Arbeitgeberattraktivität in der Lifestyle-Teilzeit-Falle

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Die Arbeitszeitfrage stellt Unternehmen in Deutschland derzeit vor eine Herausforderung. Einerseits haben sie ihre Arbeitsmodelle in den vergangenen Jahren stark flexibilisiert. Teils aus Zwängen während der Pandemie, teils aus strategischen Gründen im Kampf um Fach- und Arbeitskräfte. Andererseits fordern politische Stimmen von Arbeitnehmenden nun mehr Arbeitsvolumen und stellen rechtliche Ansprüche auf Teilzeit infrage. Arbeitgebermarken stehen dazwischen. Sie müssen Position beziehen, wofür sie stehen. Und zwar unabhängig davon, wie die politische Debatte gerade läuft.

Symboldebatte statt Strukturanalyse

Wenn Teile der Politik über „Lifestyle-Teilzeit“ sprechen – und darüber, dass das Recht auf Teilzeitarbeit nur noch im Falle von Betreuungsherausforderungen oder Weiterbildung bestehen soll, beginnt die Schwierigkeit bereits mit dem Wording. Der Begriff emotionalisiert eine strukturelle Frage. Er individualisiert ein systemisches Thema. Und er verschiebt Verantwortung von politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf persönliche Lebensentscheidungen.

Somit wird aus einer Arbeitsmarktfrage eine Haltungsfrage. Unternehmen geraten dabei zwischen die Fronten und müssen entscheiden, ob sie sich politisch positionieren oder marktorientiert handeln. Denn selbst wenn sie Teilzeitwünsche restriktiver behandeln, verschwinden dadurch weder demografische Engpässe noch Qualifikationslücken. Sie riskieren im Wettbewerb um knappe Talente, an Attraktivität zu verlieren.

Flexibilisierung war kein Wunschkonzert

Die heutige Flexibilitätskultur ist nicht nur Ergebnis wohlmeinender New-Work-Programme. Sie ist auch eine Folge politischer Entscheidungen und pandemiebedingter Notlagen. Lockdowns, Homeoffice-Pflichten und Kurzarbeit haben Unternehmen dazu gezwungen, Arbeitszeit und Arbeitsort anders zu denken. Viele Betriebe hätten diese Veränderungen in dieser Geschwindigkeit aus freien Stücken vermutlich nicht umgesetzt. Sie haben aber gelernt, dass andere Modelle grundsätzlich funktionieren können. Daraus ist ein neues Normal entstanden, auf das sich Beschäftigte und Bewerbende heute berufen.

Gleichzeitig erleben wir einen abgekühlten Arbeitsmarkt mit mehr Arbeitslosen und schwacher Konjunktur. In einigen Branchen, etwa Teilen der Automobilindustrie, sind die Probleme auch hausgemacht, weil Transformationssignale wie Elektromobilität zu lange unterschätzt wurden. Die Folge ist paradox: In manchen Bereichen Entlassungen und in anderen unbesetzte Stellen.

Arbeitszeit als psychologischer Vertrag

Die Erwartungen der Bewerbenden nach Teilzeit, Flexibilität oder reduzierter Vollzeit sind daher keine Bequemlichkeit. Sie sind eine konsequente Reaktion auf das, was Unternehmen und Politik in den vergangenen Jahren gemeinsam ermöglicht, reguliert und kommunikativ aufgeladen haben.

Arbeitszeitmodelle sind heute längst keine freiwilligen Zusatzleistungen mehr, die Unternehmen großzügig gewähren. Sie sind seit Jahren etabliert und inzwischen fester Bestandteil des psychologischen Vertrags zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten. Der psychologische Vertrag beschreibt die unausgesprochenen, gegenseitigen Erwartungen zwischen Mitarbeitenden und Unternehmen – das, was man implizit voneinander erwartet, jenseits von Arbeitsvertrag und Stellenbeschreibung.

Wer diesen Vertrag nachträglich einseitig verändert, indem er etwa implizit oder explizit signalisiert, dass nur hohes Arbeitsvolumen wirklich erwünscht ist, riskiert einen massiven Vertrauensverlust. Dieser Vertrauensverlust trifft direkt die Arbeitgeberidentität. Er beschädigt die Glaubwürdigkeit, untergräbt die Konsistenz zwischen Versprechen und gelebter Realität und schwächt die Attraktivität im Wettbewerb um Talente. Und das passiert unabhängig davon, wie der Wind in der politischen Großwetterlage steht.

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Differenzierung statt pauschaler Versprechen

Arbeitgebermarken werden damit zum Ort der Klärung. Hier zeigt sich, wie Unternehmen zwei Anforderungen in Einklang bringen: wirtschaftlich notwendiges Arbeitsvolumen und gewachsene Ansprüche an zeitlich selbstbestimmtes Arbeiten der Beschäftigten. Das tun Arbeitgeber nicht, indem sie einer politischen Seite applaudieren, sondern indem sie offenlegen, welche Arbeitszeitmodelle sie tragen können und welche nicht.

Seriöse Arbeitgebermarken differenzieren dabei nach Rollen, Bereichen und Situationen. Denn Wissensarbeit funktioniert anders als Schichtarbeit. Engpassrollen erfordern andere Spielräume als gut verfügbare Profile. Bereiche in tiefgreifender Transformation verlangen andere Logiken als etablierte Geschäftsfelder in stabilen Phasen.

Entscheidend ist, dass Unternehmen diese Unterschiede transparent machen und nachvollziehbar begründen. Wer stattdessen in seiner Employer-Branding-Kommunikation pauschal von „flexiblen Arbeitszeiten“ spricht, ohne zu konkretisieren, was das für welche Rolle, welchen Standort oder welche Lebensphase bedeutet, versteckt sich hinter Floskeln. Das erzeugt Erwartungen, die später enttäuscht werden.

Die eigentliche Zumutung ist Unklarheit

Für Unternehmen und ihre Arbeitgebermarken liegt das eigentliche Risiko nicht darin, dass Bewerbende Teilzeit oder flexible Modelle einfordern. Das Risiko entsteht durch Unklarheit. Viele Bewerbende erwarten nicht „weniger Arbeit um jeden Preis“. Sie erwarten Planbarkeit, Fairness und Ehrlichkeit. Wer allen alles verspricht, ohne die Bedingungen dafür intern geschaffen zu haben, erzeugt Enttäuschung. Diese Enttäuschung wird geteilt, bewertet und beschädigt die Arbeitgebermarke – im schlimmsten Fall nachhaltig.

Die Arbeitszeitdebatte zwingt HR und Employer Branding deshalb zu einer unbequemen, aber notwendigen Klarheit. Wer transparent macht, welche Arbeitszeitmodelle für welche Rollen möglich sind, und diese Entscheidungen nachvollziehbar begründet, gewinnt Vertrauen. Gleichzeitig trägt diese Klarheit dazu bei, dass Arbeitsvolumen dort entsteht, wo es wirtschaftlich gebraucht wird. Nicht durch Druck, sondern durch faire Erwartungen.

Das liegt im Interesse der Unternehmen, der Beschäftigten und letztlich auch der Politik. Arbeitgeber, die sich jetzt nicht positionieren, werden zwischen politischen Forderungen und einem Arbeitsmarkt zerrieben, der längst gelernt hat, dass Arbeit auch anders funktionieren kann.

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Employer Branding für KMU

Marcus Merheim ist Gründer und Geschäftsführer von hooman Employer Marketing. In den vergangenen Monaten hat er an dieser Stelle erklärt, wie Mittelständler mit limitierten Ressourcen eine erfolgreiche Arbeitgeberidentität schaffen und eine entsprechende Strategie implementieren können.