Weg mit dem Obstkorb

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Frisch erschienen ist unser neues Heft mit dem Thema Stellenanzeigen. Viel hat sich seit den Zeiten geändert, wo „gewandte und tüchtige Arbeitskräfte“ oder „fleißige Damen“ gesucht wurden und über die ausschreibende Firma höchstens die Branche und die Adresse im Kleingedruckten zu erfahren war. In Zeiten von Informationstechnologie und Fachkräftemangel ist es an den Unternehmen, sich möglichst attraktiv zu präsentieren – und dazu gehören auch ausgefeilte Anzeigen ohne müde Klischees oder unbeholfene Formulierungen.

Doch es gibt bestimmte „Benefits“, die einfach nicht aus den Stellenanzeigen verschwinden, obwohl sie diese Bezeichnung sicher nicht verdienen. Ganz oben auf der Liste ist der kostenlose Kaffee und sein unheiliger Weggefährte, das kostenlose Wasser. In dieselbe Kategorie gehört auch der Obstkorb. Eine Stichprobe bei einem Online-Jobportal ergibt 877 Treffer bei der Suche nach diesem Wort. Ironischerweise nicht bei der tatsächlich offenen Stelle für einen „Zentraldisponent Obst und Gemüse (m/w/d)“ bei einem Großhändler. Dafür preist diese Anzeige wieder Gratiskaffee und -wasser an, doch wir schweifen ab.

Kreativere Köpfe versuchen den Obstkorb inzwischen mit alternativen Beschreibungen in ihren Anzeigen unterzubringen: „Täglich frisches Obst“ heißt es da, „gefüllte Kühlschränke mit Obst, Eis und Joghurts“ oder „Smoothie-Maschine“. Aber Obstkorb bleibt nun einmal Obstkorb, egal wie er getarnt wird. Stellen Sie sich folgende Frage, bevor Sie versucht sind, Obstkorb und Konsorten in die Stellenanzeige zu bringen: Handelt es sich hier um ein appetitliches Arrangement feinster exotischer Früchte, dessen Anblick allein die Motivation Ihrer Belegschaft steigern wird? Sehen Sie lieber den Tatsachen ins Auge: Schöner als die obligatorische gefleckte Banane, die neben einer Handvoll Weintrauben und drei angedellten Elstar-Äpfeln ihr trauriges Dasein in der Kaffeeküche fristet, wird es selten. Also: Fort mit dem Obstkorb.

(Bild: Kai Felmy)

Bitte nicht: Tischkicker und Dachterrasse

Nicht weniger überflüssig: die Dachterrasse (842 Treffer). Die Vorstellung einer gemütlichen Lounge mit Urlaubscharakter, wo zwischen rankenden Blühpflanzen jede Raucherpause zum Kurzurlaub wird, verschwindet rasch, betritt man die traurig geflieste Fläche, beschallt durch die Lüftungsanlage und verziert durch Taubendreck. Würden Sie „unser Gebäude hat Fenster und Türen“ in die Stellenanzeige hineinschreiben? Nein? Dann kann auch die Dachterrasse weg.

Inzwischen fast ein Klassiker, insbesondere im IT-Bereich, ist der Tischkicker (225 Suchergebnisse). Er soll an dieser Stelle als Vertreter für die firmeneigene Spielkonsole, den Pingpong-Tisch oder sonstige Freizeitbeschäftigungen stehen. Diese rufen höchstens bei einer Gruppe Viertklässler auf dem ersten Klassenausflug Entzückung hervor, aber sicher nicht bei den derzeit gefragtesten Fachkräften auf dem Arbeitsmarkt. Beim Start-up vielleicht gerade noch passend, wenn auch inzwischen reichlich angestaubt, in einer Anzeige für die Compliance-Abteilung wirkt die Erwähnung dieser Ausstattung nur noch peinlich bemüht.

Wenn schon die Benefits aufgehübscht wer den sollen, dann kreativ – und indem man sich und sein Unternehmen nicht ganz so ernst nimmt. Ein schönes Beispiel liefert eine Fertighausfirma, die in ihr Stellenangebot für Dachdecker und Dachdeckerinnen schrieb: „Früh aufstehen und Morgensonne – bei uns eine kostenlose Sozialleistung“.     

Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.