Aktuelle Ausgabe neu

Newsletter

Abonnieren

Heidelberger Druckmaschinen verlost Anwesenheitsprämie

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Die Diskussion in Politik und Wirtschaft um Arbeitsunfähigkeit reißt nicht ab. Deutschland verzeichnet im Europavergleich überdurchschnittlich viele Krankheitstage. CEOs wie Oliver Bäte von der Allianz schlagen Gegenmaßnahmen wie Karenztage vor – oder setzen sie gleich durch. 

So diese Woche geschehen bei den Heidelberger Druckmaschinen AG (Heideldruck) in Wiesloch-Walldorf. Wie die Rhein-Neckar-Zeitung berichtete verloste das Unternehmen unter Mitarbeitenden ohne Krankentage dreimal eine Prämie von 800 Euro netto, als „Zeichen der Wertschätzung“, wie es in einem internen Schreiben hieß.  

Heideldruck reagierte auf diverse Medienanfragen mit einem offiziellen Statement: „Am Standort Wiesloch-Walldorf waren rund 1.100 Mitarbeitende und an den übrigen Standorten weitere 400 im letzten Jahr ohne krankheitsbedingte Fehlzeiten. Alle Mitarbeitenden erhalten einen persönlichen Brief als Würdigung. Wir wollen das Engagement und die Motivation als wesentlichen Teil unseres Unternehmenserfolgs honorieren“, hieß es dort. Etwa jeder vierte Beschäftigte des Standorts hatte im vergangenen Jahr also keinen einzigen Krankentag. Ein geringer Krankenstand helfe bei dem gegenwärtigen Kostendruck: „Wirtschaftlich steigert ein möglichst niedriger Krankenstand die Produktivität eines Unternehmens und bedeutet auch geringere Kosten.“ Im Schreiben bedankt sich das Unternehmen explizit bei den Beschäftigten, die trotz Unwohlseins zur Arbeit gekommen sind. 

Ralph Arns von der IG Metall Heidelberg und Vorsitzender der Arbeitnehmervertretung der Heidelberger Druckmaschinen AG äußerte sich der Rhein-Neckar-Zeitung gegenüber kritisch. Er nannte die Aktion „antiquiert“ und einen „Schlag ins Gesicht“ für alle Mitarbeitenden, die schwer krank sind oder waren. „Wir sehen dies mehr als problematisch.“ 

Belegschaft wurde eine Woche vorher informiert 

Verantwortlich im Vorstand für Personalthemen bei Heideldruck ist Jürgen Otto, CEO und Arbeitsdirektor von der Heidelberger Druckmaschinen AG. Er wechselte Anfang Juli 2024 von S. Oliver zu dem Unternehmen. Das Unternehmen kämpft seit Jahren mit sinkenden Umsatzzahlen. Im November 2024 bezeichnete das Handelsblatt den neuen CEO Otto als „untypischen Sanierer“, der auch ungewöhnliche Wege ginge. Damals gestand Otto den Angestellten nur noch einen Tag Homeoffice in der Woche zu, um „mehr Gerechtigkeit“ in der Belegschaft zu schaffen. 

Inzwischen verteidigte Otto der Rhein-Neckar-Zeitung gegenüber seine Idee. Es liege nicht in der Absicht des Unternehmens zu „verfolgen und bestrafen“, sondern „Wertschätzung denen gegenüber ausdrücken“, die keinerlei Fehltage zu verzeichnen hätten. Zwar solle man sich nicht „krank zur Arbeit schleppen“, Otto verwies aber auf „üppige Urlaubsansprüche“ mit denen die Mitarbeitenden „ausgleichen“ könnten. Otto gab auch bekannt, dass die Krankentage bei Heideldruck leicht unter dem deutschen Durchschnitt lägen. Die Idee zur Prämie sei ihm gekommen, da Deutschland wiederum über dem Schnitt liege. Es ist allerdings statistisch fraglich, ob Deutschland bezüglich der Krankentage im europäischen Vergleich tatsächlich so schlecht dasteht.

Auf Nachfrage, ob die Verlosung zuvor angekündigt wurde, antwortete die Pressestelle des Unternehmens, dass Mitarbeitende und Führungskräfte etwa eine Woche vorab per Mail und Intranet informiert wurden. 

Alles zum Thema

Krankschreibung

Das Thema Arbeitsunfähigkeit beschäftigt viele Unternehmen. Aus der Wirtschaft werden immer neue Wege bekannt, hohen Krankenständen entgegen zu wirken. Auch die Politik äußert Vorschläge, die in der Gesellschaft und Arbeitswelt diskutiert werden. Alle Entwicklungen, News und Einordnungen finden Sie auf unserer Themenseite.

Verlosung einer Prämie: arbeitsrechtliche Einschätzung 

Rein rechtlich sind Anwesenheitsprämien zulässig und die Umsetzung sehr genau geregelt. Doch darf sie auch verlost werden? Immerhin gehen dabei die allermeisten derjenigen, die keinen Tag fehlten, leer aus. Was sagt das Arbeitsrecht zu einer solchen Auslosung? Christoph Seidler, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Osborne Clarke in Hamburg, hält die Aktion rechtlich für zulässig. 

Trotz der geringen Zahl der Prämien (drei Zahlungen auf etwa 1.000 grundsätzlich Berechtigte) wäre die Leistung zwar wohl an dem arbeitsrechtlichen Gleichbehandlungsgrundsatz zu messen. Die unterschiedliche Behandlung sei dann aber zulässig, wenn ein sachlicher Grund bestünde, so der Anwalt. „Die Verlosung als objektives, transparentes Verteilungsmittel ist nicht zu beanstanden.“ 

Seidler weist allerdings darauf hin, dass die Verteilung von Anwesenheitsprämien mit dem Betriebsrat zu regeln ist. Geschieht dies nicht, kann der Betriebsrat möglicherweise im Nachhinein noch eine andere Verteilung durchsetzen. Zwar führt dies nicht dazu, dass alle Beschäftigten die Prämie erhalten. Aber die drei ausgelobten Prämien könnten anders verteilt werden. Der Arbeitgeber müsste sie dann gegebenenfalls nachzahlen, so Seidler. Inwiefern Heideldruck die Prämie zuvor mit dem Betriebsrat verhandelt hatte, ist nicht bekannt. Zum Redaktionsschluss stand der Betriebsratschef nicht für ein Statement zur Verfügung. 

Anwesenheitsprämien wissenschaftlich umstritten 

In der Debatte um diese und ähnliche Maßnahmen gehen die Meinungen in der HR-Szene auseinander. Einige HR-Expertinnen und Experten sprechen sich dafür aus, lieber die Ursache für Krankenstände ins Auge zu fassen und befürchten eine Misstrauenskultur und Ansteckungsgefahr durch nicht auskurierte Mitarbeitende. Andere sehen sowohl Mitarbeitende wie auch Ärztinnen und Ärzte in der Pflicht, mit Krankschreibungen verantwortungsvoller umzugehen.  

Denn wissenschaftlich ist umstritten, ob Anwesenheitsprämien das gewünschte Resultat erzeugen. Ein Experiment bezüglich eines Anwesenheitsbonus von der Frankfurt School of Finance & Management zeigte einen gegenteiligen Effekt: Teilnehmende sahen den Verzicht auf den Bonus als eine Art Ablass – und fehlten häufiger als vor der Einführung der Prämie.

Angela Heider-Willms verantwortet die Berichterstattung zu den Themen Transformation, Change Management und Leadership. Zudem beschäftigt sie sich mit dem Thema Diversity.