In einer Arbeitswelt, die von Krisen, steigender Komplexität und permanentem Wandel geprägt ist, gewinnt betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) eine neue strategische Bedeutung. Die Anforderungen an Beschäftigte sowie an Führungskräfte sind hoch – und deren gesundheitlichen Belastungen nehmen messbar zu. Wie Organisationen heute wirksam gegensteuern können, diskutierten Expertinnen und Experten aus Medizin, Gesundheitsmanagement und HR beim Deutschen Human Resources Summit.
Gesundheit als Voraussetzung für Leistungsfähigkeit
Einigkeit herrschte darüber, dass Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit miteinander verbunden sind. „Wir leben in einer Welt voller Veränderungen. Wenn Veränderung das neue Normal ist, entsteht das Risiko, dass der Stresslevel nicht runtergeht. Das ist ein Gesundheitsproblem“, betonte Dr. David Surges, Gesundheitsmanager bei der Techniker Krankenkasse. Zwei Drittel der Menschen in Deutschland erleben regelmäßig Stress – oft ausgelöst durch Arbeitsbelastung und Termindruck.
Hinzu kommen weitere Belastungsfaktoren wie Umstrukturierungen, wirtschaftliche Unsicherheiten oder die Zunahme chronischer Erkrankungen. Susanne Kölb-Adam, BGM-Managerin beim Beratungsunternehmen Afry (Eigenschreibweise: AFRY), beobachtet: „Changeprozesse führen immer dazu, dass sich Menschen unsicher und ängstlich fühlen. Hinzu kommen Zukunftsängste. Diese nehmen zu.“
Belastungen wirken dabei je nach Arbeitsbereich unterschiedlich. So sind die Stressfaktoren in der Produktion andere als im Büro. Schlafprobleme durch Schichtarbeit oder Sprachbarrieren erschweren zusätzlich Lösungsansätze. „Wenn wir zielgerichtete Projekte aufsetzen wollen, müssen wir uns die Hintergründe genau anschauen“, erklärt Dr. Felix Boullay, leitender Betriebsarzt bei Everllence, einem Anbieter von Dieselmotoren und Turbomaschinen.
BGM als verlässliche Basis
BGM muss heute mehr sein als ein Maßnahmenmix. Es braucht einen strategischen Rahmen, der Sicherheit und Orientierung bietet. „BGM ist wie eine Basis, in Krisen wie auch in Change-Prozessen. BGM steht für die Mitarbeitenden als Ressource zur Verfügung“, sagt Kölb-Adam. Damit diese Ressource zur Verfügung steht, müssen Unternehmen Führungskräfte gezielt unterstützen – durch Trainings, Praxistools und Angebote zu Themen wie Resilienz, Kommunikation oder Zeitmanagement.
Für viele Beschäftigte reicht bereits das Gefühl, wahrgenommen zu werden: „Es geht nicht allen Menschen gut bei uns, aber allein, dass sie merken, die Führungskräfte kümmern sich, das stärkt das Vertrauen“, so Kölb-Adam.
Gesunde Führung: Orientierung statt Zusatzaufgabe
Gesunde Führung nehmen Führungskräfte oft als eine zusätzliche Aufgabe wahr, dabei ist sie integraler Bestandteil guter Arbeit. „Es gibt verschiedene Ansätze, gesunde Führung zu definieren. Doch was machen Führungskräfte anders, die gesund führen? Es ist ihre Mitarbeiterorientierung. Sie stellen den Mitarbeitenden in den Mittelpunkt“, erklärt Surges.
Zentrale Elemente gesunder Führung sind Wertschätzung, Beteiligung, klare Kommunikation und das frühzeitige Erkennen von Überforderung ebenso wie Unterforderung. Letztere wird bislang häufig unterschätzt und ist laut Kölb-Adam „ein viel größeres Problem“, weil Menschen das Gefühl brauchen, selbstwirksam und sinnvoll tätig zu sein.
Datenbasierte Steuerung: Was wirkt wirklich?
Ein modernes BGM muss nachweisbar wirksam sein. Boullay sagte: „Wir evaluieren jede Maßnahme: Was hat sie gebracht. Wir haben angefangen, Maßnahmen, die zwar beliebt sind, aber keine Wirkung haben, rauszuschmeißen.“
Auch in der Fehlzeitensteuerung führt an Daten kein Weg vorbei. Fehlzeiten seien nicht nur ein Gesundheits-, sondern ein wirtschaftliches Thema, betont Bastian Schmidtbleicher-Lück, Geschäftsführer von Moove, einem Anbieter von BGM-Lösungen. Mit durchschnittlich 14,6 Krankheitstagen pro Beschäftigten entstehen hohe Produktivitäts- und Wertschöpfungsverluste. Gerade deshalb empfahl der Experte, Fehlzeitenmanagement zu professionalisieren – mit Datentransparenz, wirtschaftlicher Bewertung und klaren Steuerungsmodellen.
Schließlich entstünden Fehlzeiten nicht zufällig, sondern folgten gewissen Mustern. So entstünden Phänomene, dass Beschäftigte trotz Krankheit zur Arbeit kommen (Präsentismus), dass sie sich nur krankmelden, weil sie das Gefühl haben, dass alle anderen krank sind (Cluster-Ausfälle) oder dass sie durch Überlastung aufgrund von zu viel Flexibilität ohne klare Governance krank werden (New-Work-Paradoxon). „Fehlzeiten sind nicht einfach da wie das Wetter, man kann sie beeinflussen“, so Schmidtbleicher-Lück. Entscheidend für die Verringerung von Ausfällen seien klare Regeln, gerechte Strukturen und wirksame Führungsinstrumente.
Prävention, bevor Belastungen eskalieren
Ein zentraler Hebel liegt offenbar auch in der frühzeitigen Unterstützung der Mitarbeitenden. „Warum soll ich Hilfestellung erst anbieten, wenn Mitarbeiter über eine gewisse Grenze kommen? Wichtig ist, präventiv zu agieren“, betonte Kölb-Adam.
Das gilt auch für psychosoziale und private Belastungen wie Pflegeverantwortung oder die Anforderungen hybrider Arbeit. Organisationen sollten Räume schaffen, in denen diese Themen sichtbar werden und über sie gesprochen werden kann, denn oft wirken private Belastungen unmittelbar in die Arbeitsfähigkeit hinein.
Besonders herausfordernd bleibt die Gestaltung gesunder Schichtarbeit. Optimierte Systeme, bessere Erholungszeiten und individuelle Begleitung können – wie im Bürobereich – Belastungen reduzieren. Gleichzeitig muss hybride Arbeit neu gelernt werden. Vereinbarte Präsenztage, klare Teamregeln und sichtbare Führung im Büro können wichtige Faktoren sein, die die Beschäftigten stärken.
BGM als Führungs- und Strategiethema
Das Fazit der Expertinnen und Fachleute: Betriebliches Gesundheitsmanagement ist heute keine Zusatzleistung mehr, sondern ein Kernbestandteil strategischer Unternehmensführung. Es stärkt Leistungsfähigkeit, Kultur und Bindung – und zahlt nachweislich auf die wirtschaftliche Stabilität ein. Unternehmen, die konsequent auf Prävention, Daten, gesunde Führung und individuelle Unterstützung setzen, schaffen die Grundlage für nachhaltige Leistungsfähigkeit – und letztlich für ein modernes BGM.
Kirstin Gründel beschäftigt sich mit den Themen Compensation & Benefits, Vergütung und betriebliche Altersvorsorge. Zudem kümmert sie sich als Redakteurin um das Magazin "Comp & Ben". Sie ist redaktionelle Ansprechpartnerin für das Praxisforum Total Rewards.

