten, die offiziell noch gar nicht ausgeschrieben sind.
Die eigene Führungskraft als Karrierepartner nutzen
HR-Professionals begleiten die Entwicklung anderer Mitarbeitender, führen Talentgespräche oder beraten Führungskräfte zu Karrierefragen. Die eigene Karriereentwicklung wird dabei häufig nachrangig behandelt.
Gerade im virtuellen Arbeitsumfeld sollte man jedoch nicht davon ausgehen, dass die Führungskraft die eigenen Ambitionen automatisch erkennt. Wer sich weiterentwickeln möchte, sollte das Gespräch aktiv suchen und konkrete Fragen stellen: Welche Perspektiven sehen Sie für mich? Welche Erfahrungen sollte ich sammeln? Welche Projekte würden mich auf den nächsten Karriereschritt vorbereiten?
Solche Gespräche schaffen oft mehr Klarheit als erwartet. Selbst wenn aktuell keine konkrete Position verfügbar ist, erhält man wertvolle Hinweise darauf, welche Kompetenzen aufgebaut werden sollten und welche Chancen sich künftig ergeben könnten.
Nur Mut: Der vielleicht naheliegendste Karriereberater wird oft übersehen
Eine interessante Beobachtung aus vielen Unternehmen: Ausgerechnet HR-Professionals nutzen die Expertise der eigenen HR-Abteilung für ihre persönliche Karriereentwicklung häufig weniger intensiv als andere Mitarbeitende.
Die Gründe sind nachvollziehbar. Manche befürchten, dass Karriereüberlegungen zu transparent werden könnten. Andere möchten nicht den Eindruck erwecken, sich aktiv nach neuen Rollen umzusehen. Wieder andere sehen die Personalabteilung primär als Ansprechpartner für die Entwicklung anderer Mitarbeitender und weniger für die eigene.
Dabei kann gerade hier wertvolle Orientierung liegen. Die HR-Funktion kennt häufig interne Talentprogramme, Nachfolgeplanungen, zukünftige Organisationsveränderungen und Kompetenzanforderungen besonders gut. Ein vertrauliches Gespräch kann helfen, Entwicklungsmöglichkeiten realistischer einzuschätzen und neue Perspektiven zu entdecken.
Manchmal liegt die beste Karriereberatung näher, als man denkt.
Sichtbarkeit bewusst gestalten
Im virtuellen Umfeld wird Sichtbarkeit zu einem entscheidenden Karrierefaktor. Dabei geht es nicht um Selbstvermarktung um jeden Preis, sondern darum, erkennbar zu machen, welchen Beitrag man über die aktuelle Rolle hinaus leisten kann.
Für HR-Professionals kann das beispielsweise bedeuten:
- sich in strategische Diskussionen einzubringen,
- Projekte mit hoher Unternehmensrelevanz zu übernehmen,
- eigene Ideen zu Themen wie KI, Talent Management oder Organisationsentwicklung einzubringen,
- Ergebnisse und Erfolge transparent zu kommunizieren.
Karriere entsteht selten dadurch, dass Andere die eigenen Potenziale erraten. Meistens entsteht sie, weil man diese Potenziale sichtbar macht.
Netzwerke gewinnen im virtuellen Arbeiten an Bedeutung
Was früher oft automatisch entstand, muss heute bewusster gepflegt werden.
Wer den nächsten Karriereschritt plant, sollte gezielt Kontakte zu relevanten Personen im Unternehmen aufbauen und erhalten. Dazu gehören Führungskräfte, Projektverantwortliche, interne Stakeholder und Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bereichen.
Besonders wertvoll sind Gespräche außerhalb des unmittelbaren Tagesgeschäfts. Sie helfen dabei, neue Perspektiven zu gewinnen, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und das eigene Netzwerk zu stärken.
Gerade HR-Professionals wissen aus ihrer Arbeit, wie wichtig Netzwerke für Karrieren sind. Umso wichtiger ist es, diese Erkenntnis auch auf die eigene Entwicklung anzuwenden.
Fazit
Wer durch Homeoffice und virtuelles Arbeiten den Bezug zu internen Entwicklungswegen verloren hat, sollte den nächsten Karriereschritt nicht dem Zufall überlassen. Gute Leistung bleibt wichtig, reicht allein aber nicht aus.
Entscheidend ist, das eigene Ziel zu schärfen, interne Chancen aktiv zu erkunden und sich im Unternehmen wieder stärker als Person mit Entwicklungspotenzial zu positionieren. Gleichzeitig gewinnen Sichtbarkeit, Vernetzung und regelmäßiger Austausch an Bedeutung. Gerade im virtuellen Kontext gilt mehr denn je: Karriere entsteht nicht nur durch Kompetenz, sondern auch durch Klarheit, Präsenz und Eigeninitiative.
Wer zusätzlich den Mut hat, aktiv Unterstützung einzufordern – sei es von der eigenen Führungskraft, dem persönlichen Netzwerk oder den Karriereexperten im eigenen Unternehmen – erhöht seine Chancen deutlich, den nächsten Karriereschritt erfolgreich zu gestalten.
Info
Antworten auf Fragen zur und Tipps für die Karriere im Job HR liefert die Kolumne von Heike Gorges. Sie berät Personalerinnen und Personaler als HRblue-Vorstand zu Karrierethemen.
Zur Kolumne von Heike Gorges „HR-Karriere-Coach“.
