HR muss dafür sorgen, dass sich Bewerber und Bewerberinnen auf der Karriereseite schnell zurechtfinden. Bei einem besonders großen oder differenzierten Stellenangebot helfen Filterfunktionen. Eine solche sorgt momentan im sozialen Netzwerk Linkedin für Furore. Die Rede ist von der Stellenbörse der Deutschen Bahn. Der Grund: Dort findet sich ein Filter mit dem Namen „Ein Job für Eltern“. Wählt der Nutzer diesen Filter aus, werden nur Jobs mit guter Vereinbarkeit von Beruf und Familie angezeigt. Derzeit gibt es knapp 3.500 offene Stellen im Portal der Deutschen Bahn. Nach Klick auf den Filter „Ein Job für Eltern“ sind es nur noch 84 Vakanzen.
Was für manche als Zeichen moderner Arbeitswelt gilt, finden andere eher fragwürdig. Losgetreten hat die Diskussion der Linkedin-User Moritz Bornwasser. In seinem Post schreibt er unter anderem: „Dieser kleine Suchfilter kann den entscheidenden Unterschied machen, wenn Eltern sich überlegen, eine neue Herausforderung anzunehmen.“ Das gelte insbesondere „in familienfreundlichen Unternehmen, denen es an Sichtbarkeit in diesem Bereich fehlt“.

Große Resonanz auf Filter der Deutschen Bahn
Fast 1.000 Menschen (Stand Dienstagmittag) gaben dem Beitrag daraufhin positives Feedback (Likes oder Applaus), über 130 kommentierten den Beitrag. Unter HR-Fachleuten, die sich an der Diskussion beteiligten, standen dabei vor allem folgende Fragen im Zentrum:
- Was qualifiziert eine ausgeschriebene Stelle als „Job für Eltern“?
- Und was sind die Implikationen einer solchen Kategorisierung? Sind die anderen Jobs nichts für Eltern?
So schreibt Andrea Böckle, Partnerin der Unternehmensberatung Work Futurists, sie würde „brennend interessieren, was aus Sicht der deutschen Bahn eine Position für Kriterien erfüllen muss, damit sie für Eltern geeignet ist“. Das beschäftigt auch andere. Die HR-Führungskraft Jasmin Benn-Maksimovic äußert: „Weiß nicht, ob ich das so feiere. Für mich ist das im Umkehrschluss so, dass alle Jobs die darunter nicht aufgelistet sind, nicht für Eltern geeignet sind?” Lena Pieper, Gründerin eines HR-Start-ups, scheint es zu befürworten: „Mega gut! Warum keine Werbung dafür Deutsche Bahn? Ist doch ein richtig cooler Move!”
Die Spannweite der Reaktionen ist groß: von „absolut zeitgemäß” bis „Ist schon 1. April?”
Was sagt die Deutsche Bahn selbst?
Dort, wo es die Filterfunktion „Jobs für Eltern” gibt, finden sich keine Informationen zur Intention der Deutschen Bahn. Auch Erklärungen fehlen. Vermutlich gibt es deshalb so viele und unterschiedliche Reaktionen. Lediglich an anderer Stelle seines Karriereportals verweist der Konzern in der Unterrubrik „Familie und Beruf“ auf „besonders familienfreundliche DB-Jobs“, ohne dies genauer zu erörtern. Vielmehr werden dort verschiedene gesetzliche und tarifliche Ansprüche sowie Incentives genannt, darunter „zeitlich sowie örtlich flexibles Arbeiten, Elternzeit, Kinderbetreuung, Fahrvergünstigungen, Versicherungsangebote und Job Sharing“. Offene Positionen lassen sich auch dort finden – nach Eingabe des gewünschten Bundeslands, Stadt oder Region.
Um zu erfahren, was es mit der Filterfunktion auf sich hat und welche Parameter für das Label „Jobs für Eltern” entscheidend sind, hat unsere Redaktion bei der Bahn angefragt. Eine Rückmeldung dazu liegt zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch nicht vor. Allerdings äußerte sich eine Mitarbeiterin der Deutschen Bahn – Product Owner vom DB Karriereportal – unter dem Posting:
„Mit dem Prädikat ‚Ein Job für Eltern‘ markieren wir Jobs, die besonders gut für Eltern geeignet sind, weil sie Sicherheit, unbefristete Verträge, flexible Arbeitszeiten und mobiles Arbeiten im Rahmen der betrieblichen Möglichkeiten bieten. Das heißt natürlich nicht, dass Eltern sich nicht auch auf andere Stellen bei der DB bewerben können – aber bei über 500 Berufsprofilen wollen wir hier besonders passende Stellen in den Vordergrund rücken. Das machen wir übrigens auch mit Jobs in der (Früh-)Rente.“
Kann so ein Filter problematisch sein?
Abgesehen von technischen und terminologischen Fragen, bewerten einige Nutzerinnen und Nutzer das Tool der Bahn als Marketing-getrieben und sind skeptisch. Andere äußern inhaltlich weitreichendere Kritik. So ist es laut Susanne Cianci, politische Sekretärin bei der IG Metall Stuttgart, nicht zielführend „Jobs in passend für Eltern oder nicht zu unterteilen“. Vielmehr gelte es, „die Arbeitswelt generell anzupassen, damit Eltern in ihren Bedürfnissen gesehen sind“.
Auch arbeitsrechtliche Fragen stellen sich aus Sicht mancher User: So kommentiert Heiko Elbert, General Coucil beim Schweizer Kosmetik- und Lebensmittelkonzern Mibelle Group, er sei „gespannt, wann die ersten Nicht-Eltern die Diskriminierungskarte spielen“.
Damit spielt er offenbar auf das Problem an, dass bestimmte Zuschreibungen in Stellenanzeigen gegen das Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verstoßen. Bei Ablehnung von Bewerbenden, die nicht in diese Kategorie fallen, existiert ein rechtliches Risiko für Entschädigungszahlungen. Könnten sich kinderlose, abgelehnte Bewerber oder Bewerberinnen auf Diskriminierung berufen? Beispiele aus der Vergangenheit sind unter anderem Attribute wie „Digital Native“ oder „Jung und dynamisch“.
[Wir werden das Thema für Sie weiter begleiten und den Text aktualisieren, sobald weitere relevante Reaktionen eintreffen.]
