Online-Meetings machen in der Arbeitswelt einiges leichter. Vor allem dezentrale Teams müssen sich nicht für jede Besprechung treffen und lange Anfahrtszeiten auf sich nehmen. In Zeiten hybriden Arbeitens ist der Videocall nicht mehr wegzudenken. Doch auf der persönlichen Ebene gibt es durchaus Defizite. Selbst wenn die Verbindung bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern stabil ist, gibt es mitunter holprige Wortunterbrechungen. Im direkten Miteinander helfen Gestik und Mimik beim gegenseitigen Verständnis – digital ist das Auslesen der körperlichen Signale häufig erschwert.
Vor allem aber geht der direkte Blickkontakt verloren, da wir beim Blick in die Gesichter der anderen nicht in die Kamera schauen und beim Blick in die Kamera aber die anderen im Meeting und deren Reaktionen nicht sehen. Neben Arbeitsbereichen wie Vertrieb oder Consulting ist die persönliche Ebene auch in Bewerbungsgesprächen enorm wichtig. Nur wenige Gespräche stehen den Recruitern und der Fachabteilung mit dem Bewerber oder der Bewerberin zur Verfügung, um zu entscheiden, ob es auch menschlich miteinander passt.
Casablanca.AI: digitaler Blickkontakt in Echtzeit
Eine mögliche Lösung für dieses Problem präsentierte das Start-up Casablanca.AI aus Pforzheim Anfang April in der TV-Show „Die Höhle der Löwen“. Die Gründer waren auf der Suche nach einem Investment in Höhe von 500.000 Euro und boten der Investorenrunde dafür fünf Prozent der Firmenanteile an. Maschmeyer war der einzige Investor, der in das Start-up einsteigen wollte, die aus dem Angebot resultierende Firmenbewertung in Höhe von 10 Millionen Euro war ihm aber zu hoch. Der letztlich in der Sendung vereinbarte Deal war 500.000 Euro für 7,5 Prozent der Firmenanteile und eine Erhöhung um 2,5 Prozent, wenn der erste Meilenstein erreicht wird.
Nach der meist einige Monate zurückliegenden Aufzeichnung der Sendung ging es in weitere Verhandlungen und in die Due Diligence, also in die Prüfung der Bücher. „Zu unserem Bedauern konnten wir den Investmentprozess mit Casablanca nach der Sendung nicht weiterverfolgen“, teilt uns Carsten Maschmeyer auf Anfrage mit. Bereits während der Aufzeichnung habe es intensive Diskussionen über die Firmenbewertung gegeben, die sich in der Due Diligence nach der Sendung tatsächlich als zu hoch darstellen würde. Er bedauere, dass der Deal platzte, wünsche den Gründern aber viel Erfolg.
Wir haben den Gründer und COO Markus Vollmer gefragt, worum es der Softwarelösung genau geht:
Personalwirtschaft: Herr Vollmer, worum geht bei Casablanca.AI und wie funktioniert es?
Markus Vollmer: Mit Casablanca nehmen wir uns der bestehenden Herausforderung des ausbleibenden Blickkontakts in Videokonferenzen an. Durch unsere KI-basierte Software erzeugen wir digitalen Blickkontakt in Echtzeit und sorgen für ein natürliches Gesprächserlebnis. Dabei lässt Casablanca als Software nicht nur den Blick auf der Kamera des Gegenübers ruhen, sondern richtet virtuell den gesamten Kopf im idealen Winkel aus. Im Zuge dessen bleiben die Mimik und Gestik des Nutzenden komplett natürlich und realistisch. Sobald die Anwenderinnen und Anwender den Blick vom Bildschirm wegdrehen, also den Fokus vom Gesprächspartner abwenden, reagiert Casablanca darauf und beendetden Augenkontakt. Gerade im beruflichen oder privaten Geschäftsumfeld kann dies Wunder bewirken. Egal, ob es sich um ein Online-Bewerbungsgespräch, ein Meeting mit einem möglichen Business-Partner in Form von Dienstleistern beziehungsweise Headhuntern oder um Feedback- und Onboarding-Gespräche handelt: In den meisten Fällen benötigt es eine vertrauensvolle Beziehung zwischen den einzelnen Parteien, damit es zu einem gelungenen Abschluss kommt.
Welche Unternehmen nutzen das Tool bereits?
Bisher haben wir nur Testkunden in Form von Videocallcentern, einigen Recruitingabteilungen oder auch befreundeten Start-ups, da es noch keine kommerzielle Version für Unternehmenskunden gibt. Zudem arbeiten wir parallel noch mit dem wichtigen Feedback von rund 30.000 Beta-Testern.
Mit welchen Effekten rechnen Sie, wenn Unternehmen die Software einsetzen?
Laut unseren eigenen Erhebungen besteht beispielsweise die Möglichkeit, bis zu 300 Prozent mehr Abschlüsse zu erzielen oder spezielle High Potentials von sich als Unternehmen beziehungsweise als neuen Arbeitgeber zu überzeugen. Daneben empfehlen wir Casablanca auch unternehmensweit zu nutzen, da es allgemein zur Arbeitsplatzergonomie beiträgt, wesentliche Ursachen des wachsenden Phänomens Zoom-Fatigue beseitigt und dadurch auch die krankheitsbedingten Fehlzeiten reduzieren kann.
Das Tool heißt vollständig Casablanca.AI. Inwiefern wird KI eingesetzt?
Technisch setzen wir mit Casablanca auf eigens entwickelte KI-Technologien, wie beispielsweise Generative Adversarial Networks (GAN), die gerade im Bereich der Bildbearbeitung von unschätzbarem Wert sind. Die Software funktioniert nur, wenn der Nutzer tatsächlich auf den Bildschirm seines Übertragungsgeräts schaut. Sobald er den Blick abwendet, um beispielsweise auf sein Smartphone zu schauen, erkennt das Programm dies und beendet automatisch den digitalen Blickkontakt. Somit bleibt die Authentizität gesichert und es kommt nicht zu einem künstlichen Starren.
Wie bindet man das Tool in die eigene Videomeeting-Software ein?
Casablanca lässt sich mit allen gängigen Anwendungen wie Zoom oder auch Teams ohne Mehraufwand oder besondere Umstände verwenden. Das Tool kann dabei als virtuelle Webcam verstanden werden, deren Treiber auf dem jeweiligen Endgerät installiert wird. Sobald die Nutzenden die Software installiert haben, wählen sie in der entsprechenden Videokonferenz-Software unkompliziert die Casablanca-Virtual-Camera anstelle ihrer physischen Webcam, DSLR-Kamera oder im Computer verbauten Kamera als Bildquelle. Schon kann das Meeting beginnen. Anwender müssen sich in Bezug auf die Privatsphäre beziehungsweise den Datenschutz und die Datensicherheit keine Sorgen machen, da die Bildrechte komplett bei den Nutzenden verbleiben. Dabei läuft das System auf allen Standard-Business-Geräten, die seit dem Jahr 2022 zum Verkauf stehen.
Was kostet den Unternehmen das Tool?
Die Testversion für unsere Beta-Nutzer war natürlich kostenlos. Demnächst wird das kommerzielle Basisprodukt rund 7 Euro pro Monat für eine Lizenz oder 70 Euro im Jahr kosten. Privatpersonen können ab sofort und bis auf Weiteres kostenlos von Casablanca profitieren.
Info
Am 8. April 2024 um 20:15 Uhr pitchen die beiden Gründer in der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ auf VOX vor Investoren und Investorinnen. Dieser Artikel wurde am 8. April veröffentlicht und am 9. April um das Ergebnis des Pitches aktualisiert.
Gesine Wagner betreut als Chefin vom Dienst Online die digitalen Kanäle der Personalwirtschaft und ist als Redakteurin hauptverantwortlich für die Themen Arbeitsrecht, Politik und Regulatorik. Sie ist weiterhin Ansprechpartnerin für alles, was mit HR-Start-ups zu tun hat. Zudem verantwortet sie das CHRO Panel.

