AOK-Report: Fehlzeiten auf Rekordniveau 

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Der Krankenstand in Deutschland erreicht laut AOK-Fehlzeitenreport einen neuen Höchstwert. Das hat allerdings nicht nur mit kranken Mitarbeitenden, sondern auch mit einer besseren Erfassung zu tun. 

Mit 228 Arbeitsunfähigkeitsfällen je 100 Mitgliedern meldet der diesjährige Fehlzeiten-Report der Krankenkasse AOK einen erneuten Anstieg der Krankmeldungen – und damit den höchsten Wert seit Beginn der Erhebung. Im Jahr 2024 war jeder Beschäftigte durchschnittlich 2,3-mal krankgeschrieben.  

Neben der Zahl der Krankmeldungen weist der Report auch den Krankenstand aus, also den Anteil der arbeitsunfähigen Tage an der Gesamtarbeitszeit. Bundesweit lag dieser Wert 2024 bei 6,5 Prozent, was im Schnitt rund 24 Fehltagen pro Person entspricht. Konkret sagt die Zahl aus, dass Beschäftigte im Durchschnitt an 6,5 von 100 Arbeitstagen krankgeschrieben waren.  Zwischen den Bundesländern zeigen sich deutliche Unterschiede: Sachsen-Anhalt verzeichnet mit 7,7 Prozent den höchsten Krankenstand, Berlin mit 5,8 Prozent den niedrigsten. In Nordrhein-Westfalen liegt der Anteil mit sieben Prozent über dem bundesweiten Durchschnitt. 

Nach Diagnosen führen Atemwegserkrankungen die Statistik mit einem Anteil von 27,9 Prozent aller Krankmeldungen an. Es folgen Erkrankungen wie Rücken- und Gelenkbeschwerden mit 13,7 Prozent. Psychische Erkrankungen machen zwar nur 4,8 Prozent aller Krankmeldungen, aber 12,5 Prozent aller Fehltage aus. Ihre Zahl ist in den vergangenen zehn Jahren um 43 Prozent gestiegen, und sie verursachen besonders lange Ausfallzeiten – im Schnitt 28,5 Tage pro Fall. 

Vergleich mit anderen Krankenkassen 

Ein ähnliches Bild wie der AOK-Report zeichnet der diesjährige Gesundheitsreport der Barmer GEK. Auch dort wurde 2024 ein leichter Anstieg des Krankenstands festgestellt, allerdings auf niedrigerem Niveau: durchschnittlich 6,16 Prozent bei der Barmer gegenüber rund sieben Prozent bei der AOK. Der Unterschied erklärt sich durch die unterschiedliche Versichertenstruktur – die Barmer betreut stärker Angestellte in Dienstleistungsbranchen, die AOK mehr Beschäftigte in Industrie und Pflege. 

Die Barmer-Daten zeigen ebenfalls deutliche Zuwächse bei psychischen Erkrankungen. Zwischen 2020 und 2024 nahmen Arbeitsunfähigkeiten wegen Angststörungen um 75 Prozent, wegen Belastungsreaktionen um 69 Prozent und wegen Depressionen um 48 Prozent zu.  

Elektronische Erfassung statt mehr Krankheit 

Nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK hängt der Anstieg der Krankenstände vor allem mit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsmeldung (eAU) zusammen. Seit 2022 müssen Ärztinnen und Ärzte Krankmeldungen digital an die Krankenkassen übermitteln. Dadurch würden auch kurzzeitige Fehlzeiten vollständig erfasst, die zuvor teilweise unberücksichtigt blieben. 

Wie man die hohen Krankenstände senken könnte, ist umstritten. Mehrere Vorschläge liegen auf dem Tisch, unter anderem die Abschaffung der elektronischen Krankschreibung. So forderte CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann unlängst auf einer Parteiveranstaltung, die Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung auf den Prüfstand zu stellen. „Wir werden auch darüber reden, ob die telefonische Krankschreibung so sinnvoll ist oder ob man nicht sagt, wenn man krank ist, muss man zum Arzt gehen“, so Linnemann. 

Anja Piel, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), kritisierte Linnemanns Forderung als wirklichkeitsfern: „Die telefonische Krankschreibung hat sich bewährt, sie entlastet Praxen und schützt vor Ansteckung in Wartezimmern.“ In einer offiziellen Stellungnahme warf der DGB dem CDU-Generalsekretär vor, „die Lebensrealität der Beschäftigten nicht zu kennen“ und eine „Kultur des Generalverdachts“ zu fördern. 

Keine statistische Relevanz 

Statistisch fallen die telefonischen Krankschreibungen kaum ins Gewicht: Im Jahr 2024 wurden bei der AOK 26,4 Millionen Krankmeldungen wegen Atemwegserkrankungen registriert, aber nur 145 000 Fälle telefonischer Krankschreibungen. Die telefonische AU machte damit weniger als ein Prozent aller Fälle aus. AOK-Vorstandsvorsitzende Carola Reimann betont: „Die Einführung eines Karenztages zu Lasten der Beschäftigten oder die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung sind keine Maßnahmen, die nachhaltig etwas am hohen Krankenstand ändern werden.“ Entscheidend seien gesunde Arbeitsbedingungen und eine gute Führungskultur. 

„Gerade die Führungskräfte haben beim Thema Gesundheitsförderung eine zentrale Rolle“, unterstreicht Carola Reimann. Beschäftigte, die an Angeboten zur Betrieblichen Gesundheitsförderung teilnähmen, zeigten laut AOK höhere Zufriedenheit und stärkere Bindung an den Arbeitgeber. 

Künstliche Intelligenz als Zukunftsthema 

Der Fehlzeiten-Report 2025 widmet sich zusätzlich dem Schwerpunkt „Künstliche Intelligenz und Gesundheit“. Laut Befragung kommt KI in rund 42 Prozent der Betriebe bereits zum Einsatz, weitere neun Prozent planen entsprechende Anwendungen. Nur fünf Prozent der Beschäftigten befürchten, dass KI den eigenen Arbeitsplatz ersetzen könnte. 

Rahild Neuburger, Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Information, Organisation und Management an der LMU München und Mitautorin des Reports sieht in KI-Systemen Potenzial, psychische Belastungen frühzeitig zu erkennen oder Routineaufgaben zu übernehmen. „Der gezielte Einsatz von KI-Tools zur Unterstützung der Führungskräfte kann eine zentrale Stellschraube sein“, erklärte sie. Denkbar seien etwa Chatbots zur psychosozialen Beratung oder KI-basierte Schulungsprogramme zu Resilienz und Stressbewältigung. 

Carola Reimann hält die Technologie für ein mögliches Instrument betrieblicher Gesundheitsförderung, mahnt aber zur Einbindung der Beschäftigten: „Künstliche Intelligenz bietet interessante Möglichkeiten zur Unterstützung der Betrieblichen Gesundheitsförderung. Entscheidend ist, dass Mitarbeitende partizipieren und Ängste abgebaut werden.“ 

Der DGB betont dagegen die sozialen Ursachen. „Viele Beschäftigte leiden seit Jahren unter täglicher Überlastung, hohem Zeitdruck und zunehmender Arbeitsverdichtung“, sagte Piel. Arbeitgeber müssten diese Entwicklung ernst nehmen und Arbeitsbedingungen verbessern. 

Was ist der AOK-Fehlzeitenreport 2025? 

Der Fehlzeiten-Report 2025 beruht auf einer repräsentativen Beschäftigtenbefragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Im Frühjahr 2025 wurden dafür rund 2500 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus unterschiedlichen Branchen und Unternehmensgrößen online befragt. Ergänzend flossen die Arbeitsunfähigkeitsdaten von rund 15 Millionen AOK-versicherten Beschäftigten in die Auswertung ein. Der Bericht wird jährlich vom WIdO gemeinsam mit der Universität Bielefeld und der Beuth Hochschule für Technik Berlin herausgegeben. 

Info

Sven Frost betreut das Thema HR-Tech, zu dem unter anderem die Bereiche Digitalisierung, HR-Software, Zeit und Zutritt, SAP und Outsourcing gehören. Zudem schreibt er über Recruiting und Employer Branding. Er verantwortet weiterhin die redaktionelle Planung verschiedener Sonderpublikationen der Personalwirtschaft.