„Ich habe die äußerst schwierige Entscheidung getroffen, unser Team um etwa 10 Prozent zu reduzieren.“ Diese Ankündigung stammt von Mike Cannon-Brookes, Mitgründer und CEO des australisch-amerikanischen Softwareunternehmens Atlassian. Von dem Personalabbau sind laut Cannon-Brookes rund 1.600 Mitarbeitende betroffen.
Ist diese Entlassungswelle mit KI begründet ist? Cannon-Brookes gibt sich in seinem Statement ausweichend. „Unser Ansatz ist nicht ‚KI ersetzt Menschen‘. Es wäre jedoch unaufrichtig, so zu tun, als würde KI weder die Zusammensetzung der benötigten Kompetenzen noch die Anzahl der in bestimmten Bereichen erforderlichen Stellen verändern. Das tut sie nämlich“, schrieb er in der Ankündigung.
Von den entlassenen Mitarbeitenden arbeiten 40 Prozent in Nordamerika, 30 Prozent in Australien und 16 Prozent in Indien. Wird der Stellenabbau auch Deutschland betreffen? Die Personalwirtschaft hat bei Atlassian Deutschland nachgefragt. „In Europa befinden wir uns in Beratungen mit den jeweiligen Arbeitnehmervertretungen und relevanten beratenden Instanzen“, ist die Antwort von Alexander Thieme, Senior Corporate Communications Manager, EMEA bei Atlassian.
In Deutschland beträfe dies unter anderem den Wirtschaftsausschuss und die Betriebsräte. „Sie arbeiten gewissenhaft daran, unseren Vorschlag zu prüfen“, heißt es vonseiten des Unternehmens. Bis dahin möchte sich Atlassian nicht zu dem Umfang etwaiger Personalveränderungen äußern.
Abschiedspaket zur Entlassung
Atlassian will die Trennung von den Mitarbeitenden möglichst sanft gestalten. Der Konzern kündigt ein sechzehnwöchiges „globales Trennungspaket“ an, das um eine Woche pro Dienstjahr verlängert wird. Mitarbeitenden werden bereits jetzt die Boni auf anteiliger Basis für das Geschäftsjahr 2026 gewährt und beim Zurückgeben des Dienstlaptops gibt es eine 1000-Dollar-Rückzahlung.
Eltern, die ihre bezahlte Elternzeit auf einen späteren Zeitpunkt verschoben haben, bekommen diese vollständige ausgezahlt. Zudem werden alle Gesundheitsmaßnahmen für die dazu berechtigten Mitarbeitenden um sechs Monate verlängert werden. Dies ist besonders für Mitarbeitende in den USA. relevant, die meistens über ihren Arbeitgeber krankenversichert und keine staatlich bezahlte Elternzeit haben.
Alle Entlassenen sind zu persönlichen Gesprächen mit der Personalabteilung und der Inanspruchnahme des firmeneigenen Employee-Assistance-Program (EAP) berechtigt. Atlassian verspricht zudem Unterstützung bei internen Weiterbewerbungen und Outplacement und eine Betreuung von Mitarbeitenden mit Visum.
Es ist nicht die erste Verkleinerung bei Atlassian. Vergangenes Jahr entließ Atlassian im Herbst etwa 350 Angestellte. Damals waren vor allem die Bereiche Kundenservice und Support betroffen – ein Trend in Tech-Unternehmen, der sich schon länger abzeichnet. Ende Februar kündigte zuletzt das amerikanische Fintech-Unternehmen Block an, mit mehr als 4000 Entlassungen sein Personal um 40 Prozent zu reduzieren. Die Begründung: Der Einsatz von KI erlaube kleinere Teams.
Was ist mit Vergütung in verbleibenden Jobs?
Die Entwicklung, Einstiegsjobs mit KI zu ersetzen, bestätigt eine aktuelle Umfrage des Softwareanbieters Resume.org.unter 1000 U.S. Unternehmen. 21 Prozent stellen derzeit keine Berufseinsteigerinnen und -einsteiger ein. Ein Drittel der Befragten rechnet damit, Stellen auf diesem Level bis Ende des Jahres komplett zu streichen. Eine aktuelle Studie der IESE Business School weist zudem darauf hin, dass Einstiegsgehälter in den USA bereits jetzt durch die Verbreitung von KI beeinflusst werden: Nach der Einführung von ChatGPT im Unternehmen sanken die Gehälter um rund fünf Prozent im Durchschnitt, bei Einstiegspositionen um sechs Prozent.
Nach Einstiegjobs sind Fachkräfte an der Reihe
Die Lage bei Atlassian sieht allerdings etwas anders aus, blickt man auf LinkedIn. Hier melden sich reihenweise Ex-Atlassian-Mitarbeitende arbeitssuchend. Viele davon sind Senior-Entwicklerinnen und Entwickler. darunter auch solche, die selbst an KI-Projekten beteiligt waren: „In den letzten 12 Monaten habe ich im Rahmen von Atlassian Studio daran gearbeitet, zuverlässigere agentenbasierte Workflows zu entwickeln“, schreibt einer von ihnen. Auch das Team der Talent Acquisition ist von der Kürzung betroffen.
Die Strategie des Unternehmens scheint also zu sein, höher bezahlte Seniorstellen mit Juniorstellen unterstützt von KI zu ersetzen. Laut des 2025 Work Trend Index Annual Report von Microsoft zu dem 31.000 Mitarbeitende aus 31 Ländern befragt wurden, plant etwa ein Drittel der Unternehmen, Spezialistinnen und Spezialisten für KI-Agenten einzustellen, um diese zu entwerfen und zu optimieren. Es bleibt zu erwarten, ob diese Agenten letztendlich ihre Erfinderinnen und Erfinder ersetzen.
Info
Das Unternehmen Atlassian wurde 2002 in Sydney gegründet. Inzwischen befindet sich der Hauptsitz in San Francisco. Atlassian beschäftigt rund 12.000 Mitarbeitende in 15 Ländern. Von Atlassian stammen vornehmlich Softwarelösungen für die IT-Entwicklung, aber auch Tools wie Confluence, das für Unternehmens-Wikis genutzt wird und Jira, eine Webanwendung zum operativen Projektmanagement. Seit 2017 gehört auch Trello zu Atlassian, Entwickler des gleichnamigen digitalen Kanban-Boards.
Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.

