Frauenarbeitsplätze und Gleitzeit: Die Personalwirtschaft im Jahr 1974

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Hätte die Luftfahrtbranche zu Beginn der Coronakrise doch nur Heft 1/1974 der praxis der personalarbeit gelesen. Denn schon im Leitartikel der allerersten Ausgabe des Personalwirtschaft-Vorgängers heißt es: „Wer heute Mitarbeiter entlässt, dem fehlen sie vielleicht morgen.“ 

Die Bundesrepublik befand sich damals aufgrund der ersten Ölkrise in einer ähnlich schwierigen wirtschaftlichen Lage wie heute wieder. Das Nullwachstum der deutschen Wirtschaft im beginnenden Jahr 1974 sowie der Rückgang des Bruttosozialprodukts im folgenden Jahr lagen zwar noch in der Zukunft, es herrschte aber bereits Krisenstimmung.

Kein Wunder also, dass es in den ersten Ausgaben des Jahres schwerpunktmäßig unter anderem um Personalkosten und Personalabbau ging. Die Hilfsmittel und Methoden dabei wirken aus heutiger Sicht teilweise etwas seltsam: „Haben Sie schon einmal versucht, mit einem geharnischten Rundschreiben Ihre Mitarbeiter zur Sparsamkeit beim Telefonieren anzuhalten?“ weckt heute höchstens nostalgische Gefühle – nicht zuletzt, weil jungen Menschen heute oft eher vorgeworfen wird, am liebsten gar nicht mehr zum Telefonhörer zu greifen. Auch von dezidierten „Frauenarbeitsplätzen“ dürften heute glücklicherweise nur noch die Allerwenigsten sprechen.

So sah das Cover der ersten „praxis der personalwirtschaft“ im Januar 1974 aus. (Bild: Archiv)
So sah das Cover der ersten „praxis der personalwirtschaft“ im Januar 1974 aus. (Bild: Archiv)

Personalmarketing ein überflüssiges Modewort?

Es gibt aber auch Vorschläge, die heute noch genauso formuliert werden könnten. So plädiert der damalige Schriftleiter (heute würde man wohl Chefredakteur oder Redaktionsleiter sagen) nicht nur in der ersten Ausgabe dafür, überhaupt eine vernünftige Personalplanung einzuführen. Das senke nicht nur mittelfristig die Kosten, sondern erlaube es auch, eine ungefähre Ahnung zu bekommen von zukünftigen Kosten und Bedarfen. „Eine saubere, auf einer soliden Personalplanung aufgebaute Personalkostenplanung gibt es ohnehin nur in wenigen Betrieben“, heißt es allerdings in Heft 8. Ein Urteil, dass auch fünfzig Jahre später nur wenig positiver ausfallen dürfte.

Dabei zeigte sich auch damals schon ein Problem, unter dem Personalabteilungen heute ächzen: „Die Veränderungen am Arbeitsmarkt haben dazu geführt, dass der Betrieb nicht mehr beliebig und jederzeit Hilfs- und Fachkräfte vom Arbeitsmarkt abrufen kann“, heißt es in einem Text zur Frage, ob Personal-Marketing (sic!) ein „überflüssiges Modewort“ sei (Antwort: kommt drauf an). Und auch bei der Behandlung des Themas Gleitzeit, die damals als „gleitende Arbeitszeit“ langsam immer größere Kreise zieht, wird die Arbeitgeberattraktivität als einer der Hauptgründe für die Einführung genannt. Homeoffice-Diskussion, ick hör dir trappsen!

Selbst das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist im ersten Jahr der Zeitschrift schon Thema: In gleich zwei Fallbeispielen, die als eine Art Übungsfall den Umgang mit Problemen schulen sollen, geht es um die Beschwerden von Ehefrauen. Sie sagen, ihre Männer würden zu sehr auf der Arbeit eingespannt. Die Lösung, nicht nur mit dem Mitarbeiter, sondern auch mit seiner Frau zu sprechen, würde heute allerdings wohl nicht mehr so angewandt.

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Interview des Jahres: Dieter Fischer, Personalleiter Avon Cosmetics

Der gesamte Jahrgang 1974 enthält nur ein Interview. Das ist dafür auch heute noch absolut lesenswert. Dieter Fischer, Personalleiter von Avon Cosmetics, berichtet darin über die 4 Jahre zuvor eingeführte, „abteilungsbezogene divisionale Gliederung“ in seiner Abteilung. Kurz: Jeder seiner sechs Personalreferenten hat nicht nur ein operatives Spezialthema. Er ist zusätzlich auch für eine Abteilung zentraler Ansprechpartner – „one face to the customer“, würde man das heute wohl nennen. Fischer berichtet zudem von technischen Neuerungen wie vorgefertigten Texten in der zentralen Textverarbeitung und einem „runden Tisch“ der Personalabteilung in jeder Woche.

Und noch etwas fällt an dem Interview auf: Zum ersten (und zumindest 1974 einzigen) Mal spricht Fischer nicht nur von Personalreferenten, sondern erwähnt die Personalreferentinnen ebenfalls.

Witz des Jahres

Aus heutiger Sicht lässt sich nicht mehr sagen, ob es sich um (ausgedachte) Witze oder (echte) Anekdoten handelt. Jedenfalls schmücken die praxis-der-personalarbeit-Seiten 1974 an einigen Stellen durchaus amüsante Textchen:

Ein englischer Gewerkschaftsfunktionär zu einem Bauunternehmer: „Sie hätten mehr Arbeitsplätze geschaffen, wenn Sie statt des Bulldozers hundert Schaufeln gekauft hätten!“ … erwidert der Unternehmer gereizt: „Warum nicht gleich Teelöffel?“

Zahl des Jahres: 879 D-Mark

Knapp 900 Mark beträgt vor fünfzig Jahren der Unterschied zwischen Männern und Frauen beim Durchschnittsbruttolohn. In relativen Zahlen ausgedrückt wirkt der Gender Pay Gap sogar noch größer: 41,3 Prozent weniger Geld erhalten Frauen im Schnitt – 1249 statt 2128 Mark im Monat.

Info

Matthias Schmidt-Stein war bis Oktober 2025 Redaktionsleiter Online der Personalwirtschaft und leitete gemeinsam mit Catrin Behlau die HR-Redaktionen bei F.A.Z. Business Media. Thematisch beschäftigte er sich insbesondere mit den Themen Recruiting und Employer Branding.