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Wie der SC Freiburg Neuzugänge aus dem Ausland onboarded

Wer zum Arbeiten in ein fremdes Land kommt, muss sich erst einmal zurechtfinden. Was für die ITlerin oder den Ingenieur gilt, trifft auch auf Profifußballer zu. Zumal diese den Schritt in die Fremde oftmals in sehr jungen Jahren wagen. Beim Bundesligisten SC Freiburg bekommen sie beim Ankommen in der neuen Heimat Unterstützung von der vereinseigenen Integrationsbeauftragten Stefanie Nerling – und das bereits seit 25 Jahren.

„Ich habe mich 1997 initiativ als Deutschlehrerin beim Verein beworben, als ich hörte, dass vier Spieler aus Nordafrika geholt wurden“, erinnert sie sich. Sie hatte damals gerade ihr Studium in Französisch und Germanistik abgeschlossen und schon Erfahrung als Deutschlehrerin gesammelt. Irgendwann habe sich dann der Club gemeldet und sie als freiberufliche Deutschlehrerin vor allem für die beiden Malier Boubacar Diarra und Gaoussou Diallo engagiert.

Mit der Zeit sei ihr Aufgabenspektrum immer größer geworden. „Irgendwann kamen die Spieler auch mit Behördenpost zu mir, dann wurden Spielerfrauen schwanger – und schließlich ließen sich die Einzelstunden nicht mehr abrechnen.“ Als dann 2001 die Fußballschule des Vereins gegründet wurde, übernahm Nerling die pädagogische Leitung, die sie bis Ende 2019 inne hatte. Seitdem kümmert sie sich ausschließlich um Sprache und Integration der neuen Spieler bei den Profis und in der vereinseigenen Fußballschule, in der die vielversprechenden Talente betreut und ausgebildet werden.

Stefanie Nerling kümmert sich beim Fußball-Bundesligisten SC Freiburg um die neuen Spieler aus dem Ausland. (Foto: SC Freiburg)
Stefanie Nerling kümmert sich beim Fußball-Bundesligisten SC Freiburg um die neuen Spieler aus dem Ausland. (Foto: SC Freiburg)

Hilfe nicht nur beim Deutschlernen

Auch in ihrer aktuellen Position unterstützt sie ihre Schützlinge nicht nur beim Deutschlernen. „Letztendlich helfe ich bei der Alltagsbewältigung in der Anfangszeit“, sagt Nerling. Das fange beim Wohnen an: Wo finden die Spieler eine Wohnung oder ein Haus? Wer kümmert sich um Umzug und Internetanschluss. Das übernähmen teilweise zwar die Spielerberaterinnen und -berater, aber eben bei Weitem nicht immer. „Erst vor kurzem brauchte ein Neuzugang Hilfe bei der Kita-Platzsuche“, sagt Nerling. Wegen der oft relativ kurzfristigen Wechsel im Fußballgeschäft sei der Spieler spät dran gewesen, aber ihm konnte geholfen werden. „Selbst beim Ausfüllen der Fragebögen für den Mikrozensus haben wir schon unterstützt.“

Unterstützung bekommen in Freiburg auch die Familien der Spieler, die oft in die neue Heimat mitkommen. Nerling hilft zum Beispiel bei der Suche nach einem Kinder- oder Tierarzt, und bei der Vernetzung mit Nachbarn und anderen Spielerfrauen und -familien. Schließlich seien Kontakte am neuen Wohnort mit das Wichtigste. „Das war in der Corona-Zeit sehr schwierig, da konnten sich  die Frauen und Familien kaum treffen“, erinnert sich Nerling. Die fußballspielenden Männer seien immer mal rausgekommen, die Frauen und Kinder mussten zu Hause bleiben. „Und dann konnten sie oft nicht einmal ihre Familien im Ausland besuchen.“

Alles zum Thema

Onboarding

Als Onboarding wird allgemein die Phase der Ankunft und Einarbeitung eines neu eingestellten Mitarbeiters im Unternehmen bezeichnet. Onboarding bezieht sich dabei sowohl auf fachliche als auch auf kulturelle und soziale Integration am Arbeitsplatz. Es gilt als erfolgreich, wenn der Mitarbeiter in das Team und ins Unternehmen integriert wurde. Es zahlt auf die Employee Experience und Mitarbeiterbindung ein.

Mindestens ebenso wichtig wie für ihre Familien ist natürlich auch für die Spieler ein gutes Verhältnis zu den Kollegen. Zum Glück mache die Freiburger Mannschaft es den Neuen traditionell leicht. „Ich war vor kurzem ein paar Tage bei der Mannschaft im Trainingslager“, sagt Nerling. „Da fand ich es besonders schön, wie die Spieler zusammensaßen.“ Immer wieder merke sie selbst beim Deutschunterricht mit ausländischen Spielern, wie gut sie sich mit den Teamkameraden verstehen – zum Beispiel, wenn sie spezielle Redewendungen übernehmen, die sie vom Nebenmann auf dem Platz gelernt haben.

Was können Unternehmen daraus lernen?

Das ist etwas, dass auch Unternehmen jenseits des Fußballgeschäfts aus den Freiburger Erfahrungen mitnehmen kann: Es geht nicht um Perfektion beim Onboarding, sondern um Teilhabe. Die Spieler (und entsprechend die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer) müssen nicht zwangsläufig perfektes Deutsch lernen. Wichtig sei, dass sie sich verständigen können, Kontakte finden und im Alltag klarkommen. Beim Deutschlernen selbst rät sie, zielgerichtet vorzugehen. Ein Fußballer müsse schließlich andere Vokabeln können als eine Ingenieurin oder ITler. „Und wenn man die Möglichkeit hat, das Erlernen der Sprache der jeweiligen Situation anzupassen, dann macht es mehr Spaß und ist sinnvoller“, sagt sie. So spreche sie mit den Spielern im Deutschkurs oft über den nächsten Gegner – aber auch über gesellschaftliche Themen wie die Bundestagswahl.

Auch das sei wichtig, um  den Neuankömmlingen das Ankommen und die Integration zu erleichtern. Zudem sollte man den Menschen aus dem Ausland eine richtige Mischung aus Unterstützung und Hilfe sowie der nötigen Unabhängigkeit bieten. „Denn wenn wir Gated Communities errichten oder für die Neuen jede Kleinigkeit erledigen, dann kommen sie nie richtig an“, sagt Nerling.

Ist Chef vom Dienst der Personalwirtschaft Online und kümmert sich unter anderem um die Themenplanung der Webseite. Texte schreibt er vor allem über Themen aus den Bereichen Arbeitsrecht, Digitalisierung und dem Mittelstand.