Immer mehr Beschäftigte mit Pflegeaufgaben: Wie HR gezielt unterstützen kann

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In Zukunft kommen erhebliche Herausforderungen auf den Arbeitsmarkt zu. Laut Statistischem Bundesamt erreichen in den nächsten 15 Jahren rund 13,3 Millionen Erwerbstätige das gesetzliche Rentenalter und scheiden aus dem Arbeitsmarkt aus – eine Lücke, die aufgrund des demografischen Wandels nicht durch jüngere Altersgruppen gefüllt werden kann.

Doch das ist nicht das einzige Problem: Auch die Zahl der Pflegebedürftigen steigt bis 2070 deutlich an. Wie sich das auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer auswirkt – und wie HR präventiv darauf reagieren kann –, zeigt die Studie „Pflegewelle trifft Arbeitsmarkt“. Die Untersuchung, die der Personalwirtschaft vorliegt, wurde vom Marktforschungsinstitut Bilendi im Auftrag der Mitarbeiter-Benefit-Plattform Voiio (Eigenschreibweise voiio) durchgeführt.

Pflegewelle im Bewusstsein, aber nicht im Plan

Mit der wachsenden Zahl Pflegebedürftiger steigt auch der Bedarf an Pflege durch Angehörige. Bereits derzeit werden mehr als zwei Drittel aller Betroffenen nach Destatis-Zahlen von Familienmitgliedern versorgt und betreut. Künftig werden daher viele Beschäftigte dem Arbeitsmarkt nicht mehr in vollem Umfang zur Verfügung stehen, da sie etwa ihre Arbeitszeiten verringern oder berufliche Auszeiten nehmen. Konkret rechnet mehr als jeder Zweite der Befragten damit, dass innerhalb der nächsten Jahre ein Pflegefall auf ihn zukommt – aus der Familie oder dem persönlichen Umfeld. Am häufigsten wird der Pflegebedarf bei der Mutter (51 Prozent) oder dem Vater (40 Prozent) erwartet.

Angesichts dieser Zahlen könnte man meinen, dass Betroffene sich sowohl privat als auch beruflich auf diese Situation vorbereiten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Nur 16 Prozent der Befragten gaben an, sich bereits intensiv mit den beruflichen Folgen auseinandergesetzt zu haben. Weitere 43 Prozent haben sich nur oberflächlich mit der Thematik beschäftigt – und 40 Prozent haben das Thema bislang verdrängt.

Kollidiert die Pflegeaufgabe mit dem Beruf?

Das Problem dabei: Der Arbeitsalltag lässt sich nach Einschätzung jedes zweiten Befragten „eher schlecht oder gar nicht“ mit Pflegeaufgaben vereinbaren. Besonders kritisieren viele, dass aus ihrer Sicht nur schwer kurzzeitiges Fernbleiben von der Arbeit oder Arbeit von zu Hause aus möglich ist. 50 beziehungsweise 51 Prozent der Beschäftigten sehen die Chancen dafür in ihrem Job als schlecht oder nicht darstellbar.

Doch selbst mehr Flexibilität würde das Problem nur teilweise lösen. Denn die von den Umfrageteilnehmenden erwarteten Herausforderungen pflegender Angehöriger gehen deutlich weiter: Regelmäßige Arzt- oder Pflegetermine während der Arbeitszeit (85 Prozent), kurzfristige Ausfälle infolge eines Notfalls (84 Prozent) sowie eine erhöhte emotionale Belastung neben dem Job (81 Prozent) stehen dabei ganz oben auf der Liste.

Pflege kostet mehr als nur Zeit

Nicht nur zeitlich, sondern auch finanziell stehen pflegende Angehörige vor erheblichen Herausforderungen. 60 Prozent der Beschäftigten fühlen sich finanziell nicht gut auf eine Pflegesituation vorbereitet. Lediglich 16 Prozent gaben an, sich rechtzeitig damit auseinandergesetzt zu haben und monetär gut aufgestellt zu sein. Nur jeder Dritte könnte eine externe Pflegekraft mitfinanzieren.

Auch beruflich werden spürbare Konsequenzen befürchtet: Der Umfrage zufolge müssten 60 Prozent der Befragten im Fall einer Pflegesituation wahrscheinlich ihre Karriereziele zurückstellen, 55 Prozent auf eine Beförderung verzichten und 53 Prozent eine Gehaltserhöhung deutlich aktiver einfordern. Die Hälfte rechnet damit, ihre Arbeitszeit reduzieren zu müssen. Und bei mangelnder Flexibilität würden sogar 45 Prozent den Arbeitgeber wechseln.

Wie kann HR die pflegenden Angehörigen unterstützen?

Ein klares Signal für HR, frühzeitig auf die bevorstehenden Herausforderungen zu reagieren – und nicht erst dann, wenn der Ernstfall eingetreten ist. Denn: Beschäftigte erwarten zunehmend flexible Arbeitszeiten und eine verständnisvolle Führungskraft. Doch das Thema Pflege wurde bislang in den wenigsten Unternehmen aktiv kommuniziert, wie 77 Prozent der Befragten bestätigten. Dementsprechend weiß nur knapp jeder oder jede Fünfte, ob es Pflegeangebote oder andere Regelungen im eigenen Unternehmen gibt.

Die Studie zeigt: Es besteht ein klarer Handlungsbedarf.

  1. Aktiv aufklären: Unternehmen sollten das Thema Pflege in ihrer internen Kommunikation verankern, um Grundlagen zu erörtern oder Anlaufstellen zu nennen. Informationen zu Pflegegraden, rechtlichen und beruflichen Ansprüchen sowie finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten helfen Mitarbeitenden, vorausschauend zu planen und übereilte Entscheidungen zu vermeiden. Dabei gilt: Solche Angebote müssen als freiwillige Orientierungshilfe wahrgenommen werden, leicht auffindbar sein und laut Voiio von informierten Führungskräften begleitet werden.
  2. Klare Regelungen für den Pflegefall schaffen: Neben langfristigen Arbeitszeitmodellen brauchen Beschäftigte verlässliche und unbürokratische Lösungen für kurzfristige Pflegesituationen. Instrumente wie Arbeitszeitkonten oder flexible Kernzeiten sind dabei sinnvoller als dauerhafte Stundenreduzierungen. Ebenso wichtig ist Transparenz darüber, unter welchen Bedingungen – bei vorübergehendem Kürzertreten – eine Rückkehr zum ursprünglichen Arbeitsumfang möglich ist.
  3. Belastungen der Mitarbeitenden erkennen: Die Herausforderungen pflegender Angehöriger gehen weit über Arbeitszeitfragen hinaus. Unternehmen sollten auch emotionale Belastungen sowie Sorgen rund um Vergütung und Karriereentwicklung ernst nehmen und entsprechende Unterstützungsangebote bereitstellen.
  4. Geschlechtsspezifische Ungleichgewichte vermeiden: Da Pflegeverantwortung nach wie vor überwiegend von Frauen getragen wird, sollten alle Angebote gezielt geschlechterneutral kommuniziert werden – um Männer gleichermaßen anzusprechen und langfristige Karrierenachteile für weibliche Beschäftigte zu verhindern.

Ein durchdachtes Pflegeangebot ist damit weit mehr als ein sozialer Benefit: Es wirkt sich unmittelbar auf Motivation, Bindung und Arbeitgeberattraktivität aus – und sollte daher als strategisches Instrument verstanden werden.

Bundeskabinett hat Pflegereform beschlossen

Nicht nur seitens der Arbeitgeber ist Handeln gefragt. Auch die Politik widmet sich dem Thema in der derzeitigen Debatte um die Pflegereform. Dabei geht es jedoch mehr um die Stabilisierung des Pflegesystems als um die einzelnen Betroffenen selbst. Am heutigen Mittwoch hat das Bundeskabinett einen Gesetzesentwurf zur Pflegereform beschlossen, nachdem bis zuletzt unklar war, ob die Koalition nach vorherigem Streit dafür die nötigen Weichen stellen kann.

Für pflegende Angehörige bringt die geplante Reform jedoch mehr Nachteile als Verbesserungen. Laut der Techniker Krankenkasse sah ein ursprünglicher Entwurf zwar vor, voneinander getrennte Pflegeleistungen in Budgets zu bündeln, um sie flexibler nutzen zu können. Zuschüsse zum Eigenanteil in Pflegeheimen sollten demnach allerdings erst nach 18 Monaten steigen, während die durchschnittliche Verweildauer aktuell bei 12 Monaten liegt. Zudem sollten neue Schwellenwerte die Einstufung in die Pflegegrade 1 bis 3 erschweren. Darüber hinaus würden die Rentenansprüche pflegender Angehöriger sinken, wenn die von der Pflegekasse eingezahlten Beiträge auf 70 Prozent gesenkt werden.

Was in der heutigen Sitzung konkret beschlossen wurde, ist bislang noch nicht im Detail bekannt. Ebenso bleibt abzuwarten, inwieweit die konkrete Ausgestaltung im nun anstehenden parlamentarischen Verfahren noch geändert wird. Denn bevor die Neuregelung in Kraft treten kann, muss der Entwurf noch Bundestag und Bundesrat passieren.

Info

Paula Heidemann

Paula Heidemann ist Volontärin bei der Personalwirtschaft.