Die Stimmung im Executive-Search-Markt ist ambivalent: Das Geschäft läuft, aber es läuft anders. Beim jährlichen Round Table der Personalwirtschaft, zu dem sich erfahrene Personalberater und Interim-Management-Spezialisten versammelten, zeichnete sich ein klares Bild ab – kein Einbruch, aber eine tiefgreifende Verschiebung der Spielregeln. Weniger Volumen, höhere strategische Relevanz der Mandate, längere Entscheidungswege auf Kundenseite: Das ist die neue Normalität im Executive Search.
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Infos zum Round Table
Für ausgewählte Themen lädt die Personalwirtschaft Fachleute zu einem Round Table ein. Die Expertenrunde diskutierte Trends im Bereich Executive Search, moderiert von Erwin Stickling, Herausgeber der Personalwirtschaft.
Der Round Table wurde unterstützt von
- Baumann
- heiden associates
- Page
- Xellento
- Hays
- Dr. Terhalle Personalberatung
- Passion for People
Kein Einbruch, aber Strukturwandel: Wie sich der Executive-Search-Markt bewegt
Eine generelle Krise mochte die Runde nicht diagnostizieren – wohl aber eine spürbare Veränderung der Auftragslage. Auf C-Level und eine Ebene darunter sei die Nachfrage konstant. Besonders gefragt sind CFO-Profile: Restrukturierung, Sanierung und die Anforderungen finanzierender Private-Equity-Gesellschafter treiben die Nachfrage nach Finanzvorständen mit Transaktions- und Transformationserfahrung. Private Equity agiert dabei derzeit deutlich zurückhaltender als noch vor einigen Jahren, während der deutsche Mittelstand eine stabilere Auftragsbasis bildet.
Das Spektrum der Mandate hat sich verengt. Positionen ohne unmittelbaren strategischen Impact – Wachstumsprojekte, CRM-Einführungen, Go-to-Market-Initiativen – werden zurückgestellt. Was bleibt, sind Mandate, bei denen Unternehmen nicht zögern dürfen: Nachbesetzungen in der Restrukturierung, Schlüsselpositionen in der Transformation, Interim-Einsätze bei Insolvenz und Eigenverwaltung. Im Interim-Segment wurde beobachtet, dass die Bereitschaft, das Geld tatsächlich auszugeben, nach einer Phase der Zurückhaltung wieder zunimmt.

„Prozess- und Projektmanagement gewinnen zunehmend an Bedeutung – ich spreche mit Kandidaten, die bei mir im Prozess sind, mindestens einmal die Woche, auch wenn es kein konkretes Thema gibt.“
Nathalie Rilling ist Partner & Practice Group Leader Finance & HR bei Page Executive
Entscheidungsprozesse ziehen sich durch mehr Abstimmungsebenen, höhere Begründungspflichten und eine vorsichtigere Grundhaltung auf Aufsichtsrats- und Gesellschafterebene. Manche Unternehmen schalten vor der formellen Beauftragung einer Personalberatung zunächst eine selbst durchgeführte Netzwerksuche vor – eine kostenlose Schleife, die den eigentlichen Prozess verzögert. Die Folge ist ein Kamineffekt: Je schwieriger und strategisch relevanter ein Mandat, desto selektiver wird entschieden, welche Beratung den Auftrag erhält.
Voller Markt, leere Trefferliste: Die Qualitätsfalle im Kandidatenmanagement
Wer erwartet hatte, dass Freisetzungswellen in Industrie und Konzern die Arbeit der Personalberatungen erleichtern, wurde einer Besseren belehrt. Quantitativ ist der Kandidatenmarkt voll – qualitativ ist die Selektion aufwendiger geworden. Aus der Automotive-Industrie drängen viele Führungskräfte auf den Markt, die jedoch häufig nicht zu den Anforderungsprofilen innovativer Mittelständler passen: Serienfertigungslogik trifft auf Sondermaschinenbau, Konzernroutine trifft auf inhabergeführte Unternehmensstruktur. Einzelne Beratungen berichteten, von Bewerbungen regelrecht überflutet zu werden – mit dem Ergebnis, dass der Aufwand der Selektion steigt, nicht sinkt.

„Wenn man so gut liefert, dass man am Ende mit drei finalen Kandidaten dasteht – alle können, alle wollen, es geht nur noch um Nuancen –, dann ist man auch nicht viel länger als sonst.“
Till Schöppe-Fries ist Executive Search Experte bei Xellento Executive Search
Eine lange Konzernzugehörigkeit ist für viele Kunden kein Empfehlungsschreiben. Wer über Jahrzehnte in einer einzigen Komfortzone verblieben ist, tut sich schwer in dynamischen Mittelstandsstrukturen. Hinzu kommt ein strukturelles Vergütungs-Mismatch: Hochbezahlte Konzernkarrieren enden in Freistellungsphasen mit Abfindungspaketen – und in der anschließenden Jobsuche prallen Gehaltsvorstellungen hart auf die Marktrealität. Wer zuletzt ein Paket von einer halben Million aufwärts bezogen hat, wird eine Stelle mit einem Zielgehalt von 140.000 Euro selten ernsthaft in Betracht ziehen.
Auffallend war ein weiterer Befund: Von allen geplatzten Erstangeboten geht rund die Hälfte auf Kandidatenabsagen zurück, nicht auf Entscheidungen der Kundenseite. Risikoaversion, private Lebensumstände und die Scheu vor dem Verlust eines sicheren Platzes ohne Probezeit spielen dabei eine wesentliche Rolle. Kandidatenmanagement bedeutet heute weit mehr als Sourcing, es erfordert kontinuierliche Begleitung, antizipierte Einwände und ein feines Gespür für die Entscheidungssituation des Einzelnen.

„Jemand, der zwanzig Jahre im Konzernumfeld tätig war, ist natürlich nicht per se uninteressant – entscheidend ist immer, was hat jemand bewirken können, was hat die Person geprägt und welches Umfeld benötigt jemand, um erfolgreich zu sein.“
Dr Michael Faller, Vorstand, Baumann Unternehmensberatung
Der neue CFO, der neue COO: Warum Präzision Generalistik ablöst
Gesucht wird nicht mehr der CFO an sich, sondern der CFO für eine konkrete Unternehmensphase – mit nachweisbarer Erfahrung in vergleichbaren Transformationssituationen und belastbaren Referenzen. Die Kompetenzprofile werden breiter und hybrider: Der Vertriebsvorstand soll Marketingerfahrung mitbringen, der CFO strategischer Gesprächspartner des CEOs sein statt reiner Zahlenlieferant. Gefragt sind zunehmend Financial-Transactions-Profile – Persönlichkeiten, die mit Empathie, Klarheit und Transparenz auch schmerzhafte Entscheidungen ins Unternehmen tragen.

„Wenn mir jemand sagt, hier geht es nicht um Kultur, den könnte ich nicht ernst nehmen – es geht immer um Kultur.“
Dr. Johannes Terhalle, Geschäftsführer bei Dr. Terhalle Personalberatung
Dass sich dieselbe Rolle vollständig dreht, wenn Private Equity ins Unternehmen eintritt, wurde ebenfalls diskutiert: Was zuvor ein loyaler Berichtsgeber gegenüber einem Patriarchen war, muss plötzlich monatliche Investorengespräche, Weekly Calls und ein völlig anderes Erwartungsmanagement bewältigen. Einigkeit bestand darin, dass Leadership gegenüber reinem Management an Gewicht gewinnt. Führungskräfte müssen Orientierung in Unsicherheit geben, Mannschaften durch Veränderungen führen und den Spagat zwischen Klarheit und Zumutbarkeit meistern.

„Die Schönwetterthemen wie CRM-Updates oder Business Development für neue Märkte sind verschwunden. Es bleiben die Themen, die unbedingt gemacht werden müssen.“
Tilo Ferrari, Vorstand Deutsche Interim
KI beschleunigt, Marke entscheidet: Die neue Wettbewerbslogik im Executive Search
KI ist kein Gesprächsthema mehr, sondern operative Realität. Transkription von Interviews, automatisiertes Erstellen von Kandidatenlisten, Jobprofile per Agenten-Prompt – all das findet statt. Ein konkretes Beispiel aus der Runde verdeutlichte das Potenzial: KI-gestützte Agenten lieferten für ein eng definiertes Suchprofil innerhalb eines Tages eine Liste von 135 potenziellen Kandidaten. Händisch hätte dasselbe Wochen gekostet. Ein weiterer Nebeneffekt: Wer das Mitschreiben an die KI delegiert, kann sich im Interview vollständig auf das Gegenüber konzentrieren – und führt dadurch bessere Gespräche.

„Das frühe Nein stand schon immer im Fokus. In Zeiten eines guten Marktes haben das offensichtlich jedoch leider viele vergessen.“
Erich Schwinghammer Bereichsleiter Finance und HR bei Hays
Gleichzeitig wurde vor einem Irrtum gewarnt: KI-gestütztes Sourcing ersetzt keine menschliche Urteilsleistung. Die Beurteilung einer Person – Persönlichkeit, kulturelle Passung, Umgang mit Druck – lässt sich nicht algorithmisch abbilden. Zusätzlich erschweren KI-optimierte Bewerbungsunterlagen die Einschätzung: Wenn jeder Lebenslauf professionell klingt, zählt das persönliche Urteil des erfahrenen Beraters mehr denn je. Verwiesen wurde auf eine Studie zur KI-gestützten Krebsdiagnose, in der die große Mehrheit der befragten Ärzte schlechter abschnitt als die KI – als Signal dafür, dass maschinelle Urteilsleistung menschliche Einschätzungen in Teilen bereits übertrifft und die Branche kluge Integration statt Abwehr braucht.
Die eigentliche strategische Debatte kreiste um eine weitergehende These: In einer Welt agentischer KI verschiebt sich der Wettbewerb. Wer als Destination Brand wahrgenommen wird, gewinnt den Auftrag – unabhängig davon, wie gut die KI des Wettbewerbers ist. Vertrauen in eine Marke wird damit vom weichen Faktor zum handfesten Überlebensfaktor.

„Mehr Bewegung im Markt heißt nicht automatisch mehr Qualität. Die passenden Persönlichkeiten bleiben selektiv, gebunden und schwer erreichbar. Time to Hire ist heute weniger ein Recruiting-Problem, häufiger ein Entscheidungsproblem.“
Michael Welz, Geschäftsführer und Gründer Personalberatung Passion for People
Entscheidungsbereitschaft als Erfolgsfaktor: Die Wunschliste der Executive-Search-Berater
Den Abschluss bildete eine pointierte Wunschliste der Beraterseite: klare und konsistente Anforderungsprofile, schnelles Feedback, reduzierte Stakeholderzahl – und vor allem Entscheidungsbereitschaft. Wenn Erwartungen zwischen Geschäftsleitung, CEO und Fachbereich nicht vorab abgestimmt sind, entstehen Reibungsverluste zu Lasten aller Beteiligten. Klare interne Vorbereitung auf Kundenseite ist damit keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern Voraussetzung für einen erfolgreichen Search. Wer in einem vollen Markt zögert, verliert nicht den schwachen Bewerber, sondern den passenden.

„Der Bewerbermarkt hat sich spürbar gedreht. Das Angebot an Kandidaten wächst – doch Qualität und Vermittelbarkeit halten nicht immer Schritt.“
Dr. Thomas K. Heiden, Gründer und Geschäftsführer Heiden Associates
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Learnings
- Selektiver Markt, höhere Relevanz. Das Mandatsvolumen ist gesunken, doch strategisch kritische Positionen werden mit wachsender Dringlichkeit besetzt.
- Quantität täuscht über Qualität hinweg. Trotz eines vollen Kandidatenmarkts ist die Suche nach wirklich passenden Führungspersönlichkeiten anspruchsvoller geworden.
- Kandidatenmanagement ist Kerndisziplin. Von allen geplatzten Erstangeboten geht rund die Hälfte auf Kandidatenabsagen zurück.
- KI beschleunigt Prozesse, ersetzt kein Urteil. Die persönliche Einschätzung von Kandidaten bleibt menschliche Kernleistung.
- Marke wird zum Überlebensfaktor. In einer agentischen KI-Welt entscheidet das Vertrauen in eine Beratungsmarke über den Auftrag.
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Lese- und Hörtipps der Experten und Expertinnen
- Erich Schwinghammer: Podcast: „Future Finance“ mit Esra Laubach
- Dr. Thomas K. Heiden: Buch: „Der Weg zu den Besten“ von Jim Collins
- Till Schöppe-Fries: Buch: „Wanted!“ von Matthias Kestler
- Dr. Michael Faller: Podcast: „OMR Podcast“, Folge 889 „Der deutsche Warren Buffett? JAB-Holding-Gründer Peter Harf“
- Tilo Ferrari: Buch: „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“ von Rainer Mühlhoff
- Michael Welz: Buch: „KI trifft Menschlichkeit“ von Jörg Ristau
- Nathalie Rilling: Podcast: „Leadership across industries“
- Johannes Terhalle: Buch: „Führen: Die Quintessenz“ von Reinhard K. Sprenger
Rebecca Scheibel ist Redaktionsleiterin Online und verantwortlich für die digitalen Kanäle der Personalwirtschaft.
