Frage an die HR-Werkstatt: Wie können sich Mitarbeitende Change-Kompetenzen mit Lego Serious Play aneignen?
Es antwortet: Bernhard Muhler, Geschäftsführer von BludauPartners Executive Consultants GmbH
Unsere Geschäftswelt verändert sich mit ansteigendem Tempo. Internationale Märkte, Wertschöpfungs- und Lieferketten sind mittlerweile so eng miteinander verflochten, dass ein einzelnes Ereignis die Weltwirtschaft über Nacht mehr oder weniger auf den Kopf stellen kann. Gleichzeitig verändern sich Kunden- und Verbraucherbedürfnisse fast so schnell, wie unsere Technologie sich weiterentwickelt. Daraus resultiert ein enormer Anpassungsdruck, der analog zum Ausmaß der Veränderung weiter ansteigt.
Dies setzt Unternehmensführungen immer mehr unter Zugzwang, denn tatsächlich erreichen knapp 70 Prozent (!) aller Veränderungsmaßnahmen nicht die angestrebten Ziele und jeder zweite Angestellte ist Veränderungen gegenüber skeptisch eingestellt. In der heutigen Welt werden somit Veränderungs- und damit auch Innovationsfähigkeit zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Wie aber können diese „Change-Kompetenzen“ veranschaulicht und vermittelt werden? Unter anderem mittels
Lego® Serious Play® (kurz: LSP). Lego Serious Play ist eine effektive Methode, um in kürzest möglicher Zeit auf kooperativ-spielerische Art und Weise ein gemeinsames Verständnis einer Situation, eines Problems oder eines Zieles innerhalb einer Gruppe zu erreichen.
Spielerischer Zugang zu Businessthemen
LSP beruht im Wesentlichen auf drei Säulen: Spiel, Vorstellungskraft und Konstruktionismus. Auch wenn der Begriff „Spiel“ klingen mag, wie das absolute Gegenteil von „Arbeit“ (auch „Serious Play“ mutet ja paradox an), so lässt sich nach Platon in einer Stunde Spiel mehr über einen Menschen lernen als in einem einjährigen Gespräch. „Spiel“ beschreibt hier eine freiwillige Aktivität, die strukturiert abläuft und limitiert ist – eben durch Regeln. Die Workshop-Teilnehmenden erstellen mit Legospielsteinen Modelle, mit deren Hilfe sie ihre Sicht visualisieren – zum Beispiel auf Beziehungen, Zukunftsbilder, Werte oder Ziele des Unternehmens. Dies kann die Beteiligten in einen „Flow-Zustand“ versetzen, also ein extrem vertieftes, reibungslos konzentriertes Arbeiten, das kreative und innovative Ergebnisse erzielt.
Zudem wird durch die Aufgabe, Konzepte und Eindrücke zu visualisieren, die Vorstellungskraft trainiert. Die Teilnehmenden eines LSP-Workshops, also schlicht die Mitarbeitenden, üben damit die Fähigkeit zu abstrahieren und Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Die Visualisierung führt bei Teilnehmenden oft zu völlig neuen Gedankengängen. So wird durch die Visualisierung weniger oft in „richtig“ und „falsch“ gedacht, sondern in den Kategorien „hilfreich“ und „weniger hilfreich“. Um zu innovativen Ideen zu gelangen, ist es von großer Bedeutung, potenzielle Szenarien vor dem inneren Auge durchzuspielen und dabei verschiedene Lösungsoptionen zu beachten.
Der Konstruktionismus beschreibt die Verbindung des menschlichen Lern- und Erinnerungsvermögens mit dem plastisch-motorischen Darstellen von Ideen und Beziehungen. Denkprozesse verlaufen in Kombination mit motorischen Bewegungen tiefgründiger und aktivieren so mehrere Gehirnregionen gleichzeitig, wodurch sich Erkenntnisse nachhaltiger festsetzen. Durch das Zusammenstecken der Bausteine wird also zusätzlich zu den kognitiven Vorgängen die Motorik aktiviert. Auf diese Weise werden abstrakte Gedanken bildlich visualisiert und im wahrsten Sinne des Wortes (be-)greifbar gemacht. Die Übersetzung eines Gedankens in ein gegenständliches Modell hilft außerdem immens dabei, die „Botschaft vom Botschafter“ zu unterscheiden, denn oftmals trüben eine Meinung oder ein Eindruck von Personen unser Urteilsvermögen.
Fehlt es an einem solchen Urteilsvermögen, werden öfter schlechtere Entscheidungen getroffen oder solche, die nicht von jedem und jeder mitgetragen werden. LSP hilft durch den Bau und die Visualisierung Entscheidungen besser, nachvollziehbarer und für alle transparent zu machen.

Lösungswege (be)greifbar machen
Im Zusammenspiel fördern diese drei Säulen also sowohl die Konzentration als auch das abstrakte Denken und sorgen gleichzeitig dafür, dass wir Ideen möglichst vorurteilsfrei betrachten. Die Art und Weise, wie Teams zusammenarbeiten, ist ein wesentliches Kriterium für ihren Erfolg. Lösungsansätze auf Augenhöhe zu diskutieren, unterschiedliche Sichtweisen respektvoll auszutauschen, sämtliche Teammitglieder und deren Fähigkeiten auf eine wertschätzende Art und Weise einzubinden, ist elementar in einer Arbeitswelt im Dauerwandel. Und genau diese Softskills sollen von LSP gefördert werden.
LSP folgt einem definierten Prozess, in dessen Mitte eine relevante Fragestellung steht. Die Teilnehmenden des Workshops müssen gemeinsam und auf Augenhöhe einen Lösungsansatz entwickeln und ihn anhand von Bausteinen veranschaulichen. So sollen Ideen und Vorschläge auf eine wertschätzende, respektvolle Art und Weise miteinander geteilt werden, ohne Bewertung oder Rechtfertigung. Zu Beginn baut jeder Teilnehmende zunächst ein individuelles Modell, das seine oder ihre persönliche Perspektive auf die Fragestellung darstellt, und präsentiert es anschließend im Plenum. Danach wird im Team ein zweites, gemeinsames Modell erarbeitet, das die zentralen Aspekte der Modelle aller Teammitglieder widerspiegeln soll.
Schlussendlich werden in einer gemeinsamen Reflexion die unterschiedlichen Perspektiven, Ansätze und Mehrwerte analysiert, sowie Parallelen bei ähnlichen Gedankengängen gezogen. So lernen alle Teilnehmenden die Denkweise der anderen kennen – gerade bei frisch zusammengestellten Teams, Abteilungen oder allgemein Menschengruppen kann das viel schneller zu einer konstruktiven Zusammenarbeit führen.
Von Zukunftsvisionen oder Zielbildern, über Veränderungsstrategien oder Jahresplanungen, bis hin zu grundlegenden Faktoren wie der Führungskultur oder der Art der Zusammenarbeit: Die Visualisierung komplexer Probleme und das gemeinsame Lösen auf spielerischer Basis hilft Teams (oder anderen Menschengruppen), in kurzer Zeit ein gemeinsames Verständnis für komplexe Herausforderungen zu entwickeln. Tatsächlich hilft eine bestimmte Zeitvorgabe bei LSP hier einen Rahmen vorzugeben, der zu realistischen Ergebnissen führt, die sich am Geschäftsalltag orientieren. Der zeitliche Rahmen kann sich je nach Aufgabe und dem üblichen Zeitdruck in der Branche ändern.

Ein gemeinsam entwickelter Lösungsansatz hat tendenziell mit deutlich weniger internen Widerständen zu rechnen als eine intransparente Entscheidung „von oben“. LSP ist gut dazu geeignet, alle Teammitglieder mit einzubeziehen, gerade diejenigen, die sonst eher stiller sind. Lego als Medium ist so niederschwellig (einfache Bedienung) und wertfrei (man kann nicht wirklich gut oder schlecht darin sein), dass bei LSP-Workshops in aller Regel eine 100-prozentige Teilnahme erreicht wird. Dadurch, dass die Perspektiven aller Teilnehmenden berücksichtigt werden, identifizieren sie sich inniger mit ihrer Arbeit und dem Unternehmen und sind so eher gewillt, Verantwortung zu übernehmen.
Darüber hinaus erlangt die gesamte Gruppe einen individuellen Einblick in die Denkweise aller Teilnehmenden, was das gegenseitige Verständnis und dadurch die interne Kommunikation verbessert. Mit der „Weisheit der Vielen“ gelangt man deutlich schneller zu kreativen Lösungsansätzen als durch vereinzelte Kompetenz. Dies gilt umso mehr für neuartige und/oder komplexe Fragestellungen und ermöglicht Unternehmen so, beispielsweise ihren Kunden innovativere Produkte und Dienstleistungen anzubieten und sich vom Wettbewerb abzuheben.
Mit LSP zu mehr Identifikation und Motivation
LSP kann eine geeignete Methode sein, um innovative Ideen in einem wertschätzenden Umfeld zu generieren, indem es unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt und sowohl die Motivation als auch das Verantwortungsbewusstsein der Teammitglieder stärkt, und darüber hinaus deren Identifikation mit der Arbeit erhöht. Der Grund: Dank dem tatsächlich physisch vorhandenen Bau und dem Entstehungsprozess bringt sich jeder und jede ein und der individuelle Einsatz, die eigene Meinung und der Input insgesamt wird gesehen. Letztendlich kann man so eine hohe Anpassungsfähigkeit von Teams – oder auch ganzer Abteilungen oder Unternehmen – in einer immer volatileren Welt gewährleisten.
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