Systeme für das Human-Capital-Management (HCM) gehören heute zur digitalen Infrastruktur moderner Unternehmen. Anbieter wie SAP Success Factors, Workday oder Oracle HCM Cloud versprechen integrierte Prozesse, transparente Vergütungslogiken und eine datenbasierte Steuerung.
Dass der Markt für HR-Technologien wächst, zeigt sich im DACH-Raum deutlich: In der „Kienbaum HR Strategie- und Organisationsstudie“ von 2025 nennen 54 Prozent der über 200 teilnehmenden Unternehmen IT- und Digitalisierungsprojekte als aktuell zentrale Transformationsinitiativen. Das ist ein Hinweis darauf, dass HR-Technologie und digitale Prozessoptimierung priorisierte Investitionsfelder sind. Doch in der Praxis ist ein wiederkehrendes Muster zu beobachten: Nicht allein die Technologie entscheidet über Erfolg oder Scheitern eines HCM-Projekts, sondern ein zentraler Erfolgsparameter ist auch die „Aufgeräumtheit“ der vorliegenden Strukturen und Systeme, die sie abbilden soll. Wer ein HCM-System einführt, ohne vorher die systemseitige organisatorische Basis zu klären, digitalisiert im besten Fall Komplexität – und im schlechtesten Fall Chaos.
Der entscheidende Unterschied eines HCM-Systems zur klassischen HR-Software liegt im Anspruch: Während herkömmliche Systeme verwalten, sollen HCM-Systeme steuern. Module wie Core HR, Recruiting, Performance Management, Compensation & Benefits, Learning oder Workforce Analytics greifen ineinander. Die Entitäten Organisation, Positionen, Rollen, Kompetenzen und Vergütung werden systematisch miteinander verknüpft.
HCM-Systeme steuern nur, was strukturell klar ist
Dieser integrierte Ansatz ist die Stärke moderner HCM-Systeme – aber auch eine der zentralen Anforderungen, denn Steuerung setzt Eindeutigkeit bei Zuordnungen sowie den Verantwortlichkeiten voraus.
Viele Unternehmen konfigurieren erst und diskutieren dann beispielsweise über die Rollenlandschaft. Doch fehlt das strukturierte Fundament, werden die Stärken des Systems zur Schwäche: Inkonsistente Daten, unklare Zuordnungen und historisch gewachsene Sonderregelungen lassen sich digital nicht lösen – sie werden lediglich sichtbar gemacht.
Phase null: Struktur schaffen
Unsere Projekterfahrung zeigt: Die meisten Schwierigkeiten bei der Einführung von HCM-Systemen entstehen nicht im technischen Design, sondern vielmehr, weil Unternehmen ihre Vergütungs- und Leistungslogik inhaltlich nicht ausreichend klären. Gehaltsbänder sind uneinheitlich aufgebaut, Rollen werden nach unterschiedlichen Kriterien bewertet,
Performance wird in jedem Bereich anders verstanden, und Bonusregelungen greifen nicht sauber ineinander. Wer diese offenen Punkte unverändert in ein HCM-System überführt, verschafft sich durch die Technologie nicht den erhofften Nutzen, beispielsweise eine Steigerung der Effizienz in der HR-Arbeit oder eine bessere Performance-Steuerung, sondern er verlagert bestehende Unklarheiten lediglich in ein neues technisches Umfeld. Deshalb empfehlen wir, dass ein wirksames HCM-Projekt nicht mit der Systemkonfiguration beginnt, sondern mit einer strategisch gedachten Phase null, die wir im Folgenden beschreiben.
Ein wirksames HCM-Projekt sollte nicht mit der Systemkonfiguration beginnen, sondern mit einer strategisch gedachten Phase, der Phase null.
Wichtige Erfolgsfaktoren
Drei Erfolgsfaktoren sind zentral in der Phase null:
- Zielsetzung und Nutzen klar definieren: Was soll das HCM-System konkret leisten, und für wen soll es Nutzen bringen? Welche Entscheidungen sollen künftig besser, schneller oder nachvollziehbarer werden? Wer diese Fragen vorab nicht beantwortet, konfiguriert ein System ohne Kompass. Zielbild und Nutzenerwartung müssen in der Organisation konsensfähig sein – zwischen HR, Führung und den späteren Nutzergruppen.
- Die Organisation frühzeitig einbinden: Ein HCM-System verändert Prozesse, Verantwortlichkeiten und Transparenz. Wer Betroffene erst beim Go-live informiert, riskiert Widerstand und Akzeptanzverlust. Führungskräfte als zentrale Nutzergruppe und Wissensträger über Rollen und Anforderungen müssen frühzeitig am Prozess beteiligt werden. Auch ist der Betriebsrat frühzeitig einzubinden, ebenso die IT als technische Schnittstelle. Finance muss zudem dort eingebunden werden, wo Vergütungsarchitekturen Budgetrelevanz haben.
- Etablierte Methoden nutzen, ergänzt durch Künstliche Intelligenz: Die inhaltliche Basis – Stellenbewertung, Levelstruktur, Jobarchitektur – sollte auf bewährten Bewertungsmethoden aufbauen. Künstliche Intelligenz kann diesen Prozess sinnvoll beschleunigen: Sie hilft beim Clustering ähnlicher Stellen, analysiert Überschneidungen in Jobbeschreibungen und kann auf Basis einer definierten Bewertungsmethode erste Einstufungsvorschläge generieren. Doch sie ersetzt keine Bewertungsentscheidung. Die inhaltliche Klärung, was eine Rolle ausmacht, welche Wertigkeit sie trägt, wo Grenzen verlaufen, bleibt Einschätzung von HR und dem Fachbereich.
Konkret bedeutet das für die inhaltliche Arbeit in Phase null aus Sicht von Comp-&-Ben-Experten, dass folgende Fragen beantwortet werden müssen:
- Welche Kriterien bestimmen die Wertigkeit einer Rolle, und wie lassen sich Positionen über Funktionen, Standorte und Hierarchien hinweg vergleichbar machen?
- Wie viele strukturell notwendige Rollen existieren tatsächlich? Welche können konsolidiert werden?
- Sind Stammdaten, Positionsbezeichnungen und Organisationsstrukturen sauber genug, um darauf Analytics aufzubauen?
Reduktion statt Reproduktion: Die Einführung eines HCM-Systems ist der richtige Moment, um gewachsene Komplexität zu hinterfragen – nicht, um sie zu konservieren.
Info
Fünf Leitfragen für eine wirksame Phase null
- Haben wir eine konsistente Logik, nach der wir Rollen bewerten und in Levels einordnen?
- Haben wir ein einheitliches Leistungsverständnis, das Mitarbeitenden und Führungskräften bekannt ist?
- Sind unsere Stammdaten sauber genug, um darauf Analytics aufzubauen?
- Liegt die Ownership für Jobarchitektur und Governance klar bei HR?
- Haben wir Führungskräfte als Nutzergruppe frühzeitig eingebunden und auf das neue System vorbereitet?
Jobarchitektur als Backbone des HCM-Systems
Eine belastbare Jobarchitektur ist mehr als ein Ordnungsinstrument. Sie ist das Rückgrat, auf dem alle wesentlichen HCM-Prozesse aufbauen. Klare Rollencluster, konsistente Levelstrukturen und definierte Wertigkeitskriterien schaffen die Voraussetzung für vergleichbare Performance-Bewertungen, nachvollziehbare Vergütungsbänder und valide Workforce-Analysen.
Gerade für mittelgroße Unternehmen liegt darin ein erheblicher Hebel: Standardisierte Rollenmodelle reduzieren den Pflegeaufwand, ermöglichen Marktvergleiche und erhöhen die Steuerbarkeit – ohne Differenzierung zu opfern. Weniger Individualisierung bedeutet in diesem Kontext nicht weniger Trennschärfe, sondern mehr Vergleichbarkeit über Funktionen und Standorte hinweg.
Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie verleiht diesem Thema zusätzliche Dringlichkeit: Ab diesem Jahr müssen Unternehmen nachweisen, dass sie gleichwertige Arbeit gleich vergüten. Ohne eine konsistente Jobarchitektur lässt sich Gleichwertigkeit nicht belastbar definieren und damit auch nicht belegen. Wer jetzt die strukturellen Grundlagen schafft, ist nicht nur regulatorisch auf der sicheren Seite, sondern gewinnt auch intern an Glaubwürdigkeit.
Eine belastbare Jobarchitektur ist mehr als ein Ordnungsinstrument. Sie ist das Rückgrat, auf dem alle wesentlichen HCM-Prozesse aufbauen.
Der nachhaltige Erfolg von HCM-Systemen bedingt, dass die Jobarchitektur nicht als einmaliges Projektergebnis betrachtet wird, sondern als lebendes System. Rollen verändern sich, Organisationen wachsen, Märkte entwickeln sich.
Klare Verantwortlichkeiten – wer entscheidet über neue Rollen, wer prüft Einstufungen, wer hält die Struktur konsistent – sind deshalb kein administrativer Wunsch, sondern Teil des Wertbeitrags. Ein HCM-System ist immer nur so aktuell und wirksam wie die Datenbasis, auf der es aufgebaut ist.
Fazit: Wirkung entsteht vor dem System
HCM-Systeme sind mächtige Werkzeuge, aber kein Selbstzweck. Ihre Wirksamkeit hängt fundamental davon ab, wie klar die Strukturen sind, die sie abbilden sollen. Wer die strategisch sinnvolle Phase null ernst nimmt und in eine belastbare Jobarchitektur investiert, schafft nicht nur die Voraussetzung für eine erfolgreiche Implementierung des HCM, sondern auch für eine nachhaltige Steuerungsfähigkeit von HR.
Autor
Anne-Katrin Rossner,
Managerin, Kienbaum Consultants International
anne-katrin.rossner@kienbaum.de
www.kienbaum.de
Dr. Michael Kind,
Director, Partner & Department Head Data Science and Data Management, Kienbaum Consultants International
michael.kind@kienbaum.de
www.kienbaum.de
